Zwei Kinder mit Fußball und FFP2-Maske
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Coronavirus

Entscheidung über Impfstoff ab fünf

Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) wird am Donnerstag über die Zulassung des CoV-Impfstoffs von Biontech und Pfizer für Kinder ab fünf Jahren entscheiden. Gut zwei Monate lang wurden Daten zu Risiken und Effektivität des Impfstoffs bei Fünf- bis Elfjährigen geprüft – nun soll die Bewertung abgeschlossen werden. Heimische Experten verweisen auf andere Bewertungsgrundlagen als bei Erwachsenen.

In Europa ist der Impfstoff von Biontech und Pfizer bisher für Menschen ab zwölf Jahren zugelassen. In Israel und den USA dürfen damit bereits Kinder ab fünf Jahren geimpft werden. In Österreich – zum Beispiel in Wien, Tirol und Oberösterreich – gibt es bisher nur „Off Label“-Impfungen (die Anwendung von Arzneimitteln außerhalb des Zulassungsbereichs) für Kinder unter zwölf. Kinder erhalten derzeit – als Übergangslösung – ein Drittel einer Erwachsenendosis.

An der Zulassungsstudie für den Biontech-Pfizer-Impfstoff nahmen knapp 2.300 Kinder zwischen fünf und elf Jahren teil. Nach Angaben des Herstellers beträgt die Wirksamkeit 91 Prozent. „Das ist ein besonders guter Wert“, sagte der Virologe Christoph Steininger gegenüber Ö1. Die besagte Studie sei schon unter der Bedingung der aggressiveren Delta-Variante entstanden – zum Unterschied von ersten Zulassungsstudien für den Impfstoff.

Eine Nebenwirkung nach einer Impfung sei vor allem Abgeschlagenheit. Das sei, so Steininger, mit etwa 30 Prozent die „häufigste Nebenwirkung“. Fieber sei selten aufgetreten – bei etwa fünf bis zehn Prozent der Geimpften. Ähnlich verhielt es sich bei Glieder- und Gelenksschmerzen.

Risikobewertungen „anders als bei Erwachsenen“

Risikobewertungen in Sachen CoV-Infektion und Erkrankung bei Kindern seien „anders als bei Erwachsenen“, so Volker Strenger, Kinder- und Jugendfacharzt an der Med Uni Graz, im Ö1-Morgenjournal. Bei Erwachsenen gehe es darum, mögliche Todesfälle und die Aufnahme in Intensivstationen zu verhindern, bei Kindern gebe es solche Fälle sehr selten. „Kinder erkranken nicht so häufig sehr stark“, dennoch könne es vorkommen.

„Bei einer Impfung, die aus derzeitiger Sicht sehr sicher ist und weniger Impfreaktionen hervorruft als bei Jugendlichen, überwiegt der Benefit“, so Strenger. Bedenken seien jedoch zu verstehen, auch der Gedanke, dass Kinder ohnehin nicht so schwer erkranken könnten, spiele eine Rolle. Doch gab Strenger zu bedenken, dass es „nicht so ist, dass sie gar nicht schwer erkranken können“.

Kinder und Jugendfacharzt Volker Strenger
ORF
Volker Strenger, Kinder- und Jugendfacharzt an der Uni Graz

Hohe Infektionszahlen bei Kindern

Auch verwies er auf die hohen Infektionszahlen bei Ungeimpften, darunter viele Kinder. Wenn man davon ausgehe, dass sich jeder irgendwann infiziert, der nicht geimpft ist, seien zwar in Einzelfällen die Komplikationen nicht so häufig, aber in der Summe würden wohl mehr Komplikationen zu sehen sein, wenn sich mehr Kinder infizieren. „Der Nutzen überwiegt“, so Strenger.

Genau würden die USA beobachtet: Dort seien schon über drei Millionen Fünf- bis Elfjährige geimpft worden. „Auch sehr seltene Nebenwirkungen, etwa die Herzmuskelentzündung, sind noch nicht in einem Ausmaß beobachtet worden, dass das beunruhigend wäre“, so Strenger. Bei Jugendlichen sei das eine sehr seltene Nebenwirkung, bei einer Million Geimpfter gebe es etwa 70 Fälle von sehr leichter Herzmuskelentzündung – bei Kindern sei das aber nicht beobachtet worden.

Kinderarzt Zwiauer: CoV „unkalkulierbares Risiko“

Laut Karl Zwiauer, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde sowie Mitglied des Nationalen Impfgremiums (NIG), führt keine Kinderkrankheit zu so vielen Spitals- und Intensivstationsaufenthalten wie Covid-19. Daten der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) zufolge landeten im April in der dritten Pandemiewelle pro Woche ein bis drei Kinder und Jugendliche auf Intensivstationen.

Als Vergleich nannte der Kinderarzt die Masern, an denen eines von 1.000 infizierten Kindern schwer erkranke. „Mit der Impfung haben wir das in den Griff bekommen“, stellte er fest, das gleiche Ergebnis wolle man mit der CoV-Impfung von fünf- bis elfjährigen Kindern erzielen. Denn CoV stelle für Kinder ein „unkalkulierbares Risiko“ dar. Zwiauer wie auch Steininger und Strenger führten im Falle von Kindern auch „Long Covid“ als mögliche Gefahr an.

Wien mit Vorreiterrolle

Ist die Zulassung in der EU fix, wird es vermutlich auch eine entsprechende NIG-Empfehlung geben. Bis die eigens für Kinder hergestellten Dosen EU-weit verfügbar sein werden, wird es wohl noch bis Ende des Jahres dauern, hieß es aus dem Gesundheitsministerium gegenüber dem „Standard“. Die Art des Impfstoffs sei dieselbe, nur sei der Impfstoff in einer weniger konzentrierten Impflösung, auch das Lösungsmittel sei anders, so Strenger von der Med Uni Graz.

Aus diesen Umständen heraus dürfte das Nationale Impfgremium als Übergangslösung überlegen, eine Empfehlung für eine Dritteldosis auszusprechen. Wien nahm dabei im November mit dem Start der „Off Label“-Impfungen für Kinder ab fünf eine Vorreiterrolle ein. Auch Niederösterreich geht zügig voran, dort starten die ersten Impfungen für Fünf- bis Elfjährige am Donnerstag. Möglich ist die Immunisierung in den Impfzentren in St. Pölten, Tulln und Wiener Neustadt.

In Oberösterreich kann man ebenfalls seit knapp einer Woche Kinder zwischen fünf und elf Jahren für die Impfung vormerken lassen. Bis Mittwoch hat es 2.600 derartige Reservierungen gegeben, hieß es offiziell. Inzwischen sind in Oberösterreich aber auch schon rund 1.600 Kinder geimpft worden. Sobald die EMA-Zulassung erfolgt ist, sollen weitere Angebote und Planungen präsentiert werden.

Manche Bundesländer in Startlöchern

In Tirol besteht auch bereits seit vergangener Woche die Möglichkeit, Kinder zwischen fünf und elf Jahren zu impfen. Bisher wurde 1.120 Kindern eine Impfdosis verabreicht. In der Steiermark ist die Anmeldung von jüngeren Kindern zur CoV-Schutzimpfung seit Dienstag über das bekannte Anmeldetool des Landes Steiermark möglich. Geplant sind vorerst zwei Impftermine am 4. und 5. Dezember in den Impfstraßen in Graz, Premstätten und Leoben.

In Vorarlberg gab es bis Mitte der Woche rund 260 Vormerkungen zur Kinderimpfung. In Salzburg stehe man bei den Kinderimpfungen ebenfalls in den „Startlöchern“, erklärte eine Sprecherin von Gesundheitsreferent und Landeshauptmannstellvertreter Christian Stöckl (ÖVP). Das Burgenland wartet bei der Impfung für jüngere Kinder noch auf die Empfehlung des NIG. Auch in Kärnten gibt es zurzeit noch keine Möglichkeit, Vormerkungen für Kinderimpfungen vorzunehmen.