Flamme auf einem Gasherd
ORF.at/Christian Öser
Rekordhoch

Energiepreise lassen Alarmglocken schrillen

Um 515,1 Prozent höher liegt der Österreichische Gaspreisindex (ÖGPI) im Dezember 2021 im Vergleich zum Vorjahresmonat. Diese Zahl veranschaulicht, warum die Nerven auf dem Energiemarkt derzeit blankliegen, geopolitische Spannungen mit zunehmender Sorge betrachtet werden und der Ruf nach staatlichen Maßnahmen lauter wird.

Die Furcht vor Angebotsengpässen treibt den Preis für Erdgas in Europa in immer lichtere Höhen und zieht den Strompreis mit sich. Gas wird zum Heizen genutzt, aber auch zur Stromerzeugung – der fossile Brennstoff hat somit auch Einfluss darauf, wie viel Strom kostet. Am Dienstag zog der Preis für eine Megawattstunde Strom zur Lieferung am darauffolgenden Tag um gut drei Prozent an und lag mit 428 Euro so hoch wie noch nie.

Befeuert wurde der erneute Preisanstieg auf dem Großhandelsmarkt einerseits durch die Tatsache, dass Russland seine Gaslieferungen nach Deutschland durch die Pipeline Jamal-Europa gestoppt hat. Wie bereits an neun Tagen Anfang im November wurde an der Verdichterstation Mallnow (Brandenburg) seit Dienstagfrüh Gas in die entgegengesetzte Richtung nach Polen gepumpt. Moskau bezeichnete den Schritt als wirtschaftliche Entscheidung und nicht als politische. Es gebe zudem keinen Zusammenhang mit der Befüllung des zweiten Strangs der umstrittenen Ostsee-Pipeline „Nord Stream 2“. Dass in Mallnow Gas in die andere Richtung fließe, sei nichts Außergewöhnliches.

AKWs in Frankreich und Deutschland vom Netz

Andererseits musste Frankreich nach technischen Problemen mehrere Atomkraftwerke vom Netz nehmen, darunter zwei Blöcke des AKW Chooz, die an der Grenze zu Belgien stehen und mit je 1.450 Megawatt zu den vier leistungsstärksten Reaktoren in dem Land zählen. Dazu kommt, dass Deutschland bis Ende 2022 aus der Atomkraft aussteigen will und schon in wenigen Tagen, am 31. Dezember, drei Atommeiler vom Netz nehmen wird.

AKW Chooz
APA/AFP/Francois Lo Presti
Das AKW Chooz in Frankreich kann derzeit keinen Strom liefern

„Nord Stream 2“ weiter in der Schwebe

Eine Entwicklung bei „Nord Stream 2“ sorgt für weitere Unruhe. Wenn die Pipeline vollständig in Betrieb ist, würden jedes Jahr 55 Milliarden Kubikmeter Gas nach Deutschland transportiert, was etwa 15 Prozent der jährlichen Gasimporte der EU entspricht. Doch das ist noch monatelang nicht in Sicht: Die deutsche Bundesnetzagentur teilte Ende vergangener Woche mit, dass mit ausstehenden Entscheidungen über eine Erlaubnis für den Gastransport nicht im ersten Halbjahr 2022 zu rechnen sei.

Dennoch leitet der russische Betreiber Gasprom seit Kurzem Brennstoff in die Leitung. Das mögliche Kalkül lautet, dass Moskau so die drohende Gasknappheit in Europa für sich nutzen könnte. Die Politik würde unter Rechtfertigungsdruck kommen, warum nicht auf Gasmengen aus der „Nord Stream 2“ zurückgegriffen werde, die physisch bereits am Anlandepunkt Greifsland im deutschen Hoheitsgebiet bereitstünden, schrieb die „Welt“.

Nord Stream 2 pipeline
Reuters/Maxim Shemetov
„Nord Stream 2“ ist das politisch wohl umstrittenste Infrastrukturprojekt Europas

Im Ö1-Mittagsjournal beruhigte Wolfgang Urbantschitsch, Vorstand der Regulierungsbehörde E-Control, ein wenig. Beispiele wie der Stopp der Gaslieferung über die Jamal-Pipeline hätten zwar Auswirkungen auf die Großhandelspreise: „Der Markt reagiert im Augenblick sehr sensibel auf alles, was nur irgendwie zusammenhängt mit Produktions- oder Liefereinschränkungen.“ Auf die Endkundenpreise würde sich das aber nicht unmittelbar durchschlagen.

„Zeit von günstigen Preisen derzeit vorbei“

Grund zum Aufatmen bestünde für Konsumentinnen und Konsumenten allerdings nicht. Energielieferanten hätten ihre Endverbraucher bereits über Preiserhöhungen informiert, „für den Jahresbeginn und auch für die weiteren Monate des neuen Jahres“. Ein Blick in den Tarifkalkulator der E-Control, um alternative Angebote auszuloten, würde sich auch jetzt noch lohnen, klar sei aber: „Die Zeiten von ganz günstigen Preisen nach einem Lieferantenwechsel, die sind zumindest derzeit einmal vorbei.“

Diese Tatsache rief am Dienstag auch die Arbeiterkammer (AK) auf den Plan: Sie drängt angesichts der stark gestiegenen Strom- und Gaspreise auf ein Maßnahmenpaket von Bund, Ländern und Energieversorgern. Gefordert wird unter anderem ein temporärer Abschaltverzicht bei länger ausstehenden Rechnungen, ein Recht auf Ratenzahlung, höhere Heizkostenzuschüsse der Länder und eine befristete Reduktion der Umsatzsteuer für Strom und Gas auf zehn Prozent.

Energiepreise steigen weiter

Die seit Monaten steigenden Energiepreise werden in absehbarer Zeit weiter in die Höhe klettern, da viele Anbieter ihre Tarife erhöhen. Der Arbeiterkammer zufolge könnte die Strom- und Gasrechnung im nächsten Jahr bis zu 600 Euro teurer sein. Sie fordert daher Gegenmaßnahmen.

Arbeiterkammer ruft nach Abschaltverzicht

Die wichtigste Maßnahme in der kalten Jahreszeit sei ein Abschaltverzicht, sagte die Leiterin der AK-Abteilung Wirtschaftspolitik, Christa Schlager. Am Beginn der Coronavirus-Krise hat es diese bereits gegeben: Die Energiebranche ließ zwischen April und Ende Juni 2020 von Abschaltungen von Haushaltskunden und Kleinunternehmen ab. „Wir brauchen ganz dringend wieder eine Branchenvereinbarung, die diesen Abschaltverzicht vereinbart“, so Schlager. Der Verzicht müsse bis zum Ende der Heizperiode im Frühjahr 2022 bestehen bleiben.

Für einen Privathaushalt im Osten Österreichs, der mit Gas heizt und auch Strom verwendet, sind im kommenden Jahr höhere Energiekosten von mehreren hundert Euro möglich. Laut AK-Berechnungen können die Mehrkosten von rund 280 Euro (bei einem Verbrauch von 10.000 kWh Gas und 2.200 kWh Strom) über 423 Euro (15.000 kWh Gas; 3.500 kWh Strom) bis zu 600 Euro (23.000 kWh Gas; 4.500 kWh Strom) reichen.

Die Regierung ist sich der Problematik offensichtlich bewusst und hat zumindest in einem Punkt Erleichterungen in Aussicht gestellt: Die heimischen Stromkundinnen und -kunden werden im kommenden Jahr der gesamten Kosten für Ökostrom entbunden. Damit wird ein Durchschnittshaushalt gegenüber heuer um rund 110 Euro im Jahr entlastet.