Ein Labormitarbeiter bei der Untersuchung von Covid-19-Test-Proben.
Reuters/Ritzau Scanpix/Henning Bagger
Neue Prognose

Omikron-Welle droht ab Anfang Jänner

Die Omikron-Variante des Coronavirus könnte bereits in der ersten Jänner-Woche Österreich voll erfassen und als dann fünfte Coronavirus-Welle mit 15.000 Neuinfektionen pro Tag durchs Land schwappen. Diese Aussichten hat das CoV-Prognosekonsortium am Mittwochnachmittag als ein mögliches, aufgrund der Datenlage realistisches Szenario veröffentlicht.

Das Konsortium befürchtet, dass die bevorstehende Welle „besorgniserregend“ verlaufen wird. Im Verlauf des Jänners ist mit einem „deutlichen“ Übertreffen des bisherigen Höchststands an Neuinfektionen – dieser wurde am 19. November mit 15.809 Fällen binnen 24 Stunden erreicht – zu rechnen. Unter pessimistischen Annahmen „kann das auch schon Anfang Jänner der Fall sein“, sagte dazu der am „Policy Brief“ des Prognosekonsortiums beteiligte Komplexitätsforscher Peter Klimek im APA-Interview – „optimistischerer Annahmen“ zufolge Ende Jänner oder Anfang Februar.

Den Berechnungen des Prognosekonsortiums liegt die Annahme zugrunde, dass Omikron sich doppelt bis dreimal so schnell ausbreitet wie die Delta-Variante und eine effektive Reproduktionszahl zwischen 1,5 und 2,4 aufweist. Gestützt werde das auch von den bisherigen Zahlen in Österreich, wo die Virusvariante erstmals Ende November nachgewiesen wurde und sich seither rasant häuft. Ein langsameres Wachstum der Omikron-Variante sei bisher auch „nicht mit den beobachteten Verläufen der Infektionskurve in Ländern zu vereinbaren, die bereits eine höhere Omikron-Prävalenz aufweisen“.

„Hohe Wahrscheinlichkeit“

„Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die Omikron-Variante binnen kurzer Zeit Dominanz im österreichischen Infektionsgeschehen erlangen und zu einer hohen Infektionswelle führen, die erhebliche Implikationen des gesellschaftlichen Lebens sowie erneut eine außerordentliche Belastung des Gesundheitssystems mit sich bringen kann“, heißt es in der neuen Prognose des Gremiums.

Bei nach wie vor beträchtlicher Auslastung der Intensiv- und Normalstationen mit Covid-19-Patientinnen und -Patienten in den Spitälern reduziere sich der Belag zu langsam, „um neuerliche starke Zugänge ohne Versorgungseinschränkungen bewerkstelligen zu können“. Im Worst Case ist ebenso mit erheblichen gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen und Produktivitätsausfällen zu rechnen.

Klare Empfehlung

Als „unmittelbare Handlungsoptionen“ werden rasch zur Anwendung kommende kontaktreduzierende Maßnahmen, verstärktes PCR-Testen sowohl für ungeimpfte wie auch geimpfte Personen, eine FFP2-Maskenpflicht in allen relevanten Settings sowie verstärktes Contact-Tracing „so lange wie möglich“ empfohlen.

„Aufgrund der bisher verfügbaren wissenschaftlichen Literatur stellt darüber hinaus die Beschleunigung der (Booster-)Impfungen die effektivste Maßnahme zur Bekämpfung der potenziellen Omikron-Welle dar“, richtet das Konsortium einmal mehr einen Impfappell an die Bevölkerung.

Verweis auf kritische Infrastruktur

Bei rasant wachsenden Fallzahlen ist jedoch zu erwarten, „dass das aktuell implementierte Test- und Meldesystem an seine Grenzen stoßen wird“. Damit wäre es zunehmend schwierig, die epidemiologische Lage zu beurteilen und entsprechende Prognosen für die Fallentwicklung und den Spitalsbelag anzustellen. Aus diesem Grund sei es dem Prognosekonsortium zufolge auch notwendig, „skalierbare Surveillance-Systeme zu etablieren, die mit steigenden oder sinkenden Fallzahlen korrespondieren und beim Auftreten neuer Virusvarianten rasch repräsentativ ausgerollt werden können“.

Da hohe Fallzahlen zu entsprechend hohen Quarantänezahlen führen, besteht dem die Politik beratenden Gremium zufolge „ein potenzielles Risiko für die Aufrechterhaltung der kritischen Infrastruktur“. Vor diesem Hintergrund könnte eine Änderung des Quarantänekonzepts „ab einem gewissen Fallzahlniveau erforderlich sein“.

Hoffen auf „reduzierte Hospitalisierungsrate“

Konkret ist bei einer angenommenen effektiven Reproduktionszahl von zumindest 1,97 und der Voraussetzung, dass zehn bis 20 Prozent aller Infektionen mit SARS-CoV-2 auf die Omikron-Variante zurückgehen, schon in der ersten Jänner-Woche hierzulande mit mehr als 15.000 neuen CoV-Fällen pro Tag zu rechnen.

Inwiefern Omikron zu schweren Verläufen und Spitalsaufenthalten führt, kann dem Konsortium zufolge nicht seriös eingeschätzt werden. „Es ist plausibel, dass eine bereits durchgemachte Infektion bzw. eine doppelte Impfung zu einem gewissen Grad auch vor schweren Verläufen schützt“, heißt es in der aktuellen Expertise.

Berücksichtigt man die Tatsachen, dass inzwischen 70 Prozent der Gesamtbevölkerung ein aktives Impfzertifikat haben und etliche eine Infektion hinter sich bzw. eine Covid-19-Erkrankung durchgemacht haben, „ist zumindest für die Omikron-Variante eine reduzierte Hospitalisierungsrate zu erwarten“, so das Gremium.

Größere Dunkelziffer über Feiertage

In seiner aktuellen Vorschau geht das Prognosekonsortium zunächst noch von einem möglichen kurzfristigen Rückgang der CoV-Fallzahlen aus. Für 29. Dezember werden österreichweit zwischen 2.215 und 3.648 tägliche Neuinfektionen prognostiziert. Zum Vergleich: Aktuell liegt diese Zahl (Stand: Mittwoch 9.00 Uhr) bei 2.781.

Die 7-Tage-Inzidenz sollte in einer Woche zwischen 174 und 286 Fällen je 100.000 Einwohner zu liegen kommen, gegenwärtig hält man bei 189,7. Mit den höchsten Inzidenzen ist vor dem Jahreswechsel in den westlichsten Bundesländern zu rechnen – in Salzburg und Tirol wird sie sich jeweils zwischen 250 und 420 einpendeln, in Vorarlberg zwischen 340 und 565. Am anderen Ende der Skala liegt dann das Burgenland mit einer Inzidenz zwischen 100 und 170.

Aufgrund des erwarteten Rückgangs der Testungen über die Weihnachtsfeiertage ist aber grundsätzlich von einer größeren Dunkelziffer auszugehen, was vor allem in den Bundesländern schlagend wird, die ihre Infrastruktur – wen auch nur vorübergehend – zurückfahren.

Erhebliche Unsicherheiten

Was die Lage in den Spitälern betrifft, nehmen die Experten vorerst einen weiteren Rückgang der CoV-Patientinnen und -Patienten auf den Intensiv- und Normalstationen an. „Dies erfolgt jedoch nach wie vor auf teilweise systemkritisch hohem Auslastungsniveau.“

In Vorarlberg beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass in der kommenden Woche die 33-prozentige Auslastungsgrenze der Intensivstationen überschritten wird, immerhin 30 Prozent. Allerdings sind die Rechenmodelle diesmal mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Problematisch ist die nach wie vor unbekannte Virulenz der Omikron-Variante, weshalb Auswirkungen auf den Spitalsbelag derzeit kaum abschätzbar sind.

Auf 2,1 geschätzter R-Wert

Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) und das Institut für Infektionsepidemiologie & Surveillance schätzen, dass die Prävalenz der Omikron-Variante in der Vorwoche in Österreich bei rund fünf Prozent gelegen hat. Fehlende Beobachtungsdaten zu den Charakteristika und der Prävalenz von Omikron haben die Prognose des Konsortiums erschwert.

Aufgrund der jüngst beobachteten Wachstumsraten der Omikron-Variante, bei der sich die Fallzahlen alle zwei bis vier Tage verdoppeln, dürfte die effektive Reproduktionszahl deutlich höher liegen als bei der Delta-Variante, deren Wert zuletzt unter 1 lag. Das Prognosekonsortium schätzt sie bei Omokron derzeit auf 2,1. Das hieße, dass jede Infektion mit dem Virus im Schnitt 2,1 Ansteckungen zur Folge hat.

„Nichts davon ist gut“

Auch Klimek verwies auf die in Bezug auf Omikron weiter offenen Fragen. Man habe bei der Prognose für Anfang 2022 angenommen, dass die neue Variante einen zwei- bis dreifach erhöhten Wachstumsvorteil hat. „Nichts davon ist gut“, so Klimek im Gespräch mit der APA, aber es hätten davor auch noch deutlich schlimmere Szenarien kursiert.

Die R-Zahl der Delta-Variante in Österreich liege aktuell bei 0,75 bis 0,8. Das heißt, dass ein Infizierter im Schnitt knapp weniger als eine weitere Person ansteckt. Unter der „optimistischeren Annahme“ zu Omikron mit ungefähr verdoppelter effektiver Reproduktionszahl gegenüber der Delta-Variante sei damit zu rechnen, dass jedenfalls in Richtung Ende Jänner bis Anfang Februar die bisher höchsten Werte an Neuinfektionen pro Tag in Österreich von um die 15.000 wieder erreicht werden. Es gebe aber auch pessimitischere Annahmen: Möglich sei dies somit „auch schon Anfang Jänner“.