Pilger stehen vor einer Teststation auf der Reise zum Fest Gangasagar Mela
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Indien

Omikron-Welle unter anderen Vorzeichen

Kurz vor Beginn zahlreicher religiöser Feierlichkeiten und Wahlkampfveranstaltungen in Indien dominiert auch dort mittlerweile die Omikron-Variante das Infektionsgeschehen. Am Samstag wurde der höchste Wert an Neuinfektionen seit Ende Mai registriert, in den Städten ist Omikron schon häufiger als Delta. Dennoch ist die Ausgangslage anders als ein Jahr zuvor.

Die Infektionszahlen in Indien sind zuletzt bereits deutlich gestiegen: 142.000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden wurden am Samstag laut indischem Gesundheitsministerium verzeichnet, der höchste Wert seit Ende Mai. Am Dienstag verzeichnete Indien noch 58.000 Neuinfektionen. Insgesamt wurden in Indien über 35 Mio. Infektionsfälle nachgewiesen, der weltweit zweithöchste Wert nach den USA.

Und es könnten in den kommenden Wochen noch viel mehr werden: Am Samstag begann das jährliche Festival Gangasagar Mela im Bundesstaat Westbengalen, zu dem Hunderttausende Pilger erwartet werden. Ein Antrag eines Arztes auf Verbot wegen der Gefahr eines Superspreader-Events wurde vom Gericht abgelehnt. Bei dem Festival nehmen die Menschen ein rituelles Bad im Ganges, meist dicht an dicht gedrängt – und kehren dann jeweils an ihre Heimatorte im ganzen Land zurück.

Hindus tauchen im Fluss Ganges unter
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Das rituelle Band im Ganges ist eines von vielen Festen in Indien

Viele Infektionen durch Wahlkampf und religiöse Feste

Die Sorge des Arztes ist nicht unbegründet: Im April und Mai des vergangenen Jahres wurde Indien von einer verheerenden Infektionswelle überrollt, bei der offiziell mehr als 200.000 Menschen starben. Ingesamt starben in dem Land mit rund 1,4 Mrd. Bewohnern und Bewohnerinnen 483.463 Menschen an der Virusinfektion, Experten gehen aber von einer hohen Dunkelziffer und bis zu vier Mio. Toten aus.

Angeheizt wurde diese Welle von der Delta-Variante, aber auch durch große Wahlkampfveranstaltungen sowie durch das hinduistische Kumbh-Mela-Festival – eines der größten religiösen Feste der Welt, das bis zu 25 Millionen Menschen in den Norden Indiens gelockt hatte. Auch dabei sind Bäder im Ganges fixer Bestandteil.

Knapp die Hälfte ist geimpft

Die Vorzeichen sind heuer aber etwas anders, nicht nur durch die Omikron-Variante. Am Jahresanfang starteten die Impfungen für Jugendliche im Alter zwischen 15 und 18 Jahren, kommende Woche soll eine Kampagne zur Auffrischungsimpfung für über 60-Jährige anlaufen. Die Durchimpfungsrate in dem verhältnismäßig jungen Land ist allerdings immer noch nicht besonders hoch: Weniger als die Hälfte der Bevölkerung ist nach Regierungsangaben bisher vollständig gegen das Coronavirus geimpft.

Ein Polizist kontrolliert die Maske eines Pilgers
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Masken sind in Indien nicht überall Standard

Damit die Lage nicht wieder außer Kontrolle gerät, gibt es in einigen Städten wieder strenge Maßnahmen wie Ausgangsperren und Beschränkungen für die Gastronomie. In Neu-Delhi, wo die Infektionsrate besonders stark gestiegen ist, gilt seit Freitag ein zweitägiger Lockdown, die Menschen sollen abgesehen von Notfällen am Wochenende zu Hause zu bleiben. Etliche Politiker haben inzwischen auch große Wahlkampfveranstaltungen für anstehende Regionalwahlen abgesagt.

Am Sonntag beschränkten mehrere Bundesstaaten wegen der steigenden Infektionszahlen erneut das öffentliche Leben. So werden in Maharashtra, dem reichsten Bundesstaat, Schwimmbäder und Fitnessstudios geschlossen, in Schulen und Hochschulen fällt bis 15. Februar der Unterricht aus. In Gujarat wird die nächtliche Ausgangssperre verlängert und allen Beschäftigten im Gesundheitswesen der Urlaub gestrichen.

Indien setzt verstärkt auf Testen

Auch Indien setzt zudem verstärkt auf Testen, um einen Lockdown zu vermeiden, etwa weil zu viele Menschen in systemrelevanten Berufen infiziert sind. Allerdings kämpft auch Indien mit der ausreichenden Verfügbarkeit: Aus der besonders betroffenen Stadt Kolkata hieß es, viele Einwohnerinnen und Einwohner hätten zwei Tage lang warten müssen, um einen PCR-Test machen zu können.

Bei der Infektionswelle vergangenes Jahr hatte Indien mit einem eklatanten Sauerstoffmangel zu kämpfen, das Gesundheitssystem war aufgrund der übermäßigen Zahl an Kranken in weiten Teilen des Landes kollabiert. Die Kapazitäten für Sauerstoff wurden mittlerweile erhöht, mittlerweile ist man im Umgang mit dem Virus, dessen Omikron-Variante weniger schwere Fälle auslösen soll, geübt.

Die Gefahr bleibt groß

Dennoch ist die Gefahr einer neuen Welle auch in Indien groß, nicht zuletzt weil trotz aller Ansteckungsgefahren dennoch zahlreiche Wahlveranstaltung mit Tausenden Menschen abgehalten wurden und werden – darunter auch mit Premierminister Narendra Modi, schrieben die „New York Times“ und die „Washington Post“. Nach einer großen Wahlkampfveranstaltung wurde diese Woche prompt der Regierungschef der indischen Hauptstadt Neu-Delhi, Arvind Kejriwal, positiv auf das Coronavirus getestet.

Indische Virologen nennen auch die Wahlkampfveranstaltungen Superspreader-Events. Bilder und Videos der bisherigen Veranstaltung zeigen viele Menschen ohne Masken, dicht an dicht gedrängt, schreiend und jubelnd. Es gibt aber auch Gegenstimmen, die sagen, man habe die bisherigen Varianten nicht aufhalten können, man werde auch Omikron nicht durch das Absagen von Veranstaltungen aufhalten – das Prinzip Durchseuchung schwingt auch hierbei mit. Allerdings könnte auch die zu erwartende schiere Zahl an Infektionen durch Omikron das Gesundheitsystem des Landes wieder erschüttern.