Jüdischer Notar soll Versteck von Anne Frank verraten haben

Das Versteck von Anne Frank und ihrer Familie in Amsterdam vor den Nationalsozialisten ist nach neuen Untersuchungen sehr wahrscheinlich von einem jüdischen Notar verraten worden. Dieses Ergebnis eines Untersuchungsteams wurde heute in niederländischen Medien präsentiert.

Danach hatte der Notar Arnold van den Bergh den deutschen Besatzern eine Liste mit Verstecken von Jüdinnen und Juden in Amsterdam übergeben, um das Leben seiner eigenen Familie zu retten. Fünf Jahre lang hatte ein internationales Team den Fall mit den neuesten Techniken untersucht.

Hauptbeweis ist die Kopie eines anonymen Briefes, den Annes Vater Otto Frank 1946 bekommen hatte. Darin wird der Name des Notars bereits genannt. Das Original des Briefes ist zwar verschwunden, im Amsterdamer Stadtarchiv war jedoch eine Kopie gefunden worden. Diese Spur war nach Angaben des Forschungsteams bisher nie ausführlich untersucht worden.

Weltberühmtes Tagebuch

Die jüdische Familie Frank sowie vier weitere Menschen waren von 1942 bis 1944 in einem Hinterhaus in Amsterdam untergetaucht. Dort hatte Anne (1929–1945) ihr weltberühmtes Tagebuch geschrieben. Im August 1944 wurde das Versteck verraten. Die Familie wurde in Konzentrationslager deportiert und ermordet. Nur Vater Otto überlebte.

Der Notar war Mitglied des Jüdischen Rates, hatte daher viele Kontakte und war zunächst vor Deportation geschützt. Doch 1944 fiel dieser Schutz weg, und er soll in seiner Verzweiflung die Verstecke verraten haben, um seine Frau, seine drei Töchter und sich selbst zu retten.

Stiftung warnt vor vorschnellen Schlüssen

Die Anne-Frank-Stiftung warnte vor zu schnellen Schlussfolgerungen. Direktor Ronald Leopold sagte dem Radio-Sender NPO1: „Man muss sehr aufpassen, bevor man jemanden in der Geschichte als Verräter von Anne Frank festschreibt, wenn man nicht zu 100 oder 200 Prozent sicher ist.“ Leopold lobte die „sehr gute und sorgfältige Untersuchung“. Aber wichtige Fragen seien noch offen: Wer hat den anonymen Brief geschrieben und mit welcher Absicht?

77 Jahre nach Kriegsende gebe es zwar keine absolute Gewissheit, sagte der ehemalige Ermittler der US-Bundespolizei FBI, Vince Pankoke, der maßgeblich an der Untersuchung beteiligt war. „Unsere Theorie hat aber eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 85 Prozent“, sagte er im Radio.