Die US-Schauspielerin Marilyn Monroe liest Ulysses von James Joyce, Aufnahme von 1955
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100 Jahre „Ulysses“

Das Buch, das alle lesen wollten

Es ist ein gigantomanischer und zugleich handlungsarmer Roman. Doch seit James Joyce einen gewissen Leopold Bloom am 16. Juni 1904 auf eine Odyssee von 24 Stunden durch Dublin geschickt hat, steht die Literaturwelt kopf. Der moderne Odysseus, im Englischen Ulysses, ward geboren. Vor hundert Jahren erschien dieser tausend Seiten schwere Roman, der bis in die Gegenwart heiliggesprochen ist – und von manchen tatsächlich für das Größte gehalten wird. Selbst Marylin Monroe sollte nicht irren, als sie sich die Schwarte aufs Knie legte. Vielleicht war das Ganze aber bloß ein großes Intellektuellenrätsel.

Ein ikonisches Foto aus dem Jahr 1955 zeigt Monroe im bunt gestreiften Badeanzug in die Lektüre der letzten Seiten von „Ulysses“ vertieft. Das Foto – meisterhaft in Szene gesetzt von Eve Arnold, Mitglied der prestigeträchtigen Agentur Magnum Photos – hat das Image der Schauspielerin erheblich beeinflusst. Ein doppelter Skandal zeigt sich darauf: Das Sexsymbol der 50er Jahre posiert beim grazilen Weglesen der intellektuellen Schwerstaufgabe, zur Zeit der Veröffentlichung wegen „Obszönität“ in den USA selbst mit einem Ruf ähnlich jenem der Schauspielerin behaftet.

Der „Ulysses“, vom von sich selbst überzeugten Abenteurer und Gelegenheitssprachlehrer Joyce 1914 bis 1921 in Triest, Zürich und Paris geschrieben, erschien von 1918 bis 1920 in Auszügen in der amerikanischen Avantgardezeitschrift „The Little Review“. Der Dichter Ezra Pound war damit betraut, mögliche „Obszönitäten“ herauszuredigieren. Eine Passage, modelliert nach der Nausikaa-Episode in der „Odyssee“, führte dennoch zur Anklage: Bloom masturbiert darin beim Anblick der jungen Gerty MacDowell. Die Herausgeberinnen des Magazins wurden strafrechtlich verfolgt, „Ulysses“ wurde in Amerika faktisch verboten. Der britische Oberstaatsanwalt nannte den Roman nach der Publikation ein „dreckiges Buch“.

Die Buchausgabe besorgte schließlich Sylvia Beach, die Inhaberin der legendären Pariser Buchhandlung für englischsprachige Literatur, Shakespeare & Company – in einer Ausgabe, die mit etwa 5.000 Druckfehlern und nur tausend Exemplaren den Weltruhm von Joyce begründete. Erscheinungstag war der 2. Februar 1922, der vierzigste Geburtstag des Autors, der 1907 mit „Dubliners“ debütiert hatte, mit Anfang 30 sein „Porträt des Künstlers als junger Mann“ schrieb und nach dem teilweise äußerst schwer verständlichen „Ulysses“ 1939 „Finnegans Wake“ vorlegte – einen Roman, bei dem der vieldeutige Sinn jedes einzelnen Satzes herausfordert.

Eine frühe Ausgabe von James Joyce’ „Ulysses“
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Eine Reliquie für Joycianer: Die von Druckfehlern gespickte Erstausgabe erzielte einen Rekordauktionspreis von rund 330.000 Euro

Joyce, limited

Schlägt man heute eine kommentierte Ausgabe des „Ulysses“ auf, füllen Kommentare gut und gerne die Hälfte jeder Druckseite. Dahinter liegt ein Furor der Exegese, der Generationen von Literaturwissenschaftlern und Literaturwissenschaftlerinnen ihre Lebensarbeitsleistung gekostet hat. Ähnliches kennt man nur von Shakespeare – und der Bibel.

Die Joyce-Gefolgschaft kann – Zahlungskraft vorausgesetzt – durchaus quasireligiöse Züge annehmen: Ein ungelesenes Exemplar der Erstausgabe erreichte als Auktionsrekord 330.000 Euro, ein Manuskriptteil wechselte für umgerechnet über 1,2 Millionen Euro den Besitzer.

Den Platz an der Sonne des literarischen Kanons hat der 1882 in Dublin geborene Weltliterat kalkuliert anvisiert: „Ich habe so viele Rätsel und Geheimnisse hineingesteckt, dass es die Professoren jahrhundertelang in Streit darüber halten wird, was ich wohl gemeint habe. Nur so sichert man sich seine Unsterblichkeit“, lautet seine berühmt gewordene Provokation.

Abertausende Publikationen und hundert Jahre später zeigt sich: Selten ist ein literarischer Marketingclaim so geglückt wie dieser. Der „Ulysses“ ist zur wertvollsten literaturhistorischen Marke des 20. Jahrhunderts geworden, kaum jemand bestreitet die Bedeutsamkeit des Buches. Dass dabei letztlich Urteile weitergesponnen werden, die in die Zeit des Erscheinens zurückreichen, irritiert dennoch. Der einflussreiche Philologe Ernst Robert Curtius formulierte 1925 die maßgebliche Losung für den deutschen Sprachraum: „‚Ulysses‘ ist das schwierigste Buch der modernen Literatur.“

„Schwierig“ + „ungelesen“ = „Weltliteratur“

Ein Treppenwitz über den „Ulysses“ bezeichnet ihn als bekanntestes ungelesenes Buch der Weltliteratur. Und tatsächlich: In jeder wohlsortierten Privatbibliothek findet sich ein Exemplar, kaum eines wurde bis über die ersten fünfzig Seiten hinaus gelesen. Gerade dort heißt es über Stephen Dedalus, die zweite Hauptfigur des Romans: „Die Geschichte, sagte Stephen, ist ein Albtraum, aus dem ich zu erwachen versuche.“

Auf der anderen Seite der literaturwissenschaftlichen Heiligsprechung tut sich der Graben der Unlesbarkeit für das allgemeine Publikum auf, auch wenn dieser Roman über Jahrzehnte als Konversationsthema für die Gebildeten und Geistreichen verbindlich war. Als der französische Literaturprofessor Pierre Bayard 2007 seinen Bestseller „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ veröffentlichte, war „Ulysses“ nicht zufällig als oberstes Buch auf dem Stapel der meistgefürchteten Schwergewichte auf dem Cover der englischsprachigen Ausgabe abgebildet.

Handschrift von Joyce der Circe-Episode
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Rätsel als Konstruktionsprinzip: Manuskriptseite des „Circe“-Kapitels

Natürlich verwebt „Ulysses“ die Geistesgeschichte bis zum Ersten Weltkrieg in ein großes Sprachspiel, natürlich findet sich darin der oft beschworene konsequente Einsatz des inneren Monologs. Dennoch, wenn in der zeitgenössischen Kulturtheorie oft pessimistisch angemerkt wird, dass die Aufmerksamkeit des Publikums schwindet, bedeutet das vielleicht auch, dass Leserinnen und Leser, Seherinnen und Seher weniger bereit sind, Zeit für Erzählungen aufzuwenden, die sich über sie erhöhen – Debatten über Augenhöhe, Teilhabe und Diversität im Zentrum der feuilletonistischen Betrachtungen belegen das.

Hoch und heilig – aber warum?

Dass man „Ulysses“ für eines der größten Bücher der Weltliteratur hält, liegt einerseits an seiner Bauart: Homers „Odyssee“ wird in einen gegenwärtigen, eher unheroischen Kontext verlegt. Schwerwiegender ist aber die erzähltheoretische Perspektivierung des Romans: Eine „figurative Erzählung“, also eine dem Protagonisten zugeschriebene Sicht dominiert den Roman.

Mehr noch: Es sei sein Bewusstseinsfluss, der berühmte stream of consciousness, der den Fluss der Geschehnisse in Szene setze. Nach gut 150 Jahren allwissenden Erzählens schien Joyce hier einen Trend seiner Zeit auf die Spitze zu treiben – und noch dazu mit Anspielungen auf die Antike und die englische Sprachentwicklung, nachvollzogen im Kapitel „Die Rinder des Sonnengottes“. Schnell war die These zur Hand, das „Ich“ der Freud’schen Theorie mit all seinen lauernden Sub-Dominanten sei tatsächlich in dieser ausufernden Erzählung zu sich und zur Sprache gekommen.

Das ist zweifelsohne kunstvoll – und begeisterte noch mehr als die Zeitgenossen die Literaturwissenschaft, die in ihren Erzähltheorien den in Texten durchgesetzten Bewusstseinsfluss zum Maß aller Dinge erklärte. Der Grazer Franz Karl Stanzel kam mit seinem darauf fußenden Konzept der „Erzählsituationen“ zu Weltruf. Und als der „Nouveau Roman“, der neue Roman im Frankreich der 1960er Jahre, von einem vollkommenen, von jeder Person abgekoppelten Erzählfluss träumte wie der Nobelpreisträger Claude Simon etwa, da war der Verweis auf Joyce evident.

Die US-Schauspielerin Marilyn Monroe liest Ulysses von James Joyce, Aufnahme von 1955
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Ikonisches Bild: Die Monroe und der „Ulysses“

Die Überschätzung der Erzählperspektive

Und ja, hatte nicht auch William Faulkner mit seinen kursiv gesetzten Texten den Einbruch des Unbewussten in die ohnedies schon subjektive Erzählperspektive in ungeahnte Höhen geführt? Das Ergebnis waren Romane wie „The Sound and the Fury“ (1929), „Absalom, Absalom!“ (1936) und auch Arno Schmidts „Zettels Traum“ (1970 erschienen), die der intellektuellen Abenteuererfahrung den Primat über jede Form von Lesegenuss einräumten.

Dass ein Roman deutlich mehr als seine Erzählperspektivierung war – oder auch sein Anspielungsreichtum –, das wurde in der Fachdisziplin viel später klar. An „Madame Bovary“ nagt „Ulysses“ wie der Pennäler an der Vorahnung seiner eigenen Maturität. Doch all jene, die über den autobiografisch grundierten Stephen Dedalus und „Portrait of an Artist as a Young Man“ ihren Weg in die Weltliteratur gefunden haben, werden Joyce samt dem am Tag der Handlung bis heute in Dublin zelebrierten „Bloomsday“ hoch und heilig halten.

James Joyce auf einem Foto von 1904
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„Porträt des Künstlers als junger Mann“: Joyce in Dublin im Jahr der „Ulysses“-Handlung, 1904

Unrevidierte Nachdichtung

Anteil an der Symbolträchtigkeit des „Ulysses“ hat hierzulande bis heute die 1976 erschienene Übersetzung Hans Wollschlägers, der durchaus vom Anspruch seines Mentors Schmidt geprägt war. Seine Version, die aufgrund ihrer sprachlichen Eigenständigkeit über weite Strecken durchaus als Nachdichtung zu verstehen ist, gilt bis heute als verbindlich.

Auch Wollschläger gehört ins Kontinuum der hochtrabenden Sicht auf die literarische Moderne. Zwar hat der Suhrkamp Verlag durchaus erkannt, dass seine Version an etlichen Stellen einer Überarbeitung bedarf: Nach über zehn Jahren Arbeit von mehr als 30 Philologen an einer „Revision“, die Wollschläger in mehr als 5.000 Fällen korrigierte, konnte diese neue Version aber nicht erscheinen. Die Rechtsnachfolgerin des verstorbenen Übersetzers untersagte es und bekam 2018 gegenüber dem Verlag recht. Als Ergebnis bleibt „Ulysses“ bis heute auch auf Deutsch in seiner Aura des nur schwer zu entziffernden Meisterwerks gefangen, das Generationen von Leserinnen und Lesern entmutigt verstauben lassen werden.