Königspinguine in der Antarktis
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Klimakrise

Blühende Antarktis als drastisches Beispiel

Es blüht in der Antarktis – anstatt freudiger Frühlingsgefühle sorgen die Pflanzen rund um den Südpol jedoch für Sorge unter den Forschern. Denn eine neue Studie zeigt: Die größte Eiswüste der Welt könnte in Zukunft immer mehr eisfreie Gebiete vorweisen. Neben steigenden Temperaturen hat auch der Rückgang der Pelzrobben damit zu tun.

Die Klimaerwärmung hat nun offiziell auch die Vegetation der Antarktis erreicht und beginnt, deren Ökosystem sichtbar zu verändern. Zu diesem Schluss kommt ein Forscherteam auf Signy Island in der Gruppe der Südlichen Orkneyinseln in der Antarktis. Ihre Studie gehört zu den ersten, die eindeutig belegen, wie rasch sich die Veränderungen in den polaren Ökosystemen in den letzten Jahren beschleunigt haben.

Besonders dramatisch ist laut Studie die Zunahme der beiden heimischen blühenden Pflanzenarten: Die Antarktische Schmiele habe sich zwischen 2009 und 2018 fünfmal schneller ausgebreitet als zwischen 1960 und 2009, bei der Antarktischen Perlwurz sei der Anstieg in diesem Zeitraum sogar zehnmal so hoch.

Antarktische Perlwurz (Colobanthus quitensis)
Die Antarktische Perlwurz gehört zu den wenigen blühenden Pflanzen der Antarktis und breitet sich immer stärker aus

„Die antarktischen Landökosysteme reagieren schnell auf diese klimatischen Einflüsse“, so die leitende Forscherin Nicoletta Cannone von der Universität Insubria gegenüber dem „Guardian“. „Ich hatte eine Zunahme dieser Pflanzen erwartet, aber nicht in diesem Ausmaß. Wir erhalten mehrere Beweise dafür, dass sich in der Antarktis ein großer Wandel vollzieht.“

Wärmere Sommerluft, weniger Pelzrobben

Als Hauptgrund für die dramatische Veränderung der Vegetation wird die rapide Erwärmung der Sommerluft durch die Klimakrise angeführt. In den letzten zehn Jahren etwa habe die Sommererwärmung von 0,02 Grad auf 0,27 Grad pro Jahr zugenommen – und das, obwohl 2012 ein Kälteeinbruch verzeichnet wurde.

Aber auch Veränderungen in der Fauna auf Signy Island haben wohl zu der Ausbreitung der Pflanzenarten beigetragen: Da die Zahl der Pelzrobben sukzessive zurückgegangen ist, werden die Pflanzen weniger zertrampelt und können sich ungestört ausbreiten. Auch hier werden als Ursache der Temperaturanstieg und damit verbunden Veränderungen bei der Nahrungsverfügbarkeit der Robben vermutet.

Verlust der einheimischen Artenvielfalt

Die Erwärmung mag zwar das Wachstum mancher Pflanzen erhöhen, sie birgt laut Cannone jedoch auch das Risiko der Etablierung nicht heimischer Pflanzen: „Das Eindringen gebietsfremder Arten kann zu einem dramatischen Verlust der einheimischen Artenvielfalt der Antarktis führen, die Millionen von Jahren der Evolution und des Überlebens brauchte.“

Der aktuelle Temperaturanstieg könnte bereits solche Wanderungen von Moosen, Flechten, Gefäßpflanzen und wirbellosen Tieren ausgelöst haben, die durch menschliche Aktivitäten – insbesondere zunehmenden Tourismus – in der Antarktis begünstigt werden, warnen die Wissenschaftler.

Forschungsstation auf Signy Island
Auf Signy Island beobachtet das Forscherteam die Veränderung der Vegetation

Schwerwiegende Konsequenzen für Ökosysteme

Sollten sich die Erwärmungstendenzen wie erwartet fortsetzen, prognostizieren die Forscherinnen und Forscher immer mehr eisfreie Gebiete – nicht nur auf Signy Island, sondern in der gesamten Antarktis. Sollten sich die Pflanzen weiter ausbreiten, würde das zudem den Säuregehalt des Bodens, die Bakterien und Pilze sowie die Zersetzung organischer Stoffe verändern.

Bei den Veränderungen in der Bodenchemie sowie dem Abbau des Permafrosts handelt es sich laut Studie um Prozesse, die repräsentativ für die gesamte Region sind. Langfristig könnten sie „Konsequenzen für alle Komponenten der terrestrischen Ökosysteme haben“, so Cannone gegenüber dem „Guardian“.

Weltklimarat: „Nie stand mehr auf dem Spiel“

Mit den Folgen der Klimaerwärmung beschäftigt sich auch der Weltklimarat, das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), in einer aktuellen Plenarsitzung. Zum Auftakt der zweiwöchigen Beratungen hat IPCC-Chef Hoesung Lee die Bedeutung des neuen Sachstandsberichts zu den Folgen der Erderwärmung betont. Der Bericht werde dringlich erwartet, „weil noch nie mehr auf dem Spiel stand“ als jetzt, so Lee am Montag in einer Videoschaltung.

Inhaltlich wird es in dem Bericht vor allem um die neuesten Erkenntnisse über die Folgen der Erderwärmung für Mensch und Natur, mögliche Anpassung an den Klimawandel und Risikoanalysen gehen. Der komplette Sachstandsbericht, der sich an politische Entscheidungsträger wendet, soll am 28. Februar veröffentlicht werden.