Screnshot von Tarkans Musikvideo
YouTube/Tarkan
Tarkan legt nach

Abgesang türkischer Popstars auf Erdogan

Mit Angriffen auf die Popdiva Sezen Aksu haben sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine AKP erst Ende Jänner in die Nesseln gesetzt. Erdogan musste zurückrudern. Nun legt Superstar Tarkan nach: In seinem neuen Lied deutet er das politische Ende Erdogans an. Für den Präsidenten, der ob der katastrophalen wirtschaftlichen Lage des Landes schwer angeschlagen ist, bedeutet das nichts Gutes.

Der deutsch-türkische Popstar, der mit dem Bussisong „Simarik“ Ende der 1990er Jahre auch hierzulande einen Hit hatte, meldete sich nach fünfjähriger musikalischer Pause am Donnerstag zurück. Und der veröffentlichte Song „Geccek“ („Es wird vorbeigehen“) schlug in der Türkei ein wie eine Bombe.

„Es wird vorbeigehen, natürlich wird auch das vorbeigehen“, singt Tarkan, Es komme der große Tag und dann „werden wir vor Freude tanzen“. Von seiner Seite heißt es, der Song beziehe sich unter anderem auf die Coronavirus-Pandemie. Doch viele in der Türkei sehen das Lied als Abgesang auf Erdogan. Und der viel diskutierte Text gibt auch Hinweise darauf. „Du hast den Bogen überspannt, wir haben’s wirklich satt“, heißt es etwa. Und weiter: „Los, es reicht jetzt, wir sind ziemlich ausgelaugt. Hau ab, Alter, runter jetzt von unserem Rücken.“

Millionenfach geklickt und heiß debattiert

Der Song wurde auf YouTube in den vergangenen Tagen millionenfach angeklickt, viele Oppositionspolitiker teilten Teile daraus in den sozialen Netzwerken. Im Video wollen einige sogar Personen erkennen, die bei Erdogan und seiner AKP in den vergangenen Jahren in Ungnade gefallen sind.

AKP-Anhänger sehen wiederum darin einen Frontalangriff auf den Präsidenten und wittern – wie immer – eine internationale Verschwörung. Der offizielle Parteiapparat hält sich noch überraschend nobel zurück – und das wahrscheinlich nicht ohne Grund.

Angriff auf Diva

Denn es ist gerade ein paar Wochen her, da musste die AKP einsehen, dass scharfe Rhetorik gegen Kritikerinnen und Kritiker auch nach hinten losgehen kann. Popikone Sezen Aksu hatte Anfang Jänner ihren eigentlich alten Song „Sahane bir sey yasamak“ neu aufgenommen – und sie singt darin: „Grüßt mir die Ignoranten, Adam und Eva“. Adam gilt im Islam als Prophet – und sie handelte sich prompt den Vorwurf ein, religiöse Werte zu beschmutzen.

Sängerin Sezen Aksu
APA/AFP/Anp/Rick Nederstigt
Aksu, hier bei einem Auftritt 2005, hatte bereits 1976 ihren ersten Hit und ist seitdem in der Türkei quer durch alle Lager eine Ikone

Erdogan selbst sagte in einer Rede in einer Moschee, niemand dürfe schlecht über Adam und „Mutter Eva“ sprechen. „Es ist unsere Pflicht, diese Zungen herauszureißen, wenn nötig.“ Den Namen Aksus erwähnte er zwar nicht, dennoch hagelte es prompt Kritik an den brutalen Worten – teilweise auch aus den eigenen Reihen.

Eiliges Zurückrudern

Dabei hatten Erdogan-Vertraute noch versucht, die Worte nicht publik werden zu lassen. Journalisten, die während der Rede in der Moschee waren, wurden angewiesen, die Aksu-Sätze nicht zu zitieren. Doch Videos des Auftritts verbreiteten sich schnell.

Mehr als 200 Künstlerinnen und Künstler unterschrieben eine Erklärung, in der sie sich mit Aksu solidarisierten. Die Anwaltsvereinigung von Izmir nannte Erdogans Aussagen „Lynchbegriffe“ und warf ihm eine totalitäre Gesinnung vor. Tatsächlich musste Erdogan zurückrudern: In einem TV-Interview behauptete er, seine Worte hätten sich gar nicht auf Aksu bezogen.

Haftbefehl gegen Olympiaschwimmer

Der Konfrontationskurs von Künstlerinnen und Künstler mit Erdogan zeigt zwei Dinge: Der Präsident und sein Umfeld sind sehr nervös. Und: Kritik an ihm mehrt sich, er ist nicht mehr unantastbar – und das, obwohl auf Beleidigung des Präsidenten Haftstrafen von bis zu vier Jahren stehen. Seit 2014 wurden in der Türkei wegen Beleidigungen des Präsidenten mehr als 160.000 Ermittlungsverfahren geführt. In rund 3.300 Fällen wurden wegen Beleidigung Erdogans Haftstrafen verhängt.

Zuletzt wurde deshalb gegen den türkischen Olympiaschwimmer Derya Büyükuncu ein Haftbefehl erlassen. In einem Account, hinter dem nach Angaben der Ermittler Büyükuncu stecken soll, wurde in Bezug auf die Coronavirus-Erkrankung des Präsidenten vor einigen Wochen eine Aktion zur Sammlung von Süßigkeiten bekanntgegeben, die üblicherweise bei Beerdigungen verteilt werden.

Wirtschaftlich und politisch mit dem Rücken zur Wand

Der türkischen Journalistin Sedef Kabas droht jahrelange Haft, weil sie öffentlich ein Sprichwort über einen Ochsen in einem Palast zitiert hat. Sie hatte in einer türkischen Fernsehsendung die Regierung für ihr hartes Durchgreifen gegen Kritiker und für ihre Polarisierung der Gesellschaft kritisiert. Dort und später auf Twitter zitierte sie ein Sprichwort: „Wenn ein Ochse in einen Palast geht, wird er kein König, sondern der Palast wird zum Stall.“ Erdogan oder seinen Präsidialpalast in Ankara erwähnte sie nicht explizit.

Wirtschaftlich steht Erdogan mit dem Rücken zur Wand: Die Inflation erreichte im Jänner fast 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Viele Türkinnen und Türken leiden unter den Folgen, ärmere Menschen können sich kaum mehr Nahrungsmittel leisten. Die Regierung kündigte vor einigen Tagen die Senkung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel an. Die Steuer werde von acht auf ein Prozent gesenkt, sagte Erdogan. Das werde „im Kampf gegen die Inflation helfen“.

Die bisherigen fiskalpolitischen Maßnahmen gegen die rasende Inflation gelten als unorthodox – und wirken vor allem nicht. Erdogan behalf sich damit, die Überbringer der schlechten Nachrichten, zuletzt den Chef der Statistikbehörde, zu feuern. Ansonsten versucht Erdogan derzeit sein Glück eher in der Außenpolitik, mischte sich zuletzt in die Ukraine-Krise ein.

Umfragewerte im Keller, unzufriedene Junge

2023 stehen in der Türkei Präsidentschafts- und Parlamentswahlen an – und angesichts der Umfragen muss der Langzeitpräsident diesmal wirklich zittern. Vor allem die jungen Menschen in der Türkei sind unzufrieden. Laut einer Umfrage der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung würden fast drei Viertel (72,9 Prozent) der befragten 18- bis 25-Jährigen die Türkei gern verlassen, weil sie anderswo bessere Arbeitsbedingungen, mehr Freiheiten und Menschenrechte sowie einen höheren Lebensstandard erwarten.

Mehr als 80 Prozent der Befragten, von denen viele bei der kommenden Wahl erstmals an die Urne treten dürften, sagten, sie hätten kein Vertrauen in den Präsidenten. Rund fünf Millionen Erstwählerinnen und Erstwähler werden nächstes Jahr erwartet – und nicht nur die könnten bei der Wahl an Tarkans Lied denken.