Auch wenn es sich in den Wettquoten der vergangenen Tage abgezeichnet hatte: Mit der Tragikomödie „Coda“ gab es bei der diesjährigen Oscar-Verleihung einen Überraschungsgewinner in der Kategorie „Bester Film“. Vor einem Jahr, beim Sundance Festival, hätten sie noch nicht einmal einen Verleih für ihren Film gehabt, und nun stehe sie hier mit einem Oscar in der Hand, strahlte US-Regisseurin Heder nach der Gala im Backstage-Interview.
Die vergleichsweise kleine US-Produktion „Coda“ ist ein Remake der französischen Komödie „Verstehen Sie die Beliers?“ Der feinsinnige und trotz des ernsten Hintergrunds humorvolle Film erzählt von der 17-jährigen hörenden Ruby, die in einer gehörlosen Fischerfamilie aufwächst und davon träumt, Sängerin zu werden.

Jane Campion als beste Regisseurin
Regisseurin Heder sprach von einem „historischen Moment“ für Gehörlose und für die Independent-Szene. „Coda“ wurde zudem in den Kategorien „Bestes adaptiertes Drehbuch“ und „Bester Nebendarsteller“ prämiert. Der gehörlose Schauspieler Troy Kotsur gewann für seine Rolle als gerne fluchender Familienvater – worauf Kotsur in seiner Dankesrede, gehalten in Gebärdensprache, auch mit einem verschmitzten Lächeln hinwies: Die Zeichensprache sei eben recht vielseitig, es gebe auch eine vulgäre Seite, so Kotsur, der klarmachte: „Dieser Preis ist der gesamten Gehörlosengemeinschaft gewidmet.“ Mit „Coda“ gewann erstmals ein Film eines Streamingdienstes – der Film läuft auf Apple TV+ – den Oscar in dieser Kategorie.
Die Sparte „Beste Regie“ entschied hingegen die neuseeländische Filmemacherin Campion für sich. Das Westerndrama „The Power of the Dog“ war mit zwölf Nominierungen an der Spitze des Feldes gestanden, konnte aber letztlich nur diese eine Auszeichnung holen. Campion ist erst die dritte Frau, die in der Regiesparte gewinnen konnte.
Eklat statt alter Glanz
Nach zwei pandemiegeprägten Jahren hätte die diesjährige Oscar-Gala im Dolby Theatre wieder zu altem Glanz zurückkehren sollen – mit einer schmaleren, „frischeren“ Präsentation durch acht vorab aufgezeichnete Katagorien, was im Vorfeld für Diskussionen gesorgt hatte. Dass es jedoch nicht bei einem reinen Fest für die Schauspielkunst blieb – noch dazu im Jahr, in dem die weibliche und queere Community besonders stark gewürdigt wurde –, lag vor allem am Eklat um Smith, der mit seinem Auftritt lange in Erinnerung bleiben dürfte.
Noch vor Smiths Auszeichnung als bester Hauptsteller hatte sich der Komiker Rock an Smiths Frau Jada Pinkett Smith gewandt und einen Witz über ihre Kahlheit – die Schauspielerin hat eine Autoimmunerkrankung und thematisierte in der Vergangenheit immer wieder ihren Haarausfall – gemacht: „G.I. Jane 2 – ich kann es nicht abwarten, das zu sehen.“ Es war eine Anspielung auf den Film „G.I. Jane“, in dem sich Demi Moore als Soldatin den Kopf rasierte. Zunächst lachte Smith darüber, dann stand er von seinem Platz auf und gab Rock eine Ohrfeige.
Danach kehrte er auf seinen Platz zurück und rief zweimal laut in Rocks Richtung: „Lass den Namen meiner Frau aus deinem verdammten Mund!“ – Dabei benutzte er zweimal das im US-Fernsehen verpönte Wort „fucking“, das in der US-Übertragung mit einem Piepton übertönt wurde.
Smith als „Verteidiger seiner Familie“
Rock wirkte nach dem Vorfall durchaus überrascht, fing sich aber schnell wieder und witzelte noch: „Das war die größte Nacht in der Geschichte des Fernsehens.“ Ob es sich um einen tatsächlichen Wutausbruch von Smith handelte oder um eine abgesprochene Szene, ist unklar. Ein inzwischen auf Twitter kursierendes Video zeigt allerdings, wie Denzel Washington und Tyler Perry im Anschluss versuchten, Smith zu beruhigen. In der Übertragung wurde währenddessen eine plötzliche Werbeunterbrechung eingespielt.
Als Smith schließlich den Oscar als bester Hauptdarsteller für seine Rolle in „King Richard“ gewann, kommentierte er den Vorfall in einer emotionalen Dankesrede und bezeichnete sich wie Richard Williams, den er in „King Richard“ verkörperte, als „Verteidiger seiner Familie“. Es sei seine Aufgabe, Menschen zu schützen, so Smith, der sich vor den sichtlich irritierten anwesenden Branchenstars weinend „Botschafter der Liebe und der Fürsorge“ nannte.
Mehrere andere Preisträger wollten Smiths Verhalten bei den Backstage-Interviews nicht kommentieren. So sagte etwa Ahmir „Questlove“ Thompson, der für „Summer of Soul“ den Oscar für die beste Doku bekam: „Darüber spreche ich nicht.“
Preise für Chastain, DeBose und „Dune“
Die fatale Optik seines Ausbruchs überschattete damit sowohl die Solidarität mit der Ukraine, die am Abend zur Schau getragen wurde, als auch die ausgewogenen Preisentscheidungen der Academy. Den Oscar als beste Hauptdarstellerin gewann Jessica Chastain für ihre Rolle als TV-Predigerin in „The Eyes Of Tammy Faye“. Als beste Nebendarstellerin wurde Ariana DeBose für ihre Rolle der Anita in Steven Spielbergs Remake der „West Side Story“ geehrt, die sich in ihrer Dankesrede als „eine offen queere, nicht weiße Frau, eine Afro-Latina, die ihre Kraft und ihr Leben durch die Kunst gefunden hat“, dem Publikum präsentierte.
Die meisten Auszeichnungen gingen hingegen an Denis Villeneuves Sciene-Fiction-Epos „Dune“, das unter anderem für die beste Filmmusik und die besten visuellen Effekte ausgezeichnet wurde und insgesamt sechs Trophäen mit nach Hause nehmen konnte.

Unterstützung für die Ukraine
Eine wichtige Rolle während des Abends spielte der russische Enmarsch in die Ukraine. Inmitten des Abends wurde mittels schwarz-weißer Einblendung zu einer Schweigeminute unter dem Hashtag „Stand with Ukraine“ und zu Spenden für die betroffenen Menschen aufgerufen.
Schweigeminute bei Oscars
Bei der Oscar-Verleihung ist der Ukraine-Krieg kein großes Thema gewesen. Selbst Mila Kunis, die in der Ukraine geboren wurde und zuletzt Millionensummen für Menschen in dem Land gesammelt hat, spricht nur etwas allgemein von „jüngsten Geschehnissen“. Für einen kurzen Schweigemoment wird eine Solidaritätsbekundung mit der Ukraine eingeblendet.
Ansonsten setzten Einzelne Zeichen. Regielegende Francis Ford Coppola, der mit seinen Schauspielern Robert De Niro und Al Pacino anlässlich des „Paten“-Jubiläums auf der Bühne erschien, verabschiedete sich mit einem „Vive Ukraine!“ Der Schauspieler Jason Momoa („Dune“) als Präsentator der Kategorie „Beste Kamera“ trug etwa ein blau-gelbes Einstecktuch. Und einige wenige seiner Kollegen wie Yoon Yeo-jeong, Vorjahressiegerin in der Sparte der Nebendarstellerinnen, trugen blaue Bänder mit der Aufschrift „WithRefugees“, um damit ihre Solidarität mit der Ukraine zu zeigen.
Bei den Animationsfilmen setzte sich wie erwartet das Disney-Musical „Encanto“ durch, während Superstar Billie Eilish nach ihrer Performance in der Show auch den Oscar für den besten Song mit ihrem Bond-Titel „No Time to Die“ einheimste. Zur Riege der Favoritensiege zählte auch jener des japanischen Kandidaten „Drive My Car“ von Ryusuke Hamaguchi, der die Trophäe in der Sparte der Auslandsoscars holte.

Gesellschaftskritisches Moderatorinnentrio
Moderiert wurde der Abend von den drei Komödiantinnen Amy Schumer, Regina Hall und Wanda Sykes – womit die Show erstmals seit 2018 wieder einen Host hatte. Die drei Auserwählten lieferten dabei die erwartbaren Scherze auf Kosten von Kolleginnen und Kollegen und kleine Einlagen ab. Dabei waren sie erfrischend gesellschaftskritisch: Schumer bemerkte am Anfang, das Moderatorinnentrio sei „billiger als ein Mann“.
Oscar-Verleihung von Eklat überschattet
Hollywood tut sich schwer. Eigentlich wollte die Filmbranche mit der heurigen Oscar-Gala endlich die Zeitenwende schaffen – auch mit Blick auf die Konkurrenz der Streaming-Anbieter. Es wollte sich als modern und aufgeschlossen präsentieren. Aber letztlich war es dann doch der Auftritt eines Mannes, der in erster Linie in Erinnerung bleiben wird. Ein Schlag ins Gesicht für die Traumfabrik.
Skyes sagte nach dem Auftakt: „And for you people in Florida, we’re going to have a gay night“ und kritisierte damit das „Don’t Say Gay“-Gesetz des US-Bundesstaats Florida, das die Thematisierung von sexueller Orientierung vom Kindergartenalter bis in die dritte Klasse untersagt. Das kürzlich in Kraft getretene Gesetz wird von LGBTQ-Vertretern als diskriminierend verurteilt.