Der Ukrainische Präsident Selenskyj
Reuters/Ukrainian Presidential Press Service
Ukraine-Krieg

Kiew hofft auf direkte Gespräche mit Putin

Russland hat nach Angaben der Ukraine durchblicken lassen, dass die Zeit reif ist für Verhandlungen auf höchster Ebene zwischen beiden Ländern. Die russischen Truppen zogen sich nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums unterdessen komplett aus der Region um die Hauptstadt Kiew zurück oder wurden zurückgeschlagen.

Die Agentur Interfax Ukraine zitierte den zum ukrainischen Verhandlungsteam gehörenden Dawyd Arachamija am Samstagabend mit den Worten, Russland habe angedeutet, dass man bei den Dokumenten für den Entwurf eines Friedensvertrags so weit vorangekommen sei, dass das direkte Konsultationen der Präsidenten beider Länder erlaube.

Russland habe die Position der Ukraine grundsätzlich akzeptiert, mit Ausnahme des Standpunktes zur Krim, hieß es weiter. Während Russland den Status der Krim infolge der – unter Bruch des Völkerrechts erfolgten – Annexion der ukrainischen Halbinsel im Jahr 2014 als geklärt ansieht, will Kiew eine 15-jährige Prüfphase vereinbaren. Die anderen Punkte betreffen die Neutralität der Ukraine und ihren Verzicht auf ausländische Militärbasen, wobei es im Gegenzug internationale Sicherheitsgarantien durch eine Reihe von Ländern, etwa Israel, die Türkei, Kanada und Polen, geben soll.

Kreml: Gespräche „nicht einfach“

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte am Samstag, dass sich die russisch-ukrainischen Gespräche „nicht einfach“ gestalteten. Es sei aber wichtig, dass sie fortgesetzt würden, zitierte die Agentur Ria Peskow. Russland habe eine Fortsetzung der Gespräche in Belarus vorgeschlagen, was die Ukraine aber ablehne. Die jüngste Gesprächsrunde hatte zu Wochenbeginn in der Türkei stattgefunden.

„Region Kiew von Invasoren befreit“

Die ukrainische Armee brachte unterdessen nach Regierungsangaben die Region um die Hauptstadt Kiew wieder vollständig unter ihre Kontrolle. „Irpin, Butscha, Hostomel und die gesamte Region Kiew wurden von den Invasoren befreit“, schrieb Vizeverteidigungsministerin Hanna Maliar am Samstag auf Facebook.

Die russischen Truppen hatten sich bereits in den vergangenen Tagen aus den nordwestlich von Kiew gelegenen Vororten Irpin und Butscha zurückgezogen, nachdem ihr Versuch, die ukrainische Hauptstadt einzukesseln, gescheitert war. Die Vororte waren bei den wochenlangen Kämpfen zwischen der ukrainischen Armee und den russischen Truppen schwer beschädigt worden.

280 Tote nach Abzug von Russen

Nach dem Rückzug der russischen Armee aus Butscha mussten dort nach Angaben von Bürgermeister Anatoly Fedoruk 280 Menschen in Massengräbern beigesetzt werden, da die drei städtischen Friedhöfe noch in Reichweite des russischen Militärs lagen. Die Straßen der Kleinstadt seien mit Leichen übersät, sagte Fedoruk der Nachrichtenagentur AFP.

AFP-Journalisten in Butscha sahen in einer einzigen Straße mindestens 20 Leichen liegen. Die Kleinstadt wurde durch die russischen Angriffe verwüstet. Wohnhäuser wurden durch Granatenbeschuss beschädigt, und auf den Straßen waren zerstörte Autos zu sehen.

Russische Angriffe verlagern sich nach Osten

In der Ukraine verlagern sich die Angriffe Russlands offenbar zunehmend in Richtung Osten. Rund um die Hauptstadt Kiew dürften sich die russischen Truppen zurückgezogen haben.

Russland verlagert Truppen in Osten

Die ukrainische Regierung sprach am Samstag von einem „schnellen Rückzug“ der russischen Truppen im Norden des Landes. Die Angreifer würden in den Regionen von Kiew und Tschernihiw zurückfallen, sagte Michailo Podoljak, ein Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Die russische Armee wolle sich nun „nach Osten und Süden zurückziehen und dort die Kontrolle über große besetzte Gebiete behalten“.

Tausende aus umkämpften Städten geflüchtet

Tausenden Menschen gelang am Samstag laut ukrainischen Angaben die Flucht aus umkämpften Städten. 765 Zivilistinnen und Zivilisten hätten mit eigenen Fahrzeugen die Hafenstadt Mariupol im Südosten des Landes verlassen, so Vizeregierungschefin Irina Wereschtschuk.

Fast 500 Zivilisten seien aus der Stadt Berdjansk geflohen. Ziel der Menschen aus beiden Städten sei Saporischschja. Zudem seien in Berdjansk zehn Busse gestartet. Auch aus Städten wie Sjewjerodonezk und Lyssytschansk im Luhansker Gebiet im Osten des Landes seien Menschen gerettet worden. „Wir arbeiten weiter“, so die Vizeregierungschefin. Der Rot-Kreuz-Konvoi, dem seit Tagen die Zufahrt nach Mariupol verweigert wird, wartet weiter darauf, dringend benötigte Medikamente und Lebensmittel in die Stadt bringen zu können – und mit Bussen Menschen aus der Stadt herauszuholen.