Der schwangere Popstar Rihanna am Fenty Beauty Event
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Unverhüllt

Rihannas politischer Babybauch

Die neunfache Grammy-Gewinnerin und milliardenschwere Unternehmerin Rihanna gehört zu den erfolgreichsten Künstlerinnen der Welt. Mit der freizügigen Inszenierung ihres Babybauchs verstößt die Sängerin bewusst gegen Konventionen – und setzt damit laut „New York Times“ auch ein „hochpolitisches Statement“. Denn der weibliche Körper ist bis heute oft das Ziel meist männlich dominierter Politik – und der Kampf um das Selbstbestimmungsrecht von Frauen über ihren Körper gerade in den USA hochaktuell.

Zufällig eingefangen wirken die Bilder, die Rihanna mit einem pinkfarbenen Mantel und unverhülltem Babybauch an der Seite ihres Partners ASAP Rocky im Jänner in New York zeigen. Bei den Fotos, die die Schwangerschaft der Sängerin erstmals öffentlich machten, handelt es sich jedoch keineswegs um Paparazzi-Shots.

Als „meisterhafte Vorführung von Medienmacht“ bezeichnet die „Frankfurter Allgemeine“ die Bilder, die innerhalb kürzester Zeit im Internet viral gingen und von Rihannas Langzeitfotograf Miles Diggs aufgenommen wurden. Nicht mit inszenierten Studiobildern, sondern scheinbar privaten Schnappschüssen ließ Rihanna die Öffentlichkeit an ihrer Schwangerschaft teilhaben – und setzte mit einem Kleidungsstil, den die Sängerin selbst als „rebellisch“ bezeichnet, gleichzeitig ein Zeichen in Sachen Umstandsmode.

Expertin: Unverhüllter Bauch mehr als Modetrend

„Rihanna gibt dem ‚Maternity Style‘ im Alleingang einen neuen Namen“, erklärte die britische Ausgabe des Magazins „Glamour“. „Irre Babybauch-Looks: Rihanna zelebriert ihre Schwangerschaft“, titelte die deutsche „Bild“. Liza Tsaliki, Professorin für Medien und Popkultur in Athen, geht im Gespräch mit der „New York Times“ („NYT“) noch einen Schritt weiter: Die untypischen Schwangerschaftslooks, die ganz ohne weitere Kleidung daherkommen, seien nicht bloß modische Präferenzen, sondern „provokative und hochpolitische Aussagen“.

Indem Rihanna die Welt konsequent mit der physischen Realität von Schwangerschaft konfrontiere, adressiere sie mehrere zeitgenössische Phänomene gleichzeitig: Zum einen den starken Einfluss Prominenter auf gesellschaftliche Trends und Verhaltensweisen, zum anderen auch die „Ästhetisierung des Körpers und die Überwachung der Taille von Frauen“.

Der schwangere Popstar Rihanna auf einer Dior-Modeschau
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Rihanna zeigte sich im März schwanger in Dessous bei der Paris Fashion Week

Symbole, Satire und Tabus prägten Darstellungen

Denn obwohl schwangere Frauen in der Antike verehrt und als physische Verkörperung der Verbindung der Frau mit „Mutter Erde“ angesehen wurden, habe sich dieses öffentliche Bild seit dem Mittelalter stark gewandelt, sagte Tsaliki gegenüber der „NYT“. Schwangerschaft sei zu dieser Zeit als ein schändlicher Zustand und Zeichen der Instabilität gesehen worden, der bis zur Geburt des Kindes besser verborgen wurde.

Wie sehr sich die öffentliche Meinung rund um Schwangerschaften im Laufe der Jahrhunderte änderte, thematisierte auch die Ausstellung „Portraying Pregnancy“, die 2020 im Foundling Museum in London zu sehen war. Die gezeigten Darstellungen schwangerer Körper seien zwischen dem 17. und 20. Jahrhundert vor allem durch Symbole, Satire und Tabus repräsentiert worden, schreibt die Journalistin Hellen Charman in der Kunstzeitschrift „Apollo“.

So sei ein Porträt, das in der National Gallery in London ausgestellt worden war und eine mutmaßlich schwangere Frau zeigte, wegen fehlender „moralischer Reinheit“ 1842 heftig kritisiert worden. Die Ausstellung zeige, wie sich die Darstellung schwangerer Körper im Laufe der Jahrhunderte geändert habe: Standen frühere Abbildungen noch ganz im Zeichen der Unterdrückung durch paternalistische Strukturen, ginge es in neueren Bildern um ein „Wiedererlangen von Macht“.

1990er: Zeitalter der Schwangerschaftskunstporträts

Während Prinzessin Diana während ihrer Schwangerschaften Anfang und Mitte der 1980er noch gerüschte Kittel und weite Kleider trug, wurde es Anfang der 1990er unter Prominenten erstmals üblich, den Bauch nicht mehr zu verstecken. So sorgte etwa das von Annie Leibovitz aufgenommene Porträt der hochschwangeren und nackten Schauspielerin Demi Moore in der „Vanity Fair“ für Aufsehen und läutete laut „NYT“ erstmals das „Zeitalter der Schwangerschaftskunstporträts“ ein.

Auch Model Cindy Crawford, Sängerin Britney Spears und Tennisspielerin Serena Williams schlossen sich dem Trend in den kommenden Jahrzehnten an. Ikonisch wurde auch das Fotoshooting der Sängerin Beyonce im Jahr 2017, in welchem sie sich hochschwanger in einer künstlerisch ausgestalteten Location ablichten ließ. „(Diese Bilder) sollen symbolisch dafür stehen, dass Frauen nicht nur die Darstellung ihrer schwangeren Körper, sondern auch die Verbreitung ihrer Porträts in die Hand nehmen“, schreibt Charman.

Rihanna: Alltag statt Hochglanz

Anstatt wie andere prominente Frauen nur im Studio nackte Haut rund um ihre Schwangerschaft zu zeigen, inszeniert Rihanna ihren Babybauch nun auch im Alltag. Damit würde sie bewusst ihren Status und ihre Körperlichkeit einsetzen, um „ein Überdenken alter Vorurteile und sozialer Konventionen“ zu erzwingen, schreibt die „NYT“.

Renee Ann Cramer, stellvertretende Rektorin der Drake-Universität und Autorin des Buches „Pregnant With The Stars“ verweist darauf, dass eine solche Art der Selbstbestimmung und bewusstes Verstoßen gegen Konventionen auch eine rechte Politik herausfordere, die die Autonomie und Entscheidungsfähigkeit von Frauen infrage stelle. Damit spielt sie etwa auf den US-Bundesstaat Florida an, der kürzlich mit einer geplanten Verschärfung der Abtreibungsrechte international für Aufsehen sorgte.

Der schwangere Popstar Rihanna und Musiker ASAP Rocky während einer Off-White-Modeschau
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„Je mehr Träger, je dünner und je mehr Ausschnitte, desto besser für mich“, beschreibt Rihanna ihren Schwangerschaftslook

Ob die Inszenierung einer „wohlhabenden Frau am Höhepunkt ihrer Karriere“ langfristig die Art und Weise, wie Schwangerschaften in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, ändern kann, sei jedoch fraglich, so Cramer. Indem sie sich völlig von traditioneller, verhüllender Umstandsmode distanziere, würde Rihanna allerdings zeigen, dass Frauen auch dann „autonom, mächtig und sie selbst“ sein könnten, wenn sie ein Baby in sich tragen.