Essenslieferung über Absperrung in Schanghai
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Abgeriegelt

Frust über Schanghais Lockdown wächst

Seit zwei Wochen befindet sich die chinesische Millionenmetropole Schanghai wegen steigender Coronavirus-Fallzahlen im Lockdown. Zuletzt mehrte sich – insbesondere in Onlineforen – die Kritik gegen die von Peking aus verordnete „Zero Covid“-Strategie. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Medizin ist stark beeinträchtigt.

„Ein ungeschickter Lockdown Schanghais ist ein Test für die ‚Zero Covid‘-Strategie“, titelte der „Economist“ am Samstag. Wochenlang hätten die Behörden der 25-Millionen-Einwohner-Stadt mit einem lockereren Ansatz experimentiert, um die infektiösere Omikron-Variante einzudämmen – Gerüchte über härtere Maßnahmen seien stets unterdrückt worden.

Doch Ende März wurde wegen der steigenden Fallzahlen zuerst der Ostteil der Stadt in den Lockdown geschickt. Als das die Ausbreitung des Virus nicht minderte, wurde der Westteil geschlossen – und schließlich die ganze Stadt auf unbestimmte Zeit.

Menschen in Schutzanzügen testen Einwohner in Schanghai
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Zuletzt mussten sich die Bewohner und Bewohnerinnen Schanghais zweimal täglich testen

Die Kritik lautet: zu überstürzt, zu unvorbereitet. Die Bewohner und Bewohnerinnen hatten kaum Zeit, sich mit Grundnahrungsmitteln und benötigter Medizin einzudecken. Die Plattform Weibo wurde mit Bitten um Hilfe überschwemmt, schrieb der „Economist“. Ein Mann habe nach Epilepsiemedikamenten für seinen kleinen Sohn gesucht. Es kursieren Videos, die zeigen sollen, wie Menschen in Schutzanzügen mit den Bewohnern einer Wohnsiedlung in Schanghai um Proviant streiten, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters.

Schanghai: Erwartungen nicht erfüllt

Am Samstag räumte die Stadtregierung ein, dass die Behörden die Erwartungen der Öffentlichkeit in Bezug auf den Umgang mit der Situation nicht erfüllt hätten. „Wir empfinden die Probleme, die von allen angesprochen wurden, genauso“, sagte der stellvertretende Bürgermeister der Stadt, Zong Ming. „Vieles von dem, was wir getan haben, war nicht ausreichend, und es gibt immer noch eine große Lücke zu den Erwartungen aller. Wir werden unser Bestes tun, um uns zu verbessern.“

Bis vor Kurzem schien Medienberichten zufolge diese „Zero Covid“-Strategie allgemein populär zu sein. Die meisten der 1,4 Milliarden Menschen in China hätten nach den rigorosen Lockdowns ein relativ normales Leben geführt. Doch die rasche Ausbreitung von Omikron bedeutet, dass die Zahl der Menschen, die von den staatlichen CoV-Kontrollen betroffen sind, zunimmt.

Einwohner und Einwohnerinnen Schanghais wurden auf ihren Balkonen gefilmt, wie sie in Sprechchören ihre „Freilassung“ forderten. In den Straßen versammeln sich kleine Gruppen, die gegen die Maßnahmen protestieren und Medizin fordern, berichtete auch der „Guardian“ zuletzt.

USA genehmigt Ausreise von Personal

Besonders umstritten war die Regelung Schanghais, wonach Kinder, die mit dem Coronavirus infiziert sind, von ihren Eltern getrennt werden sollten. Videos von Dutzenden Kindern, einige erst wenige Monate alt, die zu fünft in einem Bett liegen, sorgten in der Bevölkerung für Aufruhr. Nach der heftigen Kritik an dem Vorgehen gegen Familien wurde die Regelung gelockert.

Eine Person in Schutzanzug beim Spaziergang mit dem Hund in Schanghai
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Schutzanzüge gehören mittlerweile zum Stadtbild Schanghais

Das dürfte auch ein Mitgrund dafür gewesen sein, warum die USA die „freiwillige Ausreise“ von nicht notwendigem Personal aus ihrem Konsulat in Schanghai genehmigt haben. Die Familien aller US-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen dürften ausreisen, teilte das Außenministerium mit. Die Behörde warnte US-Bürger und -Bürgerinnen außerdem vor Reisen nach Schanghai wegen der strengen Coronavirus-Beschränkungen, „einschließlich des Risikos, dass Eltern und Kinder getrennt werden“.

Impfquote bei Älteren niedrig

In Peking selbst sieht man den harten Lockdown trotz heftiger Proteste als Erfolgsrezept. Die staatliche „Volkszeitung“ schrieb am Freitag, die „Zero Covid“-Strategie sei weiterhin „die beste Wahl“ für China, und das Land solle „niemals abgestumpft, niemals müde im Kampf“ gegen die Coronavirus-Pandemie werden. Am Samstag meldete Schanghai knapp 24.000 Neuinfektionen.

Leere Straße in Schanghai
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Schanghai wurde in wenigen Tagen zur Geisterstadt

Zwar liegt die Impfquote in China bei etwa 90 Prozent, doch gelten die im Inland hergestellten Coronavirus-Impfstoffe als schwächer als die mRNA-Impfstoffe, wie sie etwa von Pfizer und Biontech sowie Moderna hergestellt werden. Die Impfquote ist bei älteren Menschen viel niedriger als in der Gesamtbevölkerung: Nur etwa die Hälfte der über 80-Jährigen ist vollständig geimpft.

Nach den jüngsten verfügbaren Daten sind nur 62 Prozent der über 60-Jährigen in Schanghai geimpft worden. Deshalb befürworten einige Fachleute den strengen Ansatz und sagen, dass China die Impfrate bei Älteren deutlich erhöhen muss, bevor es lockere Maßnahmen einsetzen kann.