„Top Gun Maverick“
2022 Paramount Pictures
„Top Gun: Maverick“

Kopfüber ins Nostalgiespektakel

Das Fliegerspektakel „Top Gun“ hat 1986 eine neue Ära des Actionkinos eingeläutet und Tom Cruise zum Weltstar gemacht. 36 Jahre später schlüpft er wieder in die Rolle des Kampfpiloten Pete „Maverick“ Mitchell. Die lange erwartete Fortsetzung „Top Gun: Maverick“ spielt mit Nostalgie und überzeugt mit sensationellen Stunts in F-18-Jets.

Perfekt eingetragene Lederjacke, polierte Fliegerbrillen, schwer klickende Metallkarabiner, definierte Brustmuskeln und muskulöse Oberarme unter engen T-Shirt-Ärmeln, die heiße Abluft des Kampfjetmotors, die die Luft erbeben lässt, synchron zum Soundtrack: „Top Gun: Maverick“ wäre mit seinem Materialfetisch im Juli 2019 ein lustvoller, übermütiger Anachronismus gewesen.

Damals hätte der Film starten sollen, die Flugsequenzen brauchten allerdings noch mehr Detailarbeit, der Start wurde zunächst nur um ein Jahr verschoben. Dann kam die Pandemie dazwischen und fand vorerst kein Ende. Erst jetzt, fast drei Jahre später, kommt die Fortsetzung von Tony Scotts Blockbuster aus dem Jahr 1986 ins Kino, denn „um keinen Preis der Welt“, so Cruise bei der Europapremiere bei den Filmfestspielen in Cannes, hätte er in einen Streaming-Start eingewilligt.

Schwelgen in der Vergangenheit

Dem positiven Echo auf den Film hat die Verschiebung womöglich sogar gutgetan. Uniformen kommen aus tagespolitischen Gründen heute besser an als noch vor wenigen Jahren, die Distanz zwischen Entertainment und Militär scheint noch weiter geschrumpft. In Cannes drehte eine Kunstflugstaffel der französischen Luftwaffe zu Ehren des Films eine Runde über dem Festivalpalast, und sogar eine Publikation der deutschen Marine wirbt dieser Tage auf Twitter mit „Top Gun“-Hashtag für ihre Pilotenausbildung.

Der Film, wie zuvor schon das Original mit Navy-Unterstützung produziert, schwelgt in einem Nostalgiemix aus 80ern und 40ern, in Fliegerromantik und verschmitzter Homoerotik, die schon die einflussreiche Filmkritikerin Pauline Kael 1986 im New Yorker angesichts „gefährlich von Hüften baumelnder Handtücher“ benannte: „Es ist, als sei Männlichkeit neu definiert als die Art, wie ein junger Mann halbbekleidet aussieht, und als sei Narzissmus alles, was ein Krieger braucht.“

Hoch wie nie

Mit dieser Sorte Männlichkeit kann Cruise, der damals zum Superstar wurde, auch noch als fast 60-Jähriger ausgezeichnet mithalten, am Strand, beim Herumtollen mit den Junghupfern. In der Fortsetzung um die Eliteflugschule Top Gun ist Mitchell immer noch ein einfacher Captain, trotz über dreißig Jahren Dienst in der Navy, zahlreicher Medaillen und Ehrenabzeichen. Dem Ruhestand verweigert er sich, und wegen seiner Frechheiten scheitert jede Beförderung.

„Top Gun Maverick“
2022 Paramount Pictures
Glänzt auch mit fast sechzig als junggebliebener Navy-Flieger: Tom Cruise

Würde sein längst zum Admiral aufgestiegener Freund Tom „Iceman“ Kazansky (ein inzwischen gebrechlicher Val Kilmer in einem Miniauftritt) nicht schützend seine Hand über ihn halten, wäre Maverick wohl längst aus der Navy geflogen. Inzwischen fliegt er als Testpilot Kolosse, mit denen er die neunfache Schallgeschwindigkeit erreicht, während der befehlshabende Offizier Chester Cain (Ed Harris) genervt unten auf dem Flugfeld steht und das Testprogramm eigentlich abdrehen will.

Zurück in die Flugschule

Doch dann klopft noch einmal die Vergangenheit an: „Maverick“ soll zurückkehren zu Top Gun und eine Gruppe junger Pilotinnen und Piloten auf einen potenziell tödlichen Spezialeinsatz vorbereiten. In der Gruppe ist allerdings auch ein gewisser Lieutenant Bradley „Rooster“ Bradshaw (Miles Teller), Sohn von Mavericks Kameraden „Goose“, der damals in „Top Gun“ 1986 verunglückt und in Mavericks Armen gestorben war. Natürlich gibt es da einiges aufzuarbeiten, auch die Dynamik innerhalb der Gruppe von jungen Fliegern ist nicht gerade kuschelig.

„Top Gun Maverick“
2022 Paramount Pictures
Miles Teller liefert als Sohn eines verunglückten Kameraden Pete „Maverick“ Mitchell (Cruise) Auseinandersetzungen

Die Fliegerei ist in „Maverick“ ein fast reines Männergeschäft, womöglich noch reaktionärer als im Original, wo immerhin Kelly McGillis die Astrophysiklehrerin Charlotte „Charlie“ Blackwood spielen durfte, inspiriert von der realen Pentagon-Mitarbeiterin Christine Fox. Diesmal gibt es nur eine einzige Pilotin in der Gruppe, deren blasser Auftritt mehr wie eine Pflichtübung wirkt. Weil sich „Maverick“ natürlich trotzdem wieder verlieben muss, spielt die um acht Jahre jüngere Jennifer Connelly eine alleinerziehende Barbesitzerin, der er schöne Augen macht.

Die zugeknöpfte Charlie, die sich damals in den jungen Piloten verliebte, kommt nicht wieder vor, ebenso wenig wie Carol Bradshaw, Ehefrau von „Goose“ und damals gespielt von Meg Ryan. Grund dafür sei, so Regisseur Joseph Kosinsky, dass er nach vorne blicken wollte: „Es war wichtiger, neue Figuren einzuführen“ – für einen Film, der sich so sehr über Nostalgie verkauft, eine etwas weit hergeholte Rechtfertigung.

Ehrenpalme für Cruise

1986 läutete „Top Gun“ eine neue Ära des Actionkinos ein, in der weniger die Geschichte als Aussehen, Oberfläche und Geschwindigkeit zählten, ein Immer-lauter-immer-Glänzender für jene Publikumsgeneration, deren Aufmerksamkeitsspanne längst auf Videospiele und MTV eingestellt war. Jetzt, 36 Jahre später, gilt „Top Gun“ als Klassiker, und seine Fortsetzung ist eine Feier altmodischer Kinotugenden, wie vor allem bei der Premiere in Cannes deutlich wurde, wo Cruise überraschend eine Goldene Ehrenpalme erhielt.

Eigentlich sollte ja schon damals eine Fortsetzung gedreht werden, doch Cruise, der sich selbst als Filmhandwerker und Perfektionisten beschreibt, hatte sich dem damals verweigert: „Ich musste noch reifen. Ich war mir damals dessen bewusst, was ich alles noch nicht konnte.“ Das lange Warten hat sich ausgezahlt: Die Flugstunts, bei denen Cruise und seine jungen Kolleginnen und Kollegen nach Cruises Angaben selbst in den F-18-Maschinen saßen, sind sensationell.

Auch einige Schmähs sind wirklich gut, und der Auftritt des von schwerer Krankheit gezeichneten Kilmer als fürsorglicher Freund Iceman ist ein emotionaler Höhepunkt des Films. Dass das Ganze etwas gestrig wirkt, passt ins Konzept, oder wie Cain (Harris) sagt: „Das Ende ist unvermeidlich, Maverick. Deine Art ist am Aussterben“ – woraufhin er zurückgibt: „Vielleicht, Sir. Aber nicht heute.“