Sanddünen vor Brücke beim Fluss Po
AP/Luca Bruno
Italien

Wasser wohl bald nur noch in Rationen

Italien betet für Regen, nicht nur sinnbildlich. Am Wochenende riefen mehrere Geistliche, darunter der Mailänder Erzbischof Mario Delpini, den Himmel um „das Geschenk des Wassers“ an. Tatsächlich ist die Lage in vielen Regionen besorgniserregend, Hitze und Dürre sollen noch tagelang anhalten – ein landesweiter Ausnahmezustand und die Rationierung von Wasser auch tagsüber könnten bevorstehen.

„Die Situation ist im ganzen Land schwierig. Es gibt besonders betroffene Gebiete wie die Ebene des Flusses Po, die östlichen Alpen und einige Regionen in Mittelitalien. Das Problem ist jedoch auf gesamtstaatlicher Ebene vorhanden“, sagte Zivilschutzchef Fabrizio Curcio im Interview mit dem TV-Sender Sky Tg24 am Montag.

In den Provinzen Latium und Lombardei wurde bereits der Ausnahmezustand ausgerufen, das ganze Land könnte folgen. „Wir sind dabei, mit den Regionen die Kriterien und vor allem die Maßnahmen festzulegen“, sagte Curcio, „ich denke, dass wir in den nächsten Tagen, zumindest in den nächsten Wochen, klare Maßnahmen haben werden und den Notstand ausrufen können.“

Sanddünen beim Fluss Po
Reuters/Guglielmo Mangiapane
Die Niederschläge fielen heuer bisher um 50 Prozent geringer als im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen Jahre aus

Po als größte Problemzone

In einigen Gegenden des Landes hat es seit rund vier Monaten nicht mehr geregnet, Flüsse und Stauseen sind ausgetrocknet. Der Po, Italiens längster Fluss, ist von der schlimmsten Dürre seit rund 70 Jahren betroffen. Der 652 Kilometer lange Strom ist für rund ein Drittel der landwirtschaftlichen Produktion existenziell. „Der Wasserdurchfluss hat sich innerhalb von zwei Wochen halbiert“, teilte die italienische Bewässerungsbehörde ANBI mit.

Der Wasserpegel müsste mehr als doppelt so hoch wie aktuell liegen, um zu verhindern, dass Meereswasser in das Flussbett fließt und landwirtschaftliche Flächen zerstört. Auch die Muschelproduktion im Po-Delta droht einzubrechen. Der Temperaturanstieg ohne die Möglichkeit eines Wasserwechsels habe zu einem Rückgang der Produktion von 20 Prozent geführt, gab der Landwirtschaftsverband Coldiretti bekannt. Wegen der Wasserknappheit sei ein ganzer Sektor gefährdet, der jedes Jahr mehr als 93 Millionen Kilo Miesmuscheln und Venusmuscheln produziert.

Dürre: Italien erwägt Wasserrationierung

Italien kämpft angesichts drückender Hitze gegen die schlimmste Dürre seit rund 70 Jahren. Heuer seien die Niederschläge um 50 Prozent geringer als im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen Jahre gewesen, so Zivilschutzchef Fabrizio Curcio. Die Folgen der Wasserknappheit wären gravierend für die Landwirtschaft, für die Fischerei und für die Stromproduktion.

Extremwetter

Zwar lassen sich einzelne Extremereignisse nicht direkt auf eine bestimmte Ursache zurückführen, klar ist laut Weltklimarat aber: Durch die Klimakrise werden Extremwetterereignisse wie Überschwemmungen, Stürme und Hitze häufiger und intensiver. Das heißt: Niederschläge und Stürme werden stärker, Hitzewellen heißer und Dürren trockener.

In Hunderten von kleinen und mittelgroßen Gemeinden, vor allem im Piemont, in der Lombardei und im Friaul, wird der Wasserverbrauch bereits rationiert, es darf nur zum Trinken oder für andere wichtige Bereiche des Alltags verwendet werden. In Mailand sollen die Brunnen abgedreht werden, ausgenommen solche, in denen sich Pflanzen und Tiere befinden. Mancherorts ist selbst die Trinkwasserversorgung über Nacht eingestellt. Eine Ausweitung steht im Raum: Zivilschutzchef Curcio warnte am Montag, dass das Wasser auch tagsüber rationiert werden könnte.

Auch für den Minister für Landwirtschafts-, Ernährungs- und Forstpolitik, Stefano Patuanelli, „besteht leider die Gefahr einer Rationierung des Wassers, weil die Wasserressourcen knapp sind und eine bewusste und differenzierte Nutzung des Wassers erforderlich ist“, wie etwa „La Stampa“ berichtete. Die Prioritäten seien klar: An erster Stelle stehe die zivile Nutzung, an zweiter Stelle die für Vieh und Landwirtschaft, die Industrie käme zum Schluss.

„Problem erst gelöst, wenn es zu regnen beginnt“

Zu einer etwaigen nationalen Ausrufung des Notstands sagte Patuanelli: „Die Tatsache, dass es weiterhin nicht regnet, ist an sich schon ein Notfall.“ Und: „Das Problem ist erst gelöst, wenn es zu regnen beginnt. Derzeit haben wir außer dem Katastrophenschutz keine unmittelbaren Eingriffsmöglichkeiten, aber die Entscheidungen müssen zentral getroffen werden, um Wasserkriege zwischen verschiedenen Landesteilen zu vermeiden.“

Flussbecken vom Fluss Sangone, ausgetrocknet
Reuters/Massimo Pinca
Das Flussbett des Po hat sich zu einem Gehweg gewandelt

Strukturelle Defizite

Zu bedenken gab Patuanelli, dass es sich nicht nur in diesem Jahr um einen Notfall handeln wird: „Wir müssen daran arbeiten, das Problem der Wassernutzung strukturell zu lösen.“ Auf diese strukturellen Mängel nahm auch die „Süddeutsche Zeitung“ („SZ“) jüngst Bezug: Italien würde nicht nur unter dem Klimawandel und der damit verbundenen Dürre leiden, sondern auch an „seiner eigenen, hausgemachten Unfähigkeit“, das Wasser gebührend zu schützen.

„Das nationale Leitungsnetz ist derart desolat und dessen Bewirtschaftung durch die Gemeinden so kleinteilig, dass jedes Jahr viel Trinkwasser völlig unnötig auf dem Weg zu den Haushalten und in die Wirtschaft verloren geht – denkwürdige 42 Prozent, wie es eine Studie des staatlichen Statistikamtes Istat erst neulich aufzeigte. Fast die Hälfte des Wassers versickert also irgendwie und irgendwo“, schrieb die „SZ“. Immerhin seien die Mängel erkannt worden, hieß es: „Im nationalen Wiederaufbaufonds für die Zeit nach der Pandemie sind knapp 900 Millionen Euro für eine Modernisierung des Netzes vorgesehen.“

ZIB-Korrespondentin Vospernik aus Neapel

Welche Maßnahmen werden die italienischen Behörden jetzt ergreifen, um der Hitze Herr zu werden? Cornelia Vospernik berichtet.

Hitze dauert an

Das dauert freilich Jahre, kurzfristig gibt es keine Entwarnung: Die Hitzewelle in Italien wird wohl noch mindestens zehn Tage lang andauern, warnen Meteorologen. Mindestens bis zum 4. und 5. Juli soll das afrikanische Hochdruckgebiet noch bestimmend sein, mit vereinzelten Gewittern nur in den Alpen und im Nordwesten. Nennenswerte Niederschläge werden aber nicht erwartet. Im südlichen Zentrum und auf den Inseln werden Spitzenwerte von 40 Grad erwartet.

9.000 Hektar in sechs Monaten durch Brände zerstört

Insgesamt sind in Italien in den vergangenen sechs Monaten mehr als 9.000 Hektar in Rauch aufgegangen, mehr als doppelt so viel wie im Durchschnitt der letzten Jahre. Die starke Trockenheit der vergangenen Monate begünstige das Werk vieler Brandstifter, beklagte der Landwirtschaftsverband Coldiretti. Die ausbleibenden Niederschläge führten auf dem Land und in den Wäldern zu einer Austrocknung des Bodens, sodass die Gebiete zunehmend den Flammen ausgesetzt sind.

Seit dem 15. Juni seien über 200 Feuer gemeldet worden, im Vergleichszeitraum 2021 waren es 80 und im Jahr 2020 nur 30. „Wenn Brände bei so starker Trockenheit ausbrechen, ist der Kampf gegen die Flammen besonders schwierig“, sagte Zivilschutzchef Curcio. Von den Feuern besonders betroffen ist die süditalienische Region Apulien. 250 Hektar wurden von einem Brand nördlich der Adria-Hafenstadt Bari zerstört.