Ehemaliger Kreml-Beamter Anatoli Tschubais
Reuters/Sergei Karpukhin
Auf Intensivstation in Europa

Spekulationen um Ex-Kreml-Berater

Der nach Beginn des Ukraine-Krieges zurückgetretene prominente Kreml-Beamte Anatoli Tschubais wird laut Medienberichten mit schweren gesundheitlichen Problemen in einer Klinik auf Sardinien behandelt, wo er Urlaub gemacht haben soll. Die Umstände der Erkrankung Tschubais führten prompt zu Spekulationen über die Ursache.

Schon am Sonntag hatte die prominente russische Moderatorin und frühere Präsidentenkandidatin Xenia Sobtschak unter Berufung auf Tschubais’ Familie geschrieben, der 67-Jährige sei in „nicht stabilem Zustand“ auf eine Intensivstation gebracht worden. „Ihm wurde schlecht. Seine Arme und Beine erlahmten plötzlich.“

Sobtschaks Angaben zufolge wurde der Raum, in dem sich Tschubais zuletzt aufhielt, von „Spezialisten in Chemieschutzanzügen“ untersucht. Am Montag meldete schließlich die italienische Tageszeitung „La Repubblica“, Tschubais werde auf der Mittelmeer-Insel in der Intensivstation behandelt.

Auch Autoimmunkrankheit möglich

Vor allem wegen Sobtschaks Schilderungen wurden in sozialen Netzwerken Spekulationen publik, der ehemalige Vertraute von Russlands Präsident Wladimir Putin könnte vergiftet worden sein. Auch die „Repubblica“ schrieb, es werde einem Vergiftungsverdacht nachgegangen. Mögliche Ursache von Tschubais’ Unwohlsein könne aber auch eine seltene Nervenkrankheit sein, hieß es.

Reuters berichtete unter Berufung auf zwei Insider, Tschubais sei davon ausgegangen, am Guillain-Barre-Syndrom zu leiden. Die seltene Autoimmunkrankheit, bei der das Nervensystem angegriffen wird, kann lebensbedrohliche Probleme wie schwere Atembeschwerden und Blutgerinnsel verursachen. Die beiden Insider gingen nicht von einer Vergiftung aus.

Nawalny-Sprecherin: „Der Ruf des Kreml“

In der Vergangenheit gab es jedoch immer wieder Fälle von vergifteten Kreml-Gegnern – darunter der bekannte russische Oppositionelle Alexej Nawalny, der 2020 nur knapp einen Mordanschlag mit einem Nervengift aus der Nowitschok-Gruppe überlebte. Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch äußerte sich nun auch direkt zu dem erkrankten Tschubais: „Das also ist der Ruf des Kreml: Niemand hat größere Zweifel daran, dass Tschubais vergiftet wurde“, schrieb sie auf dem Kurznachrichtendienst Twitter.

Einen Monat nach dem russischen Angriff auf die Ukraine hatte Tschubais im März seinen Posten als Sonderbeauftragter von Präsident Putin für Beziehungen zu internationalen Organisationen abgegeben und Russland verlassen. Medienberichten zufolge war er mit Putins Krieg nicht einverstanden.

Genesungswünsche aus Moskau

Tschubais gilt als Architekt der postkommunistischen Reformen in Russland. Er war Stabschef des früheren Präsidenten Boris Jelzin, von dem Putin Ende 1999 das Amt übernahm. Kritiker werfen Tschubais vor, die Anhäufung großer Vermögen durch einzelne Unternehmer geduldet zu haben, während Millionen Russen unter großer Armut litten. Er galt als einer der am meisten profilierten Liberalen im Umfeld der Regierung.

Der Kreml ließ am Montag Genesungswünsche verbreiten. „Das ist natürlich eine traurige Nachricht, wir wünschen ihm baldige Genesung“, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge in Moskau.