In der Früh des 5. Septembers kletterten acht Mitglieder der palästinensischen Terrorgruppe „Schwarzer September“, die bei den Vorbereitungen von deutschen Neonazis unterstützt worden waren, über den Zaun ins olympische Dorf. Begünstigt wurde das durch die Sicherheitsvorkehrungen, die bewusst locker gehandhabt worden waren, um der Welt ein friedliches Deutschland zu präsentieren. Konkrete Warnungen des Verfassungsschutzes vor einem Anschlag im Vorfeld wurden ignoriert, wie Jahrzehnte später publik wurde.
Die Palästinenser drangen in das Quartier der israelischen Mannschaft ein, erschossen Ringer-Trainer Mosche Muni Weinberg, Gewichtheber Josef Romano ließen sie verbluten. Neun Israelis hielten sie als Geiseln. Die Geiselnehmer verlangten zunächst die Freilassung von 232 Palästinensern und des japanischen Terroristen Kozo Okamoto aus israelischer sowie der RAF-Mitglieder Andreas Baader und Ulrike Meinhof aus deutscher Haft. Israels Regierung unter Ministerpräsidentin Golda Meir lehnte eine Freilassung ab.
Dilettantismus und Überforderung
Was in den Stunden danach folgte, war eine Sammlung von Unfähigkeit und Überforderung der Behörden und unerklärlichem Dilettantismus. In zermürbenden Verhandlungen stellten die Attentäter immer wieder neue Ultimaten, Versuche, zu den Geiseln vorzudringen, scheiterten. Der damalige deutsche Innenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) und Olympiafunktionäre boten sich als Ersatzgeiseln an – die Terroristen gingen nicht darauf ein.
Nach einem mehrstündigen Nervenkrieg ließen sich die Terroristen mit ihren Geiseln am Abend mit Hubschraubern zum Flughafen Fürstenfeldbruck bei München fliegen. Über Radio und Fernsehen hatten die Palästinenser zuvor mitbekommen, dass eine Befreiungsaktion im olympischen Dorf geplant war. Die Polizei hatte es verabsäumt, ihnen den Strom abzuschalten und die Presse auszusperren.
Schlachtfeld Fürstenfeldbruck
Eigentlich blieb der Polizei genügend Zeit, eine Falle vorzubereiten, doch die Umsetzung war stümperhaft. So standen nur fünf – von so vielen Terroristen war irrtümlich ausgegangen worden – Scharfschützen bereit, die zudem unzureichend ausgebildet und ungenügend bewaffnet waren. Im für die Terroristen zum Flug nach Ägypten vorbereiteten Flugzeug befanden sich zwar ebenfalls als Personal getarnte Polizisten. Doch es handelte sich um ungenügend bewaffnete Streifenpolizisten, die ihren Einsatz eigenmächtig beendeten und sich noch vor dem Eintreffen der Geiselnehmer aus dem Flugzeug absetzten.
Um kurz nach 22.30 Uhr gab Bayerns Innenminister Bruno Merk den Befehl „Feuer frei“. Es folgte eine dreistündige Schießerei. Während ein Vertreter der Olympischen Spiele und ein Sprecher der Regierung die falsche Nachricht verbreiteten, dass die Geiseln befreit seien, wurde noch immer geschossen. Am Ende waren alle verbliebenen israelischen Sportler, David Berger, Seev Friedman, Josef Gutfreund, Elieser Halfin, Mark Slavin, Andrei Spitzer, Amisur Schapira, Jakov Springer, Kehat Schor, und der bayrische Polizist Anton Fliegerbauer tot, zudem fünf Terroristen.

Brandt: „Dokument deutscher Unfähigkeit“
Zunächst dankte die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir der Bundesregierung für ihren Einsatz für die Sportler. Aber nach einem Bericht des Chefs des israelischen Auslandsgeheimdiensts Mossad, Zvi Samir, der in Fürstenfeldbruck als Augenzeuge den Einsatz beobachtet hatte, kippte die Stimmung. „Sie haben nicht einmal den minimalen Versuch unternommen, Menschenleben zu retten“, lautete sein Fazit. Die Deutschen hätten nur die Olympischen Spiele fortsetzen wollen – was nach einer Trauerfeier im Olympiastadion am zwölften Tag der Spiele auch geschah.
Kanzler Willy Brandt (SPD) fand nach dem Attentat deutliche Worte. Er sprach von einem „erschütternden Dokument deutscher Unfähigkeit“. Als Konsequenz entstand in Deutschland die Spezialeinheit GSG 9. Den Hinterbliebenen der Sportler wurde insgesamt eine Million Mark (511.300 Euro) gezahlt. Deklariert wurde das Geld als humanitäre Hilfe, um daraus kein Schuldeingeständnis zu machen.
„Zorn Gottes“ folgte
Schon im Oktober 1972 wurden die drei überlebenden Geiselnehmer freigelassen: Nach der Entführung der Lufthansa-Maschine „Kiel“ durch ein Terrorkommando kamen im Gegenzug für die Freilassung der Geiseln die Geiselnehmer von München frei. Der Mossad begann mit der Einsatzkampagne „Zorn Gottes“. In den nächsten 20 Jahren töteten Mossad-Kommandos einen der drei Attentäter, die München überlebt hatten, und mindestens zwölf Palästinenser, die sie verdächtigten, an der Planung des Anschlags beteiligt gewesen zu sein. Der Operation fielen aber auch Unbeteiligte zum Opfer.

Als zweites Versagen Deutschlands nach 1972 galt lange der Umgang von Behörden und Politik mit den Hinterbliebenen. „Alles ging schief in München. Jeder duckte sich weg. Keiner wollte Verantwortung tragen“, sagte Ankie Spitzer, Sprecherin der Opferfamilien, im Juni der ARD. „Bis heute, 50 Jahre später, hat keiner mal gesagt: ‚Es tut uns leid. Wir haben falsch entschieden. Wir waren inkompetent.‘“
Späte Entschädigung
Vor der für den 5. September in München geplanten Gedenkfeier eskalierte der Konflikt über die Höhe von Entschädigungszahlungen zwischen den Angehörigen der Sportler und der deutschen Seite erneut. Die Hinterbliebenen sagten zunächst ihre Teilnahme ab – ehe die deutsche Regierung am Mittwoch, symbolisch unter großem Druck, eine Einigung mit ihnen erreichte und damit wohl auch ihre Anwesenheit sicherte.
Das deutsche Innenministerium bestätigte am Freitag offiziell, dass eine Entschädigungsleistung für die Hinterbliebenen von 28 Millionen Euro vorgesehen ist. 22,5 Millionen Euro zahle der Bund, fünf Millionen das Land Bayern und 500.000 Euro die Stadt München. Die Zahlung erfolge im Rahmen eines Gesamtkonzepts, das auch eine gemeinsame israelisch-deutsche Aufarbeitung und Erinnerung vorsieht. Auch der israelische Präsident Isaac Herzog wird nun bei der Gedenkfeier in München erwartet.
Deutschlands Regierungssprecher Steffen Hebestreit sagte, die Gedenkfeier werde Anlass für eine klare politische Einordnung sein: „Deutschland bekräftigt seine Verantwortung für die Fehler, die 1972 vor Ort, aber auch in den Jahrzehnten danach begangen worden sind. Ferner erhalten die Familien eine angemessene Entschädigung als Anerkennung für ihr jahrzehntelanges Leid.“ Das Gedenken am Ort der schrecklichen Ereignisse und genau 50 Jahre danach werde für die Hinterbliebenen ein „schwerer Gang“. „Deutschland wird besonders an diesem Tag Seite an Seite mit den Hinterbliebenen stehen.“