Frau mit Plattenspieler und 70er Bettwäsche
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Die 1970er und ihre Folgen

Die Geburt der Work-Life-Balance

„Der Wohlstand, der über zwei Generationen aufgebaut wurde, ist nicht über eine Work-Life-Balance entstanden.“ So kommentierte KTM-Chef Stefan Pierer jüngst gegenüber Ö1 seine Überlegungen, Menschen wieder in Vollzeitjobs zu bekommen. Und tatsächlich: Dass heute neue Werte verhandelt werden, hat in Österreich sehr viel mit den 1970er Jahren zu tun. Und mit der Formulierung neuer Ansprüche. Heute sind gerade Ansprüche wie die Work-Life-Balance, die eine junge Generation als Standard ansieht, ökonomisch nicht mehr für alle gedeckt.

„Work-Life-Balance“, „Nachhaltigkeit“, „Ich-AG“. Viele Begriffe, die in der Gegenwart zirkulieren, haben eine lange, mittlerweile gut 50-jährige Geschichte. Und sie sind in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Diskussionen in der Gegenwart auch Reibebaum in Debatten um politische Ausrichtungen. Nicht nur eine Generation hat diese Konzepte mittlerweile verinnerlicht – was daran erinnert, dass die Ansprüche der Gegenwart, auch die Sorge um Umwelt und Nachhaltigkeit, eine sehr lange Geschichte erzählen.

Publikationen der jüngsten Zeit haben diese Geschichte aufgerollt, etwa das Werk des Schweizer Kulturwissenschaftlers Philipp Sarasin mit dem Titel „1977“. Die 1970er Jahre liest Sarasin als Zeitalter „einer großen Verunsicherung“, aber auch als Brückenzeitalter, in dem die Wertewelt der jetzigen Gegenwart eingestellt wurde. Für Österreich kommt ergänzend hinzu, dass die Jahre der Kreisky-Regierung einen fundamentalen politischen Wandel mit sich brachten – und das trotz erschwerter wirtschaftlicher Umstände ab der Mitte der 1970er Jahre.

70er Familie – ausgenommen in Finnland
Pekka Haraste / Lehtikuva / picturedesk.com
Start in eine neue Zeit: Nicht mehr sollte sich alles nur noch um Arbeit und Wohlstandsgewinne drehen

Was kam nach den „Goldenen Jahren“?

Möglich ist, dass in Österreich, so wie schon am Ende des 19. Jahrhunderts, bestimmte wirtschaftspolitische Entwicklungen in der westlichen Welt samt den gesellschaftlichen Folgen später aufschlugen. Vom „Goldenen Zeitalter“ spricht Eric Hobsbawm in Bezug auf die Phase des Wiederaufbaus von 1945 bis 1974, in der der Kapitalismus vor allem im Westen für gesellschaftlichen Aufschwung – und damit für den Verlust von „Überlebensängsten“ – gesorgt habe. Dort, wo die Ängste einer Gesellschaft schwinden – und auch die Entbehrungen der Jahre bzw. Jahrzehnte davor durch eine neue Generation „vergessen werden“ –, da entstehe eine neue Werteorientierung.

Diese These stützen große Sozialforscher, etwa der US-Politologe Ronald Inglehart, der die Thesen seines 1977er-Klassikers „The Silent Revolution“ bis zu seinem Tod in verschiedenen Publikationen wiederholte, unter anderem im Band „Cultural Evolution“ aus dem Jahr 2018. Inglehart blickte weiter in die Gegenwart hinauf als Hobsbawm, der seine Thesen in den 1990er Jahren mit Wissen um den Fall des Ostblocks entfaltet hatte – der das digitale Zeitalter aber in seinen vollen Dimensionen nicht mehr sehen konnte.

Charles Reich und die „kulturelle Revolution“

„Es ist eine Revolution auf dem Weg“, schrieb der Yale-Professor Charles Reich in seinem 1970er-Buch „The Greening of America“. Das heute vergriffene Werk war in den frühen 70er Jahren ein Bestseller mit mehr als einer Million verkauften Kopien: „Die neue Revolution wird nicht wie die der Vergangenheit sein. Sie wird beim Einzelnen und mit der Kultur beginnen und sie wird die gesamte politische Kultur als finalen Akt bestimmen.“ Aufbruch und drohender Kollaps der bisherigen Welt halten sich bei Reich noch die Waage. Viele andere Publikationen sprechen von Veränderungen aus dem Geist nahender Katastrophen.

„Five years, that’s all we’ve got“ singt David Bowie 1972, in dem Jahr, als der Club of Rome seine legendäre und wirksame Publikation „The Limits of Growth“ herausgibt. Wenn das Streben nach einer reinen Natur das neue Ziel sei, so wie es die Zeitschrift „Life“ schon 1970 postulierte, dann, so die Essayistin Susan Sontag, werde das „Streben nach einer reinen Rasse von einem Streben nach einer reinen Natur“ abgelöst – der „Ökofaschismus“, so ein neuer Begriff, stehe vor der Tür.

David Bowie als Ziggy Stardust
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„Five years, that’s all we’ve got“ – David Bowie als Ziggy Stardust

„Symptome einer intellektuellen Epidemie“

Dass die 70er nicht zuletzt auch einen Schub an pädagogischen Diskursen rund um die Neuausrichtung, ja Erziehbarkeit der Welt mit sich brachten, daran erinnerte jüngst der ehemalige „Frankfurter Allgemeine Zeitung“-Feuilleton-Chef Ulrich Raulff in seinem launigen Band „Wiedersehen mit den Siebzigern: Die wilden Jahre des Lesens“: „Natürlich musste eine Zeit, die an die Veränderbarkeit des Menschen glaubte, erzieherischen Lehren generell positiv gegenüberstehen. Aber der Zulauf, den die pädagogischen Fächer in jenen Jahren verzeichneten, trug Züge einer intellektuellen Epidemie.“

Man habe damals auch an die übergroße Bedeutung von Begriffen und Begrifflichkeiten für die Bewältigung des Lebens geglaubt, so Raulff, der an einen Satz des Philosophiehistorikers Manfred Frank erinnerte: „Ohne diesen Begriff nicht geklärt zu haben, kann man nicht weiterleben.“

Die „Stagflation“ hob die Welt nicht aus den Angeln

Eine radikale Zäsur im Bereich der Ökonomie in dieser Neuausrichtung der Welt brachte jedenfalls der Ölpreisschock 1974 – die Welt musste sich damals mit einem Begriff auseinandersetzen, der ihr in der Gegenwart wieder begegnet: Die „Stagflation“, also mangelndes Wirtschaftswachstum und steigende Preise, hat ganz andere Limits of Growth gebracht.

In Österreich wollte man unter der Kreisky-Alleinregierung mit einem eigenen Keynesianismus gegensteuern – ein Modell, das ab den 1990er Jahren und zuletzt unter konservativer Kanzlerschaft bis zum Ausbruch der Covid-19-Pandemie unter Kritik geraten war (um ganz schnell und noch heftiger wiederbelebt zu werden). In Österreich konnte also der Wertewandel auf der Grundlage einer sozial deutlich breiter prosperierenderen Gesellschaft noch eine Zeit lang über den Ölpreisschock hinaus fortgesetzt werden, während Historiker wie Hobsbawm 1974 als Jahr der Zäsur ansehen, wo die Veränderung der Nachkriegsgesellschaft, erlebt als Wiederherstellungsboom, in eine Phase der Unsicherheit gerate.

Gerade diese Interpretation relativierten aber Kollegen wie Tony Judt oder Ian Kershaw. Sie argumentieren, dass die europäische Nachkriegsgesellschaft gerade in den 1970er Jahren gelernt habe, Krisen anders zu bewältigen als in der Vergangenheit. „Unter Druck gesetzt bewiesen die Institutionen Westeuropas viel größere Widerstandskraft, als viele Beobachter gefürchtet hatten“, so Judt in dem Klassiker „Postwar“. Allerdings: „Zum Optimismus und den Illusionen der ersten Nachkriegsjahrzehnte führte kein Weg mehr zurück.“

Neue Werte, neue Dynamiken

Andere Werte und andere Orientierungen kamen ins Spiel. Nicht zuletzt dort, wo neue soziale Dynamiken entstanden waren. In Frankreich etwa verweisen Soziologen auf die späten 1970er und 1980er Jahre, also den Übergang von Giscard d’Estaing zu Francois Mitterrand an der Spitze des Staates, als eine Umbruchszeit. Eine „seconde revolution francaise“ ortet der Soziologe Henri Mendras – und zielt mit seiner Modernisierungsthese zur Veränderung Frankreichs auf Prozesse, die auch für andere Länder gelten: Die „Malocher-Gesellschaft“ (so ein bundesdeutsches Schlagwort) habe sich gerade in den 1970ern zur Dienstleistungs-, vielleicht sogar schon frühen Wissensgesellschaft (so Daniel Bell mit seinem Werk „The Coming of Post-Industrial Society“, 1973) gewandelt.

Vorarlberger Männer über Frauen aus Jugoslawien

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Mit dieser wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderung gehen aber auch neue Werteausrichtungen einher. Die Vertreter der Modernisierungstheorie argumentieren seit Karl Marx und Max Weber, dass der Aufstieg der Industriegesellschaften und damit die Weiterentwicklung des Wohlstandes einen Shift weg vom traditionellen Wertesystem bringe. Für den Politologen Inglehart hätten vor allem die jüngeren Generationen ab den 1970er Jahren keine „Überlebensängste“ mehr, weswegen sich ihr Wertesystem auch von materialistischen Orientierungen, also Werten, die eng an die Absicherung des eigenen Aufstiegs gekoppelt sind, weg bewegt habe.

Umweltthemen standen bereits 1972 hoch im Kurs

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Umweltthemen, Work-Life-Balance, das Eintreten für die gleichgeschlechtliche Ehe sind für Inglehart typisch für diesen Werteorientierungsprozess. In den 1970er Jahren entspreche das auch einer Emanzipation der Jüngeren weg von den Haltungen der Älteren. In der Zeit danach übernähmen, so Inglehart, auch die Jungen die Werte ihrer Vorgängergeneration. Der Generationenbruch wie Anfang der 1970er blieb in den Jahrzehnten danach im Westen jedenfalls aus.

Neue Werte, ökonomische Erosion

Was freilich unterhalb dieses Werteshifts passiert, sind ökonomische Veränderungen, die nicht oder noch nicht in den neu orientierten Gruppen durchschlagen. War in Österreich etwa ein neues Universitätenorganisationsgesetz Mitte der 1970er Jahre das große Thema, so hält sich der gesellschaftliche Anspruch nach Mitbestimmung, er wurde freilich etwa an den Unis in den 1990er Jahren aber schon zurückgedrängt, wie die Schriftstellerin und frühere Uniaktivistin Marlene Streeruwitz vor Monaten in einem ORF.at-Interview erinnerte.

Während, verkürzt gesagt, die Wertekultur seit dem Wertewandel der 1970er hin zu postmateriellen Einstellungen in vielen Gruppen und westeuropäischen Ländern weiter verbreitet ist, ist die ökonomische Basis gerade für die Mitte, wo diese Ansprüche in den 1970ern formuliert wurden, brüchiger geworden. „Das Versprechen der sozialen Marktwirtschaft seit der Gründung der Bundesrepublik, wer hart arbeite, steige auf, mit stetig mehr Geld und Doppelhaushälfte – es wurde brüchig“, schrieb der Journalist Alexander Hagelüken in der „Süddeutschen Zeitung“ zur ökonomischen Situation Deutschlands am Vorabend der Bundestagswahl 2021.

1972 ist Gruppendynamik in Alpbach angekommen

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Die Agendapolitik von Schröder konnte zwar im Effekt die Arbeitslosigkeit halbieren, und Merkel konnte zunächst eine auf Hinterlassenschaftsverwaltung abgestellte Wirtschaftspolitik fahren. Der Effekt freilich, dass mehr Menschen auf dem Arbeitsmarkt zu mehr Wachstum führen, blieb in Deutschland in den letzten Jahren aus. Die Steuerpolitik der letzten 30 Jahre, so meinte etwa der Duisburger Ökonom Achim Truger, habe die Ungleichheit verstärkt. Oder gezeigt, dass es zumindest für Deutschland keine „Trickle down“-Wirkung gab, also eine Belebung der Konjunktur durch Entlastung der oberen Einkommen bei Stagnation der Maßnahmen unten und in der Mitte.

70 Prozent der Deutschen zahlen nach gemeinsamer Politik von Union und SPD in der Gegenwart abzüglich Inflation mehr Steuern als Ende der 1990er Jahre. Entlastet wurden effektiv die oberen Einkommen. Die Umverteilungswirkung des progressiven Steuersystems läuft für Stefan Bach, einen Ökonomen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), mehr auf eine Glaubensformel hinaus – belegen lasse sie sich jedenfalls nicht mehr.

Das abgehängte Drittel

Der seit 2018 laufende „Demokratie-Monitor“ für Österreich (durchgeführt vom SORA-Institut auf einer breiten Befragungsbasis) zeigt ein Bild einer noch nie da gewesenen Systemunzufriedenheit: Derzeit (Stand Ende 2021) seien beinahe sechs von zehn Menschen (58 Prozent) davon überzeugt, „dass das politische System in Österreich weniger oder gar nicht gut funktioniert“. Ein Drittel fühlt sich vom politischen System abgehängt und von diesem nicht mehr repräsentiert.

Einstellung der drei sozialen Milieus in Österreich zum politischen System
SORA

Auch das Konzept neuer Identitäten kommt unter Druck

Neben der brüchiger gewordenen sozialökonomischen Basis kommen im Lauf der 1970er Jahre aber noch weitere Aspekte hinzu, die man auch als eine Aufsplitterung der Weltsichten sehen kann, wenn man etwa das Finale von Sarasins Zusammenschau im „1977“-Buch in den Blick nimmt. Ist in der Linken im Westen spätestens Ende der 1970er Jahre die Idee von der „Möglichkeit der Gestaltbarkeit der Geschichte“ brüchig geworden (mit dem Nebeneffekt, dass den Zusammenbruch des Kommunismus jene als Erfolg einer aktiven Dissidentenpolitik feierten, die in den 1970er Jahren eben noch eine frühe Unterstützung der Chartabewegung der CSSR heftig kritisiert hatten), so führe die Aufsplitterung der Post-1970er-Welt, so Sarasin, zum Verlust eines Anspruchs auf Allgemeinheit. Allgemeinheit war wenn eine dominante Haltung des Westens gegenüber Entwicklungsländern.

Buchcover Philipp Sarasin: 1977; Buchcover Ulrich Raulff: Wiedersehen mit den Siebzigern
Suhrkamp; Klett-Cotta
Zwei aktuelle Bücher zum Thema

Während sich in den westlichen Demokratien die Identitätspolitik in und für einzelne Gruppen durchsetzte, habe die Kritik an der Vorstellung, „dass Menschen eine irgendwie feste, ‚einheitliche‘ Identität bewahren könnten“, so Sarasin, in den 1990er zu den etablierten Denkwerkzeugen feministischer und postkolonialer Theoretikerinnen und Theoretiker gehört. Seit der Jahrtausendwende sei auch dieses schon im Ansatz „gewissermaßen dekonstruktive Verständnis von ‚Identität‘“ erneut unter Druck gekommen. Es habe einem Konzept Platz gemacht, „das keinerlei Ansatz bietet, das Allgemeine zu denken: Die buchstäblich verstandene ‚Identität‘“.

Der Einzelne hält sich für den Teil von vielen

Der Algorithmus von Social-Media-Plattformen bestätigt demgemäß das Verhalten einzelner oder bestimmter Gruppen, gemeinhin und unscharf auch „Bubbles“ genannt, die in ihrer Bestätigung letztlich die Vereinzelung zum Allgemeinheitsanspruch erleben. Das Allgemeingedachte erzählt die Geschichte des eigenen Nutzungsverlaufes, der mehr oder weniger zufällig an anderen Positionen ankommt, tatsächlich aber immer das Eigene bestätigt, das aber als allgemein verbindlich gedacht wird.

Aktuelle Bücher zum Thema:

  • Philipp Sarasin: 1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart. Suhrkamp, 550 Seiten, 32,00 Euro.
  • Ulrich Raulff: Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens. Klett Cotta, 170 Seiten, 18,50 Euro.

Umgelegt auf den Arbeitsmarkt und die darauf geäußerten Positionen bleibt eine gewisse Unvermittelbarkeit der Standpunkte. Während die einen in ihrer Anspruchswelt leben und diese in bestimmten Berufssegmenten (vor allem dort, wo die eigene Bildung und Ausbildung dem Markt entgegenkommt) auch als neue Jobperspektive durchsetzen können, wird ein immer größerer Teil der Bevölkerung abgehängt. Dazwischen steht eine Wirtschaft, deren Vertreter auf die Wohlstandsgeschichte des Landes verweisen, die es weiter zu verteidigen gelte – während sich die Wertewelt in unterschiedlichen Gruppen ganz anders ausdifferenziert hat. Wie zwischen diesen Welten zu vermitteln sei, ist in Zeiten fehlender verbindlicher Medien eine der zentralen Gestaltungsfragen von Politik.

Die Politik der Gegenwart muss mit dem Prozess der Moderne umzugehen lernen. Das hieße, diese zunächst als Rahmen zu akzeptieren, anstatt Vorschläge zu entwickeln, die die Komplexität der Aufgabe mit simplen Identitätsschablonen unterlaufen wollen. Beispielsweise im Fall des Brexit. Die Moderne, so der Soziologe Niklas Luhmann, kenne „keinen Abschlussgedanken, (…) auch keine Autorität, (…) sie kennt keine Positionen, von denen aus die Gesellschaft in der Gesellschaft für andere verbindlich (!) beschrieben werden könnte“. Für Luhmann gibt es in diesem Setting ohnedies keine Emanzipation „zur Vernunft, sondern Emanzipation von der Vernunft“. Und: „Diese Emanzipation ist nicht anzustreben, sondern bereits passiert.“

Hinweis: Die multimediale Version dieses Berichts ab 28. November in topos.ORF.at.