Kraftwerk
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Klimakrise

Die großen Verschmutzer unter der Lupe

Im Rahmen der UNO-Klimakonferenz in Scharm al-Scheich (COP27) haben mehrere NGOs gemeinsam ein Update ihrer Datenbank „Global Oil & Gas Exit List“ (GOGEL) zu den Expansionsplänen großer Öl- und Gaskonzerne veröffentlicht und die großen Verschmutzer unter die Lupe genommen. Zu diesen zähle auch die österreichische OMV.

Die Datenbank umfasst 901 Öl- und Gaskonzerne, die vor allem im Bereich der Gewinnung fossiler Energie tätig sind. Seit 2021 haben die kurzfristigen Expansionspläne der Branche laut dem Bericht um 20 Prozent zugenommen. So wollen derzeit 512 Öl- und Gasunternehmen bis 2030 rund 230 Milliarden Barrel Öläquivalent an unerschlossenen Ressourcen erschließen.

Das entspreche etwa einem CO2-Äquivalent von 115 Gigatonnen, schreibt die NGO Urgewald in einer Aussendung, was wiederum dem 30-fachen Treibhausgasbudget der EU pro Jahr entspreche. Die deutsche Umwelt- und Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Sassenberg wurde 1992 gegründet.

Großteil verpasst Netto-Null-Emissionsszenario

Im jüngsten Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA) „Netto-Null-Emissionen bis 2050“ wird ein Weg für den Energiesektor zur Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf 1,5 Grad Celsius beschrieben. In dem Szenario dürfe es keine Exploration neuer Erdöl- und Erdgasfelder geben, heißt es im Bericht. Die GOGEL-Datenbank zeige jedoch, dass die Industrie weiterhin neue Erdöl- und Erdgasfelder erkunde und erschließe, so Urgewald.

Die Datenbank analysiert Expansionspläne der Unternehmen und ermittelt den Anteil der Ressourcen, die das IEA-Szenario „überschreiten“. „Über 50 Prozent der kurzfristigen Expansionspläne von Öl- und Gasunternehmen entsprechen nicht dem von der IEA vorgeschlagenen Netto-Null-Emissionskurs“, sagt Fiona Hauke, leitende Öl- und Gasforscherin bei Urgewald.

OMV auf Platz 67

Unter den Top 100 der umweltschädlichsten Unternehmen befindet sich laut der GOGEL-Datenbank auch die OMV. Der österreichische Öl-, Gas- und Chemiekonzern belegt im Ranking Platz 67 von 901. Laut der Datenbank gebe die OMV im jährlichen Schnitt rund 241 Millionen US-Dollar für die Suche nach neuem Öl und Gas aus.

Die OMV müsse Verantwortung übernehmen, ihre Expansionspläne stoppen und sich zu einer Abkehr vom Öl- und Gasgeschäft bis 2040 verpflichten, so Jasmin Duregger, Klima- und Energieexpertin bei Greenpeace Österreich. „Fossile Energien haben uns in die Klima- und Energiekrise schlittern lassen. Jetzt weiter in sie zu investieren ist wie Öl ins Feuer zu kippen.“

Auf Nachfrage von ORF.at erklärt OMV-Pressesprecher Andreas Rinofner, dass es „in dieser Hinsicht keine Expansionspläne gibt“, und verweist auf die im März dieses Jahres präsentierte neue Strategie. Dieser zufolge sieht das Unternehmen eine schrittweise Reduktion der fossilen Energieproduktion und bis 2050 einen vollständigen Ausstieg vor: Bis 2030 solle die Ölproduktion um 30 und die Gasproduktion um 15 Prozent gesenkt werden, bis 2050 würden beide auf null reduziert werden.

Im Mai ging Konzernchef Alfred Stern angesichts des damals drohenden Öl- und Gasembargos der EU gegen Russland davon aus, dass die OMV nicht kurzfristig aus der Erdöl- und Gasförderung aussteige. „Wir investieren bis 2030 weiterhin massiv in Öl und Gas und entwickeln fünf neue Gasproduktionen, etwa in Norwegen oder im Schwarzen Meer, Stichwort Neptun“, sagte Stern in einem „Kurier“-Interview. Trotz dieser kurzfristigen Investitionen in Einzelprojekte werde die geplante fossile Gesamtproduktion bis 2030 sinken, sagte Rinofner am Donnerstag gegenüber ORF.at.

NGO: Mehr Emissionen durch Fossilindustrie als gemeldet

Laut der Non-Profit-Initiative Climate Trace werden bei der Förderung und Produktion von Öl und Gas dreimal mehr klimaschädliche Gase freigesetzt, als die Staaten bisher offiziell an die Vereinten Nationen berichten. Climate Trace bezieht sich auf Messungen, an denen Datenanalytiker, Forscher und Nichtregierungsorganisationen mitarbeiten, um Treibhausgasemissionen zu verfolgen.

Aerosole auf einem Satellitenbild
Reuters/NASA
Ein Porträt der globalen Aerosole vom November 2012 zeigt aufgewirbelten Staub (rot), aufgewirbeltes Meersalz (blau), Rauch von Bränden (grün) sowie Sulfatpartikel von Vulkanen und Emissionen fossiler Brennstoffe (weiß)

Beteiligt ist auch der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore, der die Daten am Mittwoch auf der Weltklimakonferenz in Ägypten vorstellte. Der Friedensnobelpreisträger sagte, besonders krass unterschätzt werde der Ausstoß des Klimagases Methan in den Anlagen für fossile Energien, etwa beim bewussten Abfackeln von Gas und durch Lecks in Gaspipelines. Laut dem Datenreport sind die Hälfte der weltweit größten Quellen klimaschädlicher Treibhausgase Produktionsstätten für Öl und Gas und zugehörige Anlagen.

Voest in Linz
IMAGO/Wolfgang Simlinger
Von den 25 in Österreich untersuchten Örtlichkeiten liegt das Stahlkraftwerk der voestalpine in Linz auf Platz eins

Laut den Daten von Climate Trace liegt China auf Platz eins der globalen Rangliste mit einem Anteil von 27,6 Prozent, gefolgt von den USA mit knapp zwölf Prozent. Österreich hat im Jahr 2021 rund 0,13 Prozent der weltweit erfassten Treibhausgase ausgestoßen – und liegt damit auf Platz 60 von 250. Insgesamt hat die Initiative 25 Örtlichkeiten in Österreich untersucht, neben der OMV etwa auch die voestalpine und den Flughafen Wien-Schwechat.

Satellitendaten für mehr Transparenz

Um die Produktionstätigkeit der einzelnen Anlagen genauer zu erfassen, wertet Climate Trace vor allem Satellitenbilder, aber auch anderen Daten aus und schätzt dann die Emissionen, wie die „New York Times“ („NYT“) am Mittwoch berichtete. Bei Stahlwerken beispielsweise nutzt die Gruppe Satellitenmessungen der Hitze von Hochöfen, um die Stahlproduktion abzuschätzen. Bei Kraftwerken verwendet Climate Trace Satellitenbilder des aus den Rauchfängen aufsteigenden Dampfes, um die Stromerzeugung vorherzusagen.

UNO-Generalsekretär Antonio Guterres begrüßte die Initiative. Er beklagte, dass viele wichtige Treibhausgasquellen bisher noch nicht in Echtzeit auf dem Radar seien. Daher sei die Initiative von Climate Trace wichtig, weil sie unabhängig Emissionsdaten erfasse.

Das schaffe „radikale Transparenz“, sagte er. „Sie machen Greenwashing schwieriger. Oder, um es klar zu sagen: das Betrügen.“ Wenn Unternehmen sich für PR-Zwecke als nachhaltig und umweltfreundlich positionieren, das aber nicht sind, spricht man von Greenwashing. Das reicht von leeren Versprechen bis zu gezielter Täuschung.