Screenshot zeigt Klimaaktivisten
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Berlin-Brandenburg

Klimaaktivisten legten Flugverkehr lahm

Beide Start- und Landebahnen auf dem Flughafen Berlin-Brandenburg sind nach einer Störung durch Klimaaktivisten wieder freigegeben worden. Das teilte ein Flughafensprecher der dpa am Donnerstagabend mit. Die Aktivisten der „Letzten Generation“ seien sowohl auf der Nord- als auch auf der Südseite auf das Gelände eingedrungen, hieß es. Landungen wurden umgeleitet, zahlreiche Flugzeuge konnten nicht pünktlich starten. Nach der Aktion nahm die Polizei mehrere Menschen in Gewahrsam.

Gegen die Klimaaktivisten werde Anzeige wegen gefährlichen Eingriffs in den Flugverkehr, Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung erstattet, teilte das Polizeipräsidium Brandenburg auf Anfrage mit. Nähere Details, etwa zur Zahl der beteiligten Personen, gab es zunächst nicht.

Durch die Blockade mussten fünf Starts gestrichen werden, weitere Streichungen sind dem Flughafen zufolge möglich (Stand 19.00 Uhr). 15 geplante Landungen seien etwa nach Leipzig und Dresden umgeleitet worden. Die Verspätungen im Flugbetrieb ziehen sich voraussichtlich über den Abend hin. Die Lage in den Terminals selbst war den Angaben zufolge ruhig.

Passagiere informieren sich am Flughaven Berlin über Abflüge
Reuters/Lisi Niesner
Wegen der Klebeaktion rechnete der Flughafen mit Verspätungen bis in die Abendstunden

Zuvor hatten sich Klimaaktivisten der Gruppe „Letzte Generation“ gegen 16.00 Uhr an zwei Stellen Zugang zum Flughafengelände verschafft und den Flugbetrieb lahmgelegt. Auf der Website des Berliner Flughafens (BER) wurden mit Stand 17.30 Uhr erste Flüge mit Verspätungen ausgewiesen. Auf der Internetseite Flightradar war zudem zu erkennen, dass einzelne Flieger unweit des BER kreisten beziehungsweise Flugzeuge mit früheren Abflugzeiten noch auf dem Boden waren. Zur Zahl der betroffenen Flüge konnte ein Flughafensprecher keine Auskunft geben.

Zunächst keine Einschränkungen

Zunächst hatte der Flughafen keine Einschränkungen für den Flugbetrieb gemeldet. Laut einem Sprecher des Flughafens hätten sich die Aktivisten auf einem Taxiway – also einer Zufahrtsstraße für Luftfahrzeuge – recht nah am alten Flughafen Schönefeld befunden, zitierte die „Berliner Morgenpost“.

Am späten Nachmittag mussten dann aber offenbar doch Start- und Landebahnen vorübergehend gesperrt werden. Das teilte der BER auf dem Kurznachrichtendienst Twitter mit. Die Lage an Ort und Stelle habe sich aber inzwischen geändert, so der Sprecher. Die deutsche Bundespolizei bestätigte, dass mehrere Personen auf dem Flughafengelände seien. Gegen 18.15 Uhr kam dann Entwarnung.

Aktion live auf Twitter gestreamt

Die Aktivisten streamten die Aktion live auf Twitter. Dort war zu sehen, wie sie kurz nach 16.00 Uhr einen Zaun durchschnitten und auf das Flughafengelände gingen. Anschließend hielten sie Banner in die Kamera und erklärten ihre Motive. Es war auch zu sehen, wie sich Aktivisten mutmaßlich am Boden festklebten.

Kurz vor dem Betreten des Flughafengeländes habe man die Polizei per Notruf über das Vorhaben informiert, erklärten die Klimaaktivisten. Etwa zehn Minuten nach Beginn der Aktion war im Livestream Blaulicht zu erkennen, wenig später waren auch Polizisten zu hören.

Klimaaktivisten legten Flugverkehr lahm

Der Berliner Flughafen musste den Flugbetrieb aufgrund einer Aktion von Klimaaktivisten für einige Stunden einstellen. Die Aktivisten der Gruppe „Letzte Generation“ streamten die Aktion live auf Twitter. Dort war zu sehen, wie sie kurz nach 16.00 Uhr einen Zaun durchschnitten und auf das Flughafengelände gingen. Anschließend hielten sie Banner in die Kamera und erklärten ihre Motive. Es war auch zu sehen, wie sich Aktivisten mutmaßlich am Boden festklebten.

Politik kritisiert Vorgehen: „Neue Eskalation“

Der deutsche Verkehrsminister Volker Wissing kritisierte das Vorgehen der Aktivisten scharf. Das Demonstrationsrecht sei zwar ein Grundrecht, doch die Aktionen würden „immer skrupelloser“, teilte der FDP-Politiker am Abend über eine Sprecherin mit. „Die Gesellschaft kann ein solches Verhalten nicht hinnehmen.“ Der Rechtsstaat müsse dagegen „entschieden vorgehen“.

Die deutsche Innenministerin Nancy Faeser sprach von einer „erneuten Eskalation“. „Diese Aktionen zerstören wichtige gesellschaftliche Akzeptanz für den Kampf gegen den Klimawandel“, sagte die SPD-Politikerin. Für den Flughafenverband ADV teilte eine Sprecherin mit, es fehle jedes Verständnis für die Protestaktionen. „Es ist nicht hinnehmbar, wenn die Sicherheit des Luftverkehrs gefährdet wird.“

Brandenburgs Innenminister Michael Stübgen sagte, dass die Aktion durch nichts zu rechtfertigen sei. „Ich bleibe dabei: Wer für seine Weltanschauung absichtlich andere in Gefahr bringt, ist kein Aktivist, sondern ein Krimineller“, so der CDU-Politiker. Auch CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt sprach von einer „neuen Eskalation“. „Mit dem Eindringen in den Sicherheitsbereich und der Besetzung des Rollfeldes bringen sie nicht nur sich, sondern auch Hunderte Passagiere in der Luft und am Boden massiv in Gefahr und verursachen nebenbei erhebliche wirtschaftliche Schäden. Das ist absolut inakzeptabel und bedarf einer harten Antwort des Rechtsstaates.“

In Elbphilharmonie an Dirigentenpult geklebt

Zuletzt hatten sich Aktivistinnen und Aktivisten der „Letzten Generation“ am Mittwochabend in der deutschen Elbphilharmonie in Hamburg kurz vor Beginn eines Konzerts an einem Dirigentenpult festgeklebt. In einem Video, das die Gruppe auf Twitter verbreitete, sieht man eine Frau und einen Mann, die jeweils mit Warnweste bekleidet an dem Pult auf der Bühne stehen und zum Publikum sprechen. Die Aktivisten forderten erneut zum Widerstand gegen die ihrer Meinung nach unentschlossene Klimapolitik der Regierung auf.

Durchsuchungen nach Attacke in Dresden

Rund drei Monate nach der Attacke von Klimaaktivisten in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden in Deutschland hat es zudem am Donnerstag Durchsuchungen in Leipzig gegeben. Ziel des Einsatzes, an dem sich mehr als 60 Beamte des deutschen Landeskriminalamts, von Polizei und Bereitschaftspolizei beteiligten, war das Auffinden von Beweismitteln, wie die Staatsanwaltschaft Dresden und das Landeskriminalamt Sachsen mitteilten.

Hintergrund sind Ermittlungen gegen eine 22-jährige Frau sowie zwei Männer im Alter von 22 und 29 Jahre wegen des Verdachts der gemeinschädlichen Sachbeschädigung. Die Beschuldigte und einer der Männer sollen am 23. August mit Sekundenkleber ihre Hände an den Rahmen des Gemäldes „Sixtinische Madonna“ geklebt haben. Der 22-Jährige soll den beiden dann ein Transparent mit der Aufschrift „Letzte Generation“ in die freien Hände gegeben haben, zudem habe er die Aktion gefilmt und in den sozialen Netzwerken verbreitet. Der durch die Aktion entstandene Schaden wird mit rund 4.000 Euro beziffert.

Klimaaktivistinnen kleben mit ihren Händen an den transparenten Abdeckplanen über Andy Warhols „Campbell’s Soup“ fest
Reuters/Stop Fossil Fuel Subsidies
Auf der ganzen Welt klebten sich Aktivistinnen und Aktivisten an Bildern fest – meistens wurden sie nicht beschädigt

Aktionen polarisieren europaweit

In den vergangenen Wochen sorgten Klimaaktivisten europaweit mit verschiedenen Aktionen für Aufsehen. Sie blockierten Straßen und attackierten Gemälde unter anderen von Vincent van Gogh, Claude Monet und Francisco Goya. In Mailand hatten vier Mitglieder der Gruppe „Letzte Generation“ zuletzt acht Kilogramm Mehl auf ein von Pop-Art-Künstler Andy Warhol gestaltetes Auto verstreut. Bei der Warhol-Ausstellung klebten sie danach ihre Hände neben dem Fahrzeug am Boden fest.

Mit den Aktionen soll ein stärkeres Engagement gegen die Erderhitzung erreicht werden. Ob und inwieweit das Vorgehen der Aktivistinnen und Aktivisten zu rechtfertigen ist, ist aktuell Gegenstand zahlreicher Debatten in Medien und Politik. „Wenn eine Radikalisierung der Bewegung beklagt wird, geht es meistens um die Mittel“, sagte dazu Robin Celikates, Professor für Sozialphilosophie an der Freien Universität Berlin. Die bisherigen Protestpraktiken seien im historischen und internationalen Vergleich „noch immer relativ moderat“.

Der Eindruck der Radikalisierung sei „vor allem darauf zurückzuführen, dass es vermehrt zu Blockaden im Straßenverkehr oder öffentlichkeitswirksamen Aktionen in Kunstmuseen kommt, die auf Störung und Provokation angelegt sind, um den Alltag zu unterbrechen, öffentliche Aufmerksamkeit zu generieren und politischen Druck aufzubauen“.