Menschen mit Einkaufstaschen
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Neuer AK-Bericht

Rückschritte bei Wohlstand

Als Folge der Teuerungskrise verzeichnet die Wohlstandsentwicklung in Österreich Rückschläge. Das hält die Arbeiterkammer (AK) in der sechsten Auflage des „Wohlstandsberichts“ zentral fest. Zwar wurden die schlimmsten Folgen der Krisen durch den gut ausgebauten Sozialstaat abgefedert, dennoch sei die Ungleichheit gestiegen. Auch wenn Österreich im europäischen Vergleich gut dastehe, sinken laut AK Arbeitsplatz- und Lebensqualität.

Bei der Lebensqualität, deren Entwicklung in den Berichten der Vorjahre stets positiv oder neutral beurteilt wurde, machten sich Wohnkosten und Preisanstiege in diversen Bereichen negativ bemerkbar, so AK-Chefökonom Markus Marterbauer. Generell stellt der Bericht erstmals bei allen fünf Wohlstandszielen Rückschritte fest, wie es bei der Präsentation am Mittwoch hieß. „Die Teuerungskrise verschärft die soziale Ungleichheit“, so Marterbauer.

Die Arbeiterkammer misst das Wohlergehen der Menschen nicht am Bruttoinlandsprodukt (BIP), sondern anhand von Faktoren wie Lebensqualität, Verteilungsgerechtigkeit und intakter Umwelt. Nur acht der insgesamt 30 Indikatoren bewertet die AK im neuen Bericht positiv, im Vorjahr waren es überhaupt nur fünf. Als Entscheidungsgrundlage verwendet die AK vor allem Daten der Statistik Austria.

Qualität der Arbeitsplätze rückläufig

Im Fokus des Berichts steht etwa die Verteilung von materiellem Wohlstand – hierbei machen sich „Krisen weiterhin deutlich bemerkbar“, wie es heißt. Ausschlaggebend dafür seien die schlechte Entwicklung der real verfügbaren Haushaltseinkommen, die Verteilung der Einkommen insgesamt, aber auch zwischen den Geschlechtern und die weiterhin hohe Vermögenskonzentration. Nur in Sachen „Forschung und Innovation“ erziele Österreich stetig Fortschritte.

Im Bericht ebenso bewertet wird der Bereich „Vollbeschäftigung und gute Arbeit“. Einzig die Mitbestimmung in der Arbeitswelt wurde hier positiv bewertet. Eine deutliche „Schieflage“ weise hingegen „die Verteilung der unbezahlten Haus- und Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern auf“, so AK-Sozialpolitikleiterin Sybille Pirklbauer. Einen deutlichen Einbruch ortet der Bericht auch bei der Qualität der Arbeitsplätze („Sinkflug des Arbeitsklimaindex“).

Wohnen, Armut „größte Herausforderungen“

Auch wirft der Bericht einen Blick auf die Lebensqualität, und hier stellen die Autoren einen leichten Rückgang fest. Zwar sei die „Lebenszufriedenheit und empfundene physische Sicherheit (…) weiterhin hoch, aber vor allem im Bereich leistbares Wohnen und der Vermeidung von Armut und sozialer Ausgrenzung sehen wir die größten Herausforderungen für die Politik“, so Pirklbauer. Viele Menschen könnten ihre Lebenshaltungskosten nicht mehr stemmen.

Die Teuerung wirkt sich laut AK-Bericht ebenso auf das übergeordnete Ziel einer intakten Umwelt aus. Die hohe Inflation verschärfe die Klimakrise, da sie die Aufmerksamkeit der Wirtschaftspolitik von der Erreichung der Klimaziele auf die Bewältigung der Teuerung lenkt. „Bei der Reduktion der Emissionen und beim Energieverbrauch bleiben die politischen Maßnahmen hinter den Klimazielen zurück“, so Lukas Oberndorfer, Leiter der Umwelt- und Verkehrspolitik bei der AK. Negativ hervorgehoben wird auch die gestiegene Bodenversiegelung, etwas verbessert habe sich der Anteil des öffentlichen Verkehrs.

Entwicklungszusammenarbeit „völlig vernachlässigt“

Auch die ökonomische Stabilität habe im Vergleich zum Vorjahr abgebaut, halten die Autoren und Autorinnen im Bericht fest. Weiter heißt es, dass die Zinsanhebungen die Investitionstätigkeit dämpfen und sich das negativ auf die Finanzmarktstabilität auswirke. Das angestrebte Ziel bei der Preisstabilität werde auch noch im nächsten Jahr verfehlt. Kritik wird an der Entwicklungszusammenarbeit geübt – diese werde „völlig vernachlässigt“.

AK mit Forderungen an die Politik

Die Arbeiterkammer verbindet den „Wohlstandsbericht“ auch mit Forderungen an die Politik. Als kurzfristige Maßnahme brauche es ein „sozial-ökologisches Investitionspaket“ mit Fokus auf öffentliche Investitionen in den Klimaschutz, den Ausbau der Kinderbetreuung und der Pflege sowie eine umfassende Qualifizierungsoffensive. Die Arbeitsmarktentwicklung müsse man für bessere Arbeitsbedingungen und ein „Zurückdrängen schlechter Löhne“ nutzen, so AK-Expertin Pirklbauer.

Die Arbeiterkammer erneuerte zudem ihre Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung bei vollen Bezügen. Eine Reduktion auf 30 bis 35 Wochenstunden sei nötig, um gesund bis zur Pension arbeiten zu können. „Eine neue, gesunde Vollzeit fördert ein langes, erfülltes Erwerbsleben und wirkt sich zudem positiv auf andere Bereiche eines guten Lebens, etwa Gesundheit und Verteilung der unbezahlten Arbeit, aus“, so Pirklbauer.

Höhere Löhne in Gesundheits- und Bildungsbereich

Zudem müssten Berufe, die für Wohlstand und Wohlergehen zentral sind – etwa im Gesundheits-, Pflege- und Bildungsbereich –, aufgewertet und besser entlohnt werden. Gruppen, die es auf dem Arbeitsmarkt bisher besonders schwer gehabt haben, könnten mit Qualifizierungsangeboten und gezielter Vermittlung den (Wieder-)Einstieg nun leichter schaffen, so die AK. Frauen, Ältere und Beschäftigte in Niedriglohnbranchen gelte es besonders zu unterstützen.