Ein maskierter Hamas-Anhänger mit Flagge protestiert in Hebron (Westjordanland) gegen einen israelischen Raketenangriff im Libanon
APA/AFP/Hazem Bader
Hamas-Anführer getötet

Hisbollah kündigt Vergeltung an

Die Tötung eines Anführers der islamistischen Terrororganisation Hamas im Libanon hat zu einer weiteren gefährlichen Eskalation des Konflikts mit Israel geführt und die Verhandlungen über die Freilassung der Geiseln im Gazastreifen torpediert. Während Israels Militär keine Verantwortung für die Tötung Saleh al-Aruris übernahm, kündigte die Hisbollah-Miliz im Libanon am Dienstagabend Vergeltung an. Eine Reaktion der Miliz wird am Mittwochabend erwartet.

„Dieses Verbrechen wird niemals ohne Antwort oder Strafe vorübergehen“, hieß es von der Hisbollah. Hamas-Chef Ismail Hanija sagte, der Mord an Aruri sei ein terroristischer Akt und eine Verletzung der Souveränität des Libanon. Die iranische Regierung, die Hamas und Hisbollah unterstützt, teilte mit, der Tod Aruris werde nicht nur den Kampf im Gazastreifen gegen „zionistische Besatzer“, sondern auch in der Region neu entfachen.

Der libanesische Ministerpräsident Nadschib Mikati sprach von einem israelischen Verbrechen und vom Versuch, den Libanon in den Krieg hineinzuziehen. Die Regierung im Libanon steht einem Medienbericht zufolge mit der Hisbollah im Kontakt, um sie von einer möglichen Gegenreaktion abzuhalten. Der geschäftsführende Außenminister Abdallah Abu Habib sagte dem britischen Radiosender BBC4 am Dienstagabend, dass seine Regierung mit der Hisbollah spreche, um „sie davon zu überzeugen, dass sie nicht selbst reagieren sollte“.

UNO fordert beide Seiten zu Zurückhaltung auf

Die UNO-Truppe im Libanon, UNIFIL, forderte von Israel und der Hisbollah Zurückhaltung, um eine weitere Eskalation zu verhindern. Beide Seiten müssten die Waffen an der „Blauen Linie“ im Grenzgebiet schweigen lassen, mahnte UNIFIL-Sprecherin Kandice Ardiel. Eine Eskalation hätte verheerende Folgen für die Menschen auf beiden Seiten der Grenze.

Ein nach einem israelischen Raketenangriff beschädigtes Haus in Beirut (Libanon)
AP/Bilal Hussein
Aruri könnte schon länger Zielperson gewesen sein

Fortschritte, um einen „Geiseldeal“ zu erreichen, seien nun nicht mehr möglich, meldete indes die israelische Zeitung „Haaretz“ unter Berufung auf arabische Diplomatenkreise. Die Gespräche konzentrierten sich jetzt darauf, eine Eskalation zwischen Israel und dem Libanon zu verhindern, schrieb die israelische Zeitung am Dienstagabend. Das „Attentat“ habe die Situation verändert.

Israel will keine Verantwortung übernehmen

Aruri, Vizeleiter des Politbüros der Hamas, war bei einer Explosion in der libanesischen Hauptstadt Beirut ums Leben gekommen. Insgesamt starben dabei laut der mit der Hisbollah verbündeten Hamas sieben Menschen, darunter auch zwei Anführer des bewaffneten Arms der Hamas. Die Terrororganisation gab umgehend Israel die Schuld.

Aruri, den Israel als Drahtzieher von Anschlägen im Westjordanland sah, galt schon länger als mögliches Anschlagsziel. Er soll für die Aktivitäten des militärischen Hamas-Arms im Westjordanland zuständig gewesen sein. Israel übernahm aber keine Verantwortung für Aruris Tötung, wie der Sicherheitsberater der israelischen Regierung, Mark Regev, sagte.

„Wer auch immer das getan hat, es muss klar sein, dass dies keine Attacke auf den libanesischen Staat war. Es war nicht einmal eine Attacke auf die Hisbollah“, sagte Regev dem US-Fernsehsender MSNBC im offensichtlichen Bemühen um eine Entschärfung der explosiven Lage. Der mutmaßliche Angriff habe allein der Hamas gegolten.

Appell von Macron

Der französische Präsident Emmanuel Macron forderte die israelische Regierung auf, „jedes eskalierende Verhalten, insbesondere im Libanon, zu vermeiden“. Das teilte der Elysee-Palast in Paris am Dienstagabend nach einem Telefonat Macrons mit Benni Ganz, Minister in Israels Kriegskabinett, Medienberichten zufolge mit. Frankreich werde diese Botschaften der Zurückhaltung weiterhin an alle direkt oder indirekt beteiligten Akteure in dem Gebiet weitergeben, hieß es.

Libanon: Hochrangiges Hamas-Mitglied getötet

Im Libanon ist am Dienstag ein hochrangiges Mitglied der Hamas bei einem Drohnenangriff getötet worden. Die Hisbollah-Miliz im Libanon, die mit der Hamas verbündet ist, kündigte Vergeltungsschläge an. Israel bekannte sich offiziell nicht zu dem Angriff.

Unterdessen gingen die Kämpfe im Gazastreifen in unverminderter Härte weiter. Der israelische Verteidigungsminister Joav Galant sagte, die Einsätze in und um Chan Junis im südlichen Gazastreifen konzentrierten sich auf Bereiche über Tunnelsystemen, in denen sich vermutlich Hamas-Führer verstecken. „Es gibt bereits Gefechte, und leider gibt es dort auch (israelische) Geiseln“, sagte er vor Soldaten. „Wir werden unsere Bemühungen mit ganzer Kraft im Herzen von Chan Junis fortsetzen.“

Bericht: Hisbollah hat ausgefeiltere Tunnel als Hamas

Auch die Hisbollah im Libanon soll einem Medienbericht zufolge über ein Tunnelsystem verfügen – ausgefeilter als jenes der Hamas im Gazastreifen. Die unterirdischen Wege verliefen im Süden des Landes über Hunderte Kilometer bis zur Grenze nach Israel, berichtete die Times of Israel am Dienstag unter Berufung auf den Geheimdienstexperten Tal Beeri.

Der Leiter des mit Sicherheitsfragen an Israels Nordgrenze befassten Alma-Forschungs- und -Bildungszentrums forscht nach eigenen Angaben schon seit Jahren auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen zu dem Tunnelnetz der vom Iran unterstützten Schiitenmiliz im Libanon.

Konfrontationen mit Libanon seit Beginn des Gaza-Kriegs

Seit Beginn des Gaza-Krieges nach dem Hamas-Massaker in Israel am 7. Oktober kommt es immer wieder zu Konfrontationen zwischen Israels Armee und der Hisbollah in der israelisch-libanesischen Grenzregion. Dabei gab es auf beiden Seiten Tote. Am Mittwochabend plant Hassan Nasrallah, Chef der Hisbollah, eine Rede.

Ihre Kämpfer seien „in höchster Stufe der Bereitschaft“, teilte die Hisbollah schon am Dienstag mit. Noch am Abend unternahm die Miliz nach eigenen Angaben einen ersten Angriff auf eine Gruppe israelischer Soldaten nahe der Grenze. Dabei habe es Tote und Verletzte gegeben. Israelischen Medienberichten zufolge rechnet die Armee nun auch mit Beschuss von Raketen größerer Reichweite. Die Hisbollah gilt als deutlich schlagkräftiger als die Hamas.