Pappfiguren bei einer Demonstration gegen Gewalt an Frauen in Mexiko-Stadt
Reuters/Quetzalli Nicte-Ha
Gewalt in Mexiko

Frauen kämpfen für ihre Sicherheit

Vergewaltigung, Entführung, Mord: Für Millionen von Mädchen und Frauen in Mexiko gehört Gewalt zum Alltag. Die meisten Delikte werden nie aufgeklärt – und Täter bleiben straffrei. Frauenrechtsaktivistinnen mobilisieren im ganzen Land, um auf die Situation aufmerksam zu machen. Im ORF-Interview berichten Betroffene von ihrem Kampf für Sicherheit und Gerechtigkeit – und erheben Anschuldigungen gegen die Behörden.

Im Schnitt werden täglich zehn bis elf Frauen in Mexiko ermordet, 3.800 waren es im gesamten Jahr 2022 laut der aktuellsten verfügbaren offiziellen Statistik der mexikanischen Behörde INEGI (Instituto Nacional de Estadistica y Geografia). Insgesamt kamen auf 126 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner rund 32.000 Tötungsdelikte.

Die Daten zeigen auch eine Zunahme von Sexualverbrechen gegen Mädchen, von Berichten über häusliche Gewalt, von Menschenhandelsverbrechen gegen sehr junge Mädchen. Wie die spanische Zeitung „El Pais“ berichtete, wurden 2022 allein 59.141 Straftaten gemeldet, bei denen das Opfer zwischen null und 17 Jahre alt war.

Aufgeklärt werden nur die wenigsten Fälle: Bei neun von zehn Morden an Frauen werden die Täter nicht verurteilt, berichtete Amnesty International. Als Grund nennt die Menschenrechtsorganisation verschleppte Ermittlungen und strukturelle Lücken in der Strafverfolgung.

Entführung von Überwachungskamera dokumentiert

Im ORF-Interview erzählte die Tante eines entführten und ermordeten Mädchens von ihren traumatischen Erfahrungen. Die siebenjährige Fatima verschwand im Februar 2020, eine Überwachungskamera zeichnete damals auf, wie sie von einer Frau entführt wurde. Vier Tage später wurde die Leiche des Mädchens gefunden – entsetzlich zugerichtet, beschreibt Sonia Lopez.

Tatort Mexiko

In Mexiko werden jeden Tag 81 Menschen getötet – im vergangenen Jahr wurden somit fast 30.000 Menschen ermordet. Viele der Hinterbliebenen kämpfen oft jahrelang um Gerechtigkeit. Vor allem für Frauen und Mädchen fehlt es an Schutz und Sicherheit.

„Die Behörden haben nicht ausreichend nach ihr gesucht, als sie vermisst wurde. Sie haben nicht versucht, die Wahrheit herauszufinden.“ Nach dem Mord wurden zwei Verdächtige festgenommen – bis heute wartet die Familie Fatimas aber auf Gerechtigkeit, Prozess und Urteil stehen noch aus.

Spurlos verschwunden

Ähnlich wie Fatimas Familie geht es vielen Mexikanerinnen und Mexikanern. Wie die „New York Times“ berichtete, werden laut Regierung mehr als 94.000 Menschen in Mexiko vermisst, die Vereinten Nationen (UNO) gehen davon aus, dass die Dunkelziffer weit höher ist. Die von Lopez geschilderten Erfahrungen über verschleppte Ermittlungen decken sich mit denen von Zehntausenden Angehörigen: Sie sind auf sich allein gestellt und versuchen verzweifelt, Hinweise zu finden und Spuren zu verfolgen – bei der geringen Hoffnung, die Vermissten lebend wieder zu finden.

Plakat von einem Mädchen namens Fatima
ORF
Entführt, misshandelt und getötet: Im Mordfall der siebenjährigen Fatima ist bis heute kein Urteil gefallen

NGOs und Frauenrechtsaktivistinnen sehen den Anstieg der Femizide und der Gewalt gegen Frauen und Kinder in direktem Zusammenhang mit der organisierten Kriminalität und dem Versagen der Politik im Kampf gegen diese. Deutlich wird das etwa in Ecatepec. Der Vorort der Millionenmetropole Mexiko-Stadt gilt als Hotspot der Gewalt. Gegenüber dem ORF berichten Frauen dort von zunehmender Aggression und Unsicherheit, von Überfällen und alltäglichen Übergriffen.

Denkmal in Mexiko-Stadt
ORF
Die Statue des Mädchens mit der erhobenen Faust in Mexiko-Stadt soll den Protest der Frauen sichtbar machen

Die mexikanische Journalistin Brenda Martinez gehört zu jenen Frauen Mexikos, die versuchen, das Thema ins Bewusstsein zu rücken. „Bei Femiziden geht es in der Regel um einen Hass auf Frauen in der Art und Weise, wie sie getötet werden – es geht dabei um extreme Gewalt, ihre Körper werden bloßgestellt, es geht darum, die Frauen zu demütigen.“

Proteste in Mexiko-Stadt

Seit 2019 gibt es landesweit Großdemonstrationen. „La Glorieta de las Mujeres que Luchan“ – die Statue eines Mädchens mit erhobener Faust in der Mitte eines Kreisverkehrs im Zentrum von Mexiko-Stadt, zeugt von der zunehmenden Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft. 2021 installierten Aktivistinnen in einer Guerillaaktion eine Erstversion des Mahnmals aus Holz, ein Jahr später wurde es durch eine permanente Statue ersetzt.

Proteste von Frauen in Mexiko von 8.1.2019 bis 18.1.2024 laut Konfliktbeobachtungsstelle ACLED. Zum Abspielen der Animation blauen Abspielknopf drücken oder blauen Kreis über die Zeitleiste bewegen.

Nun steht das kämpfende Mädchen im Zentrum von Protesten: Zum Internationalen Frauentag im März, zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen im November – rund um die Statue formieren sich immer wieder Demonstrationen für mehr Sicherheit und Schutz. „Me cuidan mis hermanas, no la policia“ („Meine Schwester passt auf mich auf, nicht die Polizei“) lautet ein oft gehörter Slogan bei den Protesten.

Blick auf Mexiko-Stadt
ORF/Alexandra Maritza Wachter
Auch in Mexiko-Stadt ist Gewalt gegen Frauen ein alltägliches Thema

NGOs werfen Polizei Gewalt gegen Protestierende vor

Die Vorwürfe gegen die Polizei gehen über den des Wegsehens hinaus. Wie Amnesty International in einem Bericht festhielt, reagieren die Behörden mit überschießender Repression. NGOs dokumentierten zahllose Übergriffe staatlicher Sicherheitskräfte gegen friedlich Protestierende bis hin zu willkürlichen Festnahmen, sexualisierter Gewalt, Folter und dem unrechtmäßigen Einsatz von Schusswaffen.

Angehörige von Gewaltopfern, feministische Gruppen und Menschenrechtsorganisationen fordern Veränderungen im Land – von Politik und Gesellschaft: Man müsse das Problem benennen, nur so sei eine Veränderung möglich, so die Tante der getöteten siebenjährigen Fatima.