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Frühlingsrollen aus Raupenkokons

Insekten, Seidenraupen und gar Termiten stehen hierzulande nicht auf der Speisekarte. Eine Forschergruppe aus Japan hat Astronautenessen für lange Weltraumflüge entwickelt. Dazu gehören Frühlingsrollen auf Basis von pulverisierten Seidenraupenkokons.

Ein „Hamburger“ aus Sojabohnen und Insektenpulver ist für viele ebenso wenig vorstellbar wie Nudeln aus Reispulver und gemahlenen Seidenraupenkokons. Für Naomi Katayama aus Japan ist das schon heute Realität. An der Nagoya Women’s University entwickelte sie mit anderen Wissenschaftlern Rezepte für nahrhafte Lebensmittel im All.

Es seien Überlebenspakete für Raumfahrer auf langen Missionen und bei Notfällen. „Man kann alles essen, auch Grashüpfer sind geschmackvoll“, sagt die zierliche Japanerin, die die Studie Ende Juli auf dem Weltraumforscherkongresses COSPAR in Bremen vorstellte.

Sie zeigt Blätter, die wie Papier aussehen: „Probieren Sie einmal“, sagt Katayama und lacht. Es schmeckt wie Esspapier, völlig neutral. Das leicht grünliche Stück ist aus pulverisierten Seidenraupenkokons und grünem Gemüsepulver, beim helleren wurde als Bindemittel Reispulver genommen. Verwendet werden nach ihren Angaben auch die abgestorbenen Körper der Seidenraupe. „Mit den Blättern kann man Frühlingsrollen und Lasagne machen und auch Nudeln draus schneiden“, sagt die Wissenschaftlerin. Seidenraupen und auch die Kokons seien sehr proteinhaltig und nahrhaft.

„Man kann alles zu Pulver machen“

In der Raumfahrt sieht Katayama die unproblematische Lagerung des neuen Astronautenessens als Vorteil. Es gebe nur einen limitierten Platz, und gerade auf langen Flügen müsse die Ernährung sichergestellt werden. Die Studie habe das Ziel gehabt, ein ausgewogenes Essen für ein gesundes Leben im All zu finden. „Lebensmittel erfüllen nicht nur eine physische Anforderung zum Erhalt des Lebens.“ Sie seien auch für die Psyche wichtig. „Man braucht Erfrischung und Freude während einer langen Reise zu außerirdischen Planeten.“

Neben Seidenraupenkokons seien auch Schmerle - ein Süßwasserfisch -, Termiten, Schnecken, Maniok und Quinoa zu verwenden, sagt Katayama. Als Grundstoff dienten unpolierter Reis, Gerste, Sojabohnen, süße Kartoffeln und grünes Gemüse. Die Herstellung des Pulvers sei nicht schwierig. „Man kann alles zu Pulver machen, Vitamine und Mineralien hinzutun und daraus die Blätter machen“, sagt die Ernährungs- und Umweltwissenschaftlerin. „An einem dunklen und kühlen Platz bleiben die Vitamine erhalten.“ Auch Kekse und Kuchen könnten daraus gebacken werden.

Essen aus getragener Seidenkleidung

Selbst feuchtigkeitsspendende Hautpflegemittel lassen sich aus den Kokons herstellen. Und Katayama geht noch einen Schritt weiter: Auch getragene Kleidung aus Seide könne recycelt werden und zu Lebensmitteln gemacht werden. In einer Zukunftsvision sieht Katayama die Astronauten Seidenraupen mit an Bord nehmen und eines Tages auf den Mond oder Mars bringen. „Vielleicht könnte unser Weltraumkonzept eines Tages ein Vorschlag sein, um das Lebensmittelproblem auf der Erde zu lösen. “

Vera Jansen, dpa