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Vom Stress überwältigt?

Der Steirer Christian Stangl hat nun eingestanden, dass er den Gipfel des K2 - anders als behauptet - doch nicht bestiegen hat. Das angebliche Gipfelfoto, das ihn mit Haube und Skibrille vermummt zeigt, ist demnach eine Fälschung.

Das Foto ist laut ZiB rund 1.000 Meter unterhalb aufgenommen worden. Stangl bestreitet jede Betrugsabsicht und rechtfertigt sich damit, dass er sich den Gipfelsieg „nur eingebildet“ habe. Das sei durch den Stress und die Angst zu versagen ausgelöst worden, so der „Skyrunner“. Stangl wörtlich: „Beim letzten Versuch (der Gipfelbesteigung, Anm.) erreichte ich einen tranceartigen Bewusstseinszustand, an dem ich der Überzeugung war, auf dem höchsten Punkt zu stehen.“

Zweifel von Alpinisten

Stangls Eingeständnis kam offenbar nicht ganz freiwillig zustande: Die Wiener Stadtzeitung „Falter“ konfrontierte den Bergsteiger laut eigenen Angaben mit in Alpinistenkreisen schon länger geäußerten Zweifeln über dessen „Gipfelsieg“. Der kasachische Spitzenbergsteiger Maksut Zhumayev betonte demnach, dass Stangl zu dem von ihm angegebenen Zeitpunkt unmöglich auf dem Gipfel habe sein können. Entsprechende Spuren im Eis hätten gefehlt und die Eispickel seien nicht benutzt worden. Aus einem Vergleich mit eigenen Bildern sei Zhumayev zu dem Schluss gekommen, dass das angebliche Gipfelbild Stangls in einer Höhe von rund 7.400 Meter aufgenommen wurde, so der „Falter“ vorab in einer Aussendung.

Skyrunner Christian Stangl

APA/Christian Stangl

Mit diesem Bild „bewies“ Stangl den Gipfelsturm

Bergsteigen.at berichtet von weiteren Verdachtsmomenten, die die Zweifel schürten: So habe Stangl bei seiner Rückkehr in das Basislager dem dortigen Koch nicht gleich das Gipfelfoto gezeigt und sei „verdächtig rasch“ aus dem Lager abgereist, vermutlich, um so „kritischen Fragen zu entgehen“. Stangls Ruf als Extrembergsteiger ist damit schwer in Mitleidenschaft gezogen. Laut ZiB überlegt sein Hauptsponsor einen Rückzug - mehr dazu in tvthek.ORF.at.

Stangl selbst betonte, die Sponsoren würden zu ihm stehen. Der Sprecher des Extrembergsteigers, Willi Pichler, warb um Verständnis für Stangl. Diesem sei erst „in der Heimat“ bewusst geworden, dass er „nicht dort gewesen (ist), wo er hätte sein sollen.“

Zeitgleich mit Kaltenbrunner auf K2

Am 13. August - eine Woche nach dem Abbruch durch die Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner in Folge des tödlichen Unfalls ihres schwedischen Bergkameraden - hatte der 44-jährige Steirer verkündet, er habe als erster Alpinist in diesem Jahr den K2 bezwungen. Stangl möchte als erster Mensch alle „14 seven summits“ besteigen. Gemeint sind damit die sieben höchsten Gipfel aller Kontinente inklusive Antarktis und Ozeanien plus der zweithöchsten.

Dazu fehlen ihm nur noch der Mount Tyree in der Antarktis - und der K2. Als „Skyrunner“ ist Stangl in der Regel allein unterwegs, ohne künstlichen Sauerstoff und mit leichter Bekleidung. „Seit 50 Jahren hat sich kaum etwas verändert. Die letzte Innovation waren die Achttausender ohne Sauerstoffflaschen. Ich habe den Beweis geliefert, dass man alle Berge als Tagestour machen kann. Und ohne viel Equipment und Technik, ehrliches Bergsteigen ohne Firlefanz“, so Stangl über sich selbst.

Schon 2008 gescheitert

Mit dem K2 hatte Stangl schon öfter Probleme. Im August 2008 entging er nur knapp einem Drama mit mehreren Toten. Er stieg bis 8.100 Meter auf, ehe eine Eislawine im Bottleneck die Saison beendete und elf Bergsteiger mit in den Tod riss. 2009 versuchte Stangl erneut sein Glück und erreichte 8.300 Meter. Gewaltige Schneemengen vereitelten jedes weitere Vorwärtskommen.

Im Juli 2010 hatte er einen entsprechenden Versuch wegen einer Erkrankung abbrechen müssen, Anfang August scheiterte der Gipfelsturm erneut. Zur selben Zeit musste auch Gerlinde Kaltenbrunner nach einem Unfall, bei dem ihr schwedischer Bergkamerad ums Leben kam, umkehren. Mitte August vermeldete der Extremsportler dann: „Geschafft!“ - zu Unrecht, wie nun klar ist.

Skyrunner Christian Stangl

APA/Herbert Neubauer

Stangl gesteht in einer Pressekonferenz die Fälschung.

Extremsportler und Schnellgeher

Der Extremsportler, geboren 1966 in Landl, hat 1998 seine ersten hohen Berge erklommen und 2001 erstmals hohe Wände allein an den Achttausendern und im Alpinstil durchstiegen, wie es in seinem Lebenslauf heißt. Die erste „beabsichtigte“ Schnellbegehung erfolgte im März 2002. Den Aconcagua (6.956 Meter) schaffte Stangl in nur vier Stunden und 25 Minuten vom Basislager aus - ohne Rucksack, nur in Laufschuhen. Den neuen Stil, nicht angewandt auf dem K2, nannte er „Skyrunning“.

Welche Pläne Stangl nun hat, ist unklar. Nach dem K2-„Gipfelsieg“ hatte er bereits angekündigt, noch im Dezember den letzten Berg seiner „14 Seven Summits“-Tour, den 4.852 Meter hohen Mount Tyree in der Antarktis, erklimmen zu wollen. Er gilt aufgrund seiner Schwierigkeit als der K2 des südlichsten Kontinents der Erde. Damit hätte Stangl - eine echte Gipfelbesteigung des K2 vorausgesetzt - heuer als erster Mensch alle „14 Seven Summits“ besteigen können.

Stangl ist im Zivilberuf Elektrotechniker und war zuletzt als Projektleiter in Libyen tätig. Daheim ist er in Hall bei Admont. Seine bevorzugten Freizeitbeschäftigungen sind Sport, Reisen, Geografie und Sprachen. Darüber hinaus hält er Firmenvorträge. Sein Leitspruch: „Seien wir realistisch, fordern wir das Unmögliche.“

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