Themenüberblick

Angst um Sicherheit und Gesundheit

Eine Brücke stürzt ein, das Athletendorf starrt vor Dreck, Teilnehmer fürchten Krankheiten und Anschläge. Dabei sollten die Commonwealth Games zum Aushängeschild der aufstrebenden Wirtschaftsmacht werden und die Inder mit Stolz erfüllen. Die Organisatoren versprachen „die besten Spiele“ aller Zeiten, doch zehn Tage vor Beginn der Megaveranstaltung in Neu-Delhi reißt die Pannenserie nicht ab.

Auch die ersten Sportstars sagten ihre Reise nach Neu-Delhi bereits ab. Indien, das im kommenden Jahr seine Formel-1-Premiere feiern will, droht eine gigantische Blamage. Die „Hindustan Times“ schrieb am Mittwoch gar von einer „nationalen Schande“.

Der Chef der englischen Delegation, Andrew Foster, sagte der BBC am Mittwoch, die nächsten 24 bis 48 Stunden seien kritisch, die Situation stehe „auf des Messers Schneide“. Der Präsident der Commonwealth Games, Michael Fennell, bat um ein Krisentreffen mit Indiens Premierminister Manmohan Singh. Längst sind die Spiele in Indien zur Chefsache geworden. Der Jamaikaner Fennell hatte sich am Dienstag über unhaltbare hygienische Zustände im Athletendorf beklagt. Singh will nun selber darüber wachen, dass ordentlich geputzt wird: Er wies die Behörden an, ihn täglich über die Säuberungsarbeiten zu informieren.

Indische Arbeiter auf dem Dach des Jahawarial Nehru Stadions

Reuters/Reinhard Krause

Nur wenige Tage vor Beginn der Spiele laufen die Bauarbeiten auf Hochtouren.

Verheerende Eindrücke der Quartiere

Die „Times of India“ berichtete am Mittwoch über die verheerenden Eindrücke der ausländischen Delegationen, die das Athletendorf vor dem Eintreffen der ersten Sportler am Donnerstag inspiziert hatten. Die Besucher hätten „Scheiße in Zimmern“ bemängelt, in den Betten lägen Straßenhunde. Die Toiletten seien „ekelhaft“, die Elektrik sei unsicher. Die Gebäude seien voller Müll und die Bedingungen schlicht „nicht akzeptabel“.

Kaum überzeugend wirkte die Rechtfertigung des Generalsekretärs des Organisationskomitees, Lalit Bhanot. „Es ist kein so großes Thema, dass wir uns dafür schämen sollten“, sagte Bhanot. „Jeder hat bei Sauberkeit andere Maßstäbe. Menschen aus den westlichen Industriestaaten haben andere Maßstäbe, gleichzeitig haben wir andere Maßstäbe.“ Vorsichtshalber kündigte das schottische Team am Mittwoch bereits an, die Anreise „um ein paar Tage“ zu verschieben, um den Organisatoren Zeit zu geben.

Indischer Außenminister zuversichtlich

Der indische Außenminister Somanahalli Mallaiah Krishna ist nichtsdestotrotz zuversichtlich, dass die Spiele erfolgreich stattfinden werden. „Die Commonwealth Games werden den internationalen Standards entsprechen, und wir erwarten uns, dass sie zu den erfolgreichsten Spielen aller Zeiten werden“, betonte er im Interview mit der BBC. Die Verzögerungen und Missgeschicke beim Bau der Anlagen begründete er mit heftigen Monsun-Regenfällen und die damit einhergehende Flut in Indien. Dadurch wären speziell die Säuberungsarbeiten in den Unterkünften gebremst worden.

Hochwasser

APA/EPA/Harashi Tyagi

Die Flut reicht bis an die neu gebauten Athletenunterkünfte (im Hintergrund).

27 Verletzte bei Brückeneinsturz

Denn mit Putzen allein ist es nicht getan. Die Organisatoren werden zwar nicht müde zu betonen, dass zur Eröffnung der größten internationalen Sportveranstaltung des Jahres nach der Fußball-WM in Südafrika alles fertig sein wird. Immerhin hatten sie fast sieben Jahre Zeit. Doch erst am Dienstag stürzte eine neue Brücke ein, über die Fußgänger vom Parkplatz zum Nehru-Stadion gelangen sollten, wo die Spiele am 3. Oktober eröffnet werden sollen. 27 Menschen wurden dabei verletzt. Im selben Stadion brach am Mittwoch ein Teil einer Zwischendecke ein.

Eingestürzte Brücke beim Jahawarlal Nehru Stadion in Neu Delhi

APA/EPA/Anindito Mukherjee

Beim Einsturz einer neu gebauten Brücke wurden 27 Menschen verletzt.

Und das sind nicht die einzigen Probleme. Neu-Delhi befürchtet den schwersten Ausbruch von Denguefieber seit fünf Jahren, mehr als 2.400 Erkrankungen und mindestens vier Tote sind den Behörden bisher bekannt. Und die meisten Neuerkrankungen des von Moskitos übertragenen Denguefiebers werden normalerweise im Oktober gezählt - also genau dann, wenn die mehr als 7.000 Sportler aus den Commonwealth-Staaten in Indiens Hauptstadt um Medaillen kämpfen. Die Mücken fanden heuer in den vielen Baustellen, in denen wegen eines ungewöhnlich heftigen Monsuns das Wasser stand, optimale Brutbedingungen.

Angst vor Terroranschlägen

Angst verbreiten nicht nur Krankheiten, sondern auch Terroristen, die in Indien immer wieder Anschläge verüben. Am Sonntag schossen Attentäter in Neu-Delhi von einem Motorrad aus auf einen Touristenbus, zwei Besucher aus Taiwan wurden verletzt. Die australische Diskusweltmeisterin Dani Samuels zog nun die Notbremse und gesellte sich zur wachsenden Gruppe der Sportler, die ihre Teilnahme absagten. Auch eine Goldmedaille sei es „nicht wert, mein Leben dafür zu riskieren“, meinte Samuels. Dreisprungweltmeister Phillips Idowu verzichtet ebenfalls auf ein Antreten. „Es tut mir leid, aber ich habe Kinder - und denen ist meine Sicherheit wichtiger als eine Medaille“, schrieb der Engländer auf „Twitter“.

Dass die Spiele dafür sorgten, dass die miserable Infrastruktur in Neu-Delhi in den vergangenen Jahren deutlich verbessert wurde, dass etwa die Metro ausgebaut und ein neuer Flughafen eröffnet wurde, geht in dem Chaos inzwischen völlig unter. „Indien ist weltweit beschämt worden - durch Politiker und Beamte, die sich als gleichgültig, unfähig und möglicherweise korrupt herausstellten“, schrieb die „Times of India“. „Jetzt steht Indien gedemütigt da. Die Welt weiß, dass die Brücken, die wir bauen, zusammenbrechen, dass wir nicht einmal Toiletten sauber halten können.“

Links: