Themenüberblick

Fatale Folgen für Entwicklungsländer

Revolten in Mosambik Anfang September haben Erinnerungen an das Jahr 2008 wach werden lassen, als es in mehreren Ländern Afrikas und Asiens zu Lebensmittelkrisen und teils schweren Unruhen mit Toten und Verletzte gekommen war. Der Grund damals wie heute: ein explosionsartiger Anstieg der Getreidepreise, der zwar auch die Industriestaaten trifft, aber gewöhnlich erst die Schwächsten in der Kette.

Sowohl Weltbank als auch Welternährungsorganisation (FAO) warnten deshalb zuletzt vor einem neuerlich steigenden Risiko von Versorgungsengpässen. Eine Krise wie die 2007 und 2008 dürfte sich aus derzeitiger Sicht zwar nicht wiederholen, allerdings stellte die rapide Verteuerung von Agrarrohstoffen bereits eine Bedrohung für mehrere Entwicklungsländer dar. Das Auf und Ab bei den Preisen sei „eine ernsthafte Gefahr für die Versorgungssicherheit“, so das Resümee eines FAO-Sondertreffens Ende September in Rom.

Dass diese Sorge nicht unbegründet ist, zeigt die Preisentwicklung bei Weizen und Mais: Am weltweit wichtigsten Handelsplatz für Rohstoffe, dem Chicago Board of Trade (CBOT), verteuerte sich Weizen seit Juli und September um 60 bis 80, Mais um beinahe 50 Prozent. Eine Folge ist laut FAO, dass Menschen in Teilen der „Dritten Welt“ bereits mehr als zwei Drittel ihres Einkommens für Nahrungsmittel aufwenden müssen. Auf der anderen Seite lässt sich für Finanzinvestoren mit Weizen, Mais und Co. derzeit wieder viel Geld verdienen.

Ein Szenario wiederholt sich

Damit scheint sich ein Szenario - zumindest in Ansätzen - zu wiederholen: Zwischen 2007 und 2008 kam es zu einem explosionsartigen Anstieg bei fast allen Agrarrohstoffen, der Preis für Weizen verdoppelte sich in nicht einmal einem Jahr. Grund dafür waren vorweg Engpässe durch sinkende Ernteaussichten. Dann begannen Investoren – auf den Aktienmärkten war in den beiden Krisenjahren kaum etwas zu holen – auf den Rohstoffzug aufzuspringen und Milliarden in diesen Markt umzuschichten. Der Effekt: Die Preisspirale begann sich noch schneller zu drehen.

Komplexes Zusammenspiel von Ursachen

Welchen Einfluss Spekulationsgeschäfte jeweils auf das Auf und Ab bei den Rohstoffpreisen haben, lässt sich kaum seriös sagen. Der Mythos, dass es nur fundamentale Ursachen (steigende Nachfrage durch „hungrige“ Importeure wie China, der Biospritboom u. a.) sind, die die Preise (vor allem kurzfristig) steigen lassen, ist längst entzaubert.

„Die Spekulanten sind schuld“, klingt zwar plakativ, trifft den Punkt als Erklärung aber auch nicht ganz. Eher ist es ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren, die die Preisspirale in Gang setzt: „Unerwartete Ernteausfälle in einigen wichtigen Exportländern, gefolgt von nationalen politischen Reaktionen und Spekulation waren stärker als fundamentale Marktfaktoren für die kürzlichen Preissteigerungen der Weltmarktpreise verantwortlich“, hieß es nach der FAO-Konferenz.

Tatsächlich begannen die Getreidepreise förmlich zu explodieren, nachdem der Weizen-Großproduzent Russland im Sommer seine Ausfuhrprognose wegen massiver Ernteausfälle zu revidieren begann und schließlich sogar einen Exportstopp verhängte.

Preisspirale dreht sich schneller

Spätestens in einem solchen Moment schlägt, in der Hoffnung auf weiter anziehende Preise, die Stunde der Spekulanten – damals wie heute. Längst werden Terminkontrakte wie Optionen und Futures nicht nur als Quasiversicherung („Hedging“) gegen Preisschwankungen gekauft, sondern schlicht, um sie mit Gewinn zu handeln.

Laut einer kürzlich von der „Financial Times Deutschland“ zitierten Studie hat sich das Volumen der gehandelten Rohstoffkontrakte zwischen 2007 und 2009 weltweit mehr als verdoppelt. Die Preise für Nahrungsmittel liegen laut FAO derzeit weltweit wieder auf dem höchsten Stand seit zwei Jahren.

Wenn die „Großen“ mitspielen

Für afrikanische Länder, die oft zu einem großen Teil von Getreideimporten abhängig sind, haben schon kleinere Preisausschläge nach oben gravierende Folgen. Während ein Westeuropäer für Nahrungsmittel keine 20 Prozent seines Einkommens aufwendet, sind es in Entwicklungsländern oft 80 Prozent.

Sowohl FAO als auch die EU-Kommission wollen nun die Achterbahn bei den Getreidepreisen etwas bremsen. Als Maßnahmen, die auf längere Sicht auch mit den 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländern (G-20) akkordiert werden sollen, werden etwa strengere Regeln für das Geschäft mit Rohstoffderivaten und Limits für Handelspositionen, die bei entsprechender Größe starke Preisschwankungen auslösen können, angedacht. Wie es aussehen kann, wenn ein wirklich „Großer“ in dem Geschäft mitmischt, hatte im Sommer ein britischer Hedgefonds gezeigt, der laut mehreren Presseberichten mit einem Schlag sieben Prozent der weltweiten Kakaoernte aufkaufte.

Links: