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Wie die neue Fahrradkultur nach Wien kam

Alec Hager ist einer der Pioniere der neuen Fahrradkultur in Österreich. Er ist Gründungsmitglied und Lobbyist der IG Fahrrad, hat das Bike Film Festival nach Wien geholt und ist Chefredakteur des Magazins „Velosophie“. Im Interview mit ORF.at spricht er über Style, „Pseudos“ und die verkehrspolitische Philosophie hinter dem Fahrradkult.

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ORF.at: Seit wann ist das Fahrrad für Sie mehr als ein Alltagstransportmittel?

Alex Hager: Radfahren ist in meiner Studentenzeit kontinuierlich zu meinem bevorzugten Verkehrsmittel geworden. Dann kam das Bewusstsein dazu, dass verkehrspolitisch einiges im Argen liegt und geändert werden müsste - das hat zu einer verstärkten Identifikation mit dem Fahrrad geführt. Dann bin ich in Mailand 2006 erstmals bei einem Bicycle Film Festival gewesen. Dort habe ich mitbekommen, dass es extrem viel mehr gibt rund ums Thema Fahrrad, als in die Pedale zu treten. Man hatte schon von Fixies gehört und von Fahrradboten. Aber dort, die Filme über Tall-Bikes und Bike Gangs, über unpackbare Sachen, die man sich in Wien vorher einfach noch nicht vorstellen konnte, das war ein Flash. Dann haben wir das Bike Film Festival 2007 nach Wien geholt und dadurch viele Kontakte geknüpft, um im Kleinen nachzubauen, was die große Fahrradwelt da draußen so zu bieten hat. Critical Mass gab es auch ab 2006 als Demonstrationsform.

Alec Hager (Gründungsmitglied und Lobbyist der IG Fahrrad)

ORF.at/Simon Hadler

ORF.at: Wie hat man sich zusammengefunden?

Hager: Wir haben zuerst 2004 die Lobbyorganisation IG Fahrrad gegründet, von null auf, ohne Vorbildung, nur aus dem Drang heraus, etwas zu ändern. Dadurch sind wir später auf Critical Mass gekommen, die eigentlich von jemand anderem gegründet worden sind. Ich hatte das Gefühl, das schläft ein, wenn man nicht wirklich etwas dafür tut. Durch die Critical Mass haben sich Leute kennengelernt, die die Bikekitchen gegründet haben. So ist die Szene gewachsen.

ORF.at: Also hat alles so rund um 2005 angefangen.

Hager: Ich habe den Eindruck, dass da eine neue Generation von Fahrradbewegtheit entstanden ist. In den 80er Jahren und Anfang der 90er Jahre hat es die ARGUS-Fahrraddemonstrationen gegeben. Das war die erste Generation, die ist aber wieder eingeschlafen. Das sind energetische Zyklen, jemand macht etwas und das lässt dann wieder nach, wenn man nicht rechtzeitig dafür sorgt, dass jemand Neuer nachkommt. Das damals war die dezidiert verkehrspolitisch kämpferische Sache, wo man die ersten Radwege erstritten hat.

Das, was jetzt passiert, ist hingegen ein wirklich kulturelles Community-Subkultur-Phänomen. Da bilden sich ganz andere Arten von Codes und Gestaltungsmöglichkeiten heraus - etwa die Art, wie Leute heutzutage ihre Fahrräder herrichten und individuell pimpen. Manche schweißen sich ihre eigenen Tall-Bikes zusammen. Das ist eine ganz andere Sache. Das ändert Deinen Alltag und dein ganzes Umfeld. Das dürfte von außen betrachtet eine relativ freakige Partie sein.

ORF.at: Österreich war mit der Etablierung dieser Freak-Kultur spät dran?

Hager: Ja. Ganz klassisch. Die fünf Jahre hinter New York und ein Jahr hinter Berlin - diesen Rhythmus halten wir brav ein. International ist das so Ende der 90er Jahre aufgetaucht, den Anstoß hat die Fixie-Sache gegeben. Fahrradboten in New York haben damit angefangen. Das ist dann zu einer Art Mainstream und zu einem Trend für Leute geworden, die in kreativen Berufen arbeiten. In London waren die Straßen schon vor drei, vier Jahren voll davon. Bei uns haben sich die Leute immer noch persönlich gekannt, die das gemacht haben. Dann ist es in Berlin groß geworden. Mittlerweile hat auch in Wien jeder dritte Student der Angewandten ein Fixie oder ein Single Speed, das er sich selbst gebaut hat.

Das Fixie-Ding und das Bike Film Festival sind gleichzeitig groß geworden. Kultdesign auf der einen Seite und Filme über Phänomene wie Bike Gangs auf der anderen Seite. All das taucht mittlerweile in Mainstream-Musikvideos auf. Das hat den klassischen Weg von der verwackelten Handkamera aus dem wirklichen Underground zum Hochglanz-Hollywood-Bild gemacht.

ORF.at: Kann man die Subkultur noch weiter unterteilen? Der Fixie-Bobo und der Tall-Biker in der Bikekitchen - das sind doch verschiedene Welten.

Hager: Da gibt es noch mehr verschiedene Welten. Innerhalb dieser Kultur gibt es ganz verschiedene Ansätze. Dieses communitybasierte soziale Engagementding, das auf Gesellschaftsveränderung oder zumindest auf die eigene Veränderung abzielt, wie es die Leute in der Bikekitchen leben, ist etwas anderes als der Ansatz der Radlboten oder das Style-Ding oder die Rennradler, die zu Alltagsradlern geworden sind und auf Qualität und Hochpreisiges Wert legen.

Es ist die Frage, was schon Fahrradkultur ist und was noch einfach Radfahren ist. Auch der Alltagsradler mit dem Kindersitz lebt Fahrradkultur, wenn er zum Kindergarten fährt und dann ins Büro. Die Frage ist, ab wann das Verkehrsmittel zum Identifikationsteil wird. Auch der 5.000-Euro-Karbonfahrrad-Typ lebt eine Art von Fahrradkultur, nur wird er halt niemals verstehen, was mit den Leuten abgeht, die das machen, was wir machen.

ORF.at: Und umgekehrt?

Hager: Umgekehrt wird man auch sagen: „Na hallo, Du bist ein Pseudo, hey!“ Aber das gibt es auch innerhalb der Community. Ein ganz klassischer Fall ist: „Wir sind immer schon Fixie gefahren, lange bevor es ‚in‘ war, und Ihr seid jetzt die Trend-Followers und Ihr seid ja alle Schnösel." Wie in jeder Kultur gibt es auch hier ganz unterschiedliche Ausprägungen.“

ORF.at: Wie viel Zeit investiert man?

Hager: Zeit und Energie investierst Du in Sachen, die Dir wichtig sind. Das kommt dann von selber. Leute, die drei Tage in der Woche im Schweißkammerl stehen und sich Tall-Bikes zusammenschweißen, leben die Extremform. Es reicht, wenn man sich eine Art von Basis erarbeitet hat, indem man sich einmal ein Fahrrad zusammengestellt hat und dann mit den entsprechenden Leuten unterwegs ist.

Bei mir ist es so, dass ich mir jedes Monat wieder ein neues Fahrrad zusammenbaue. Das ist dann schon ein bisschen übertrieben. Ich kann nicht aufhören. Ich kann zu einem schönen Rahmen nicht Nein sagen. Ich muss dann da noch Laufräder und einen neuen Lenker draufbauen und kann nicht sagen: „passt schon“. Das ist klassisches Suchtverhalten.

ORF.at: Aber hängt da nicht doch auch recht viel Geld dran?

Hager: Das kommt darauf an. Man kann viel improvisieren, man kann viele Gebrauchtteile zusammensammeln, man kann hin- und hertauschen mit anderen. Oder man geht in den Laden oder auf eine Website und kauft sich das bunte Teil hier und das bunte Teil da. Oder man geht in den Laden und kauft sich das komplette Teil um 12.000 Euro. Das ist ganz unterschiedlich.

Bike Polo ist ein gutes Beispiel. Das ist ein Underground-Sport. Da müssen die Fahrräder hin sein. Da muss das egal sein, wenn Du zehnmal am Tag voll zusammenkrachst. Das muss nicht viel kosten. Den Poloschläger machst Du Dir aus einem Skistock und einem Wasserrohr. Jetzt kann man sich aber auch schon vom Markenartikler die ganze Ausrüstung bestellen. Da kostet dann ein Bike Polo Mallet, also ein Schläger, 50 Euro. Man kann sich das Material zum Selberbasteln bei der Caritas um 1,50 Euro besorgen.<<

ORF.at: Da kann man wieder die Veteranen von den „Pseudos“ unterscheiden?

Hager: Bike Polo ist dafür ein gutes Beispiel, das man sich genau anschauen muss. Das ist auf Parkplätzen in den USA von Fahrradboten gespielt worden. Jetzt war gerade auf der New York Fashion Week eine Bike-Polo-Performance. Die Models sind mit Polo Mallets über den Laufsteg gelaufen. Da war diese totale Diskrepanz zwischen dem, was man sich kaufen kann, und dem, was man sich nicht kaufen kann und Community ist, augenfällig. Das war einfach nur peinlich. Die Burschen dort im Designcenter drei Stunden lang Bike Polo spielen zu lassen, das funktioniert einfach nicht. Ich hoffe, sie haben genug abgecasht.

ORF.at: Kann man davon profitieren, wenn das Underground-Ding zum Mainstream wird?

Hager: Sicher. Wenn man derjenige war, der diese Polo-Truppe zur New York Fashion Week gebucht hat, der wird seinen Schnitt gemacht haben. Man kann finanziell profitieren, indem man Trendscout wird und das zu Geld macht, was „jung“, „echt“, und „frisch“ ist. Man kann das verkaufen, aber nur wenige Leute in der Szene haben diese Ambitionen, die bleiben lieber beim wirklich echten Ding.

ORF.at: Früh dabei gewesen zu sein und das Ding selbst mitbegründet zu haben, bedeutet aber schon symbolisches Kapital?

Hager: Zumindest für mich würde ich so etwas nicht verbuchen wollen. Es gibt Leute, von denen ich gelernt habe, die schon vor mir Fixie gefahren sind. Für die ist das schon zum Teil so, sie haben einen gewissen sozialen Status inne. Du verfügst über ein spezielles Wissen.

ORF.at: Gibt es einen Heldenkult, so wie in anderen Subkulturen?

Hager: In Wien spürt man das kaum. Hin und wieder hört man vielleicht: „Schau, das war der mit dem ersten Fixie.“ Als Heldenfiguren eignen sich vielleicht Menschen wie Ryan Doyle, der jahrelang ungeschlagene Tall-Bike-Jousting-Weltmeister (mittelalterliches Lanzenturnier mit selbstgebastelten Hochrädern statt Pferden; Anm.) aus New York. Der ist ein Zwei-Meter-Hüne und ein Künstler.

Oder Lucas Brunelle zum Beispiel, der Helmkamera-Alleycat-Filmer (Alleycat - wilde Fahrradkurier-Rennen gegen jede Regel; Anm.). Aber in Wien gibt es keinen Helden, den man auf ein Podest stellen und als Messias der Fahrradkultur feiern könnte.

ORF.at: Worüber kommuniziert sich die Mode der Szene?

Hager: Durch die klassischen Kanäle heutzutage. Web und Film und Fanzines. Auch bei Fahrradbotenwelt- oder -europameisterschaften. Das hat, glaube ich, auch einen ziemlichen Impact. Von Critical Mass liest man und geht dann hin. Vom Bicycle Film Festival hört man und geht hin. Bei Polo hat irgendjemand erzählt, dass man sich die Sachen selbst basteln kann, dann haben wir es halt ausprobiert. Man kann auch für sich selbst viel erfinden. Von irgendwoher kommt ein Vorbild, und man bastelt selbst nach.

Kann man eine Typologie nach der Mode erstellen? Manche orientieren sich doch etwas am Stil der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts, andere erinnern an niederländische Hollandrad-Fahrer mit ihren Brooks-Sätteln. Und dann die urbanen Leute mit ihren Carhartt-Sachen ...

Hager: Es gibt natürlich dieses Retroding, von dem Brooks ganz gut lebt. Die leben vom späten 19. Jahrhundert, samt Landhaus-Tweed-Stil. Aber das passt, die machen das gut und Brooks-Sättel sind ja wirklich lässig.

Dann gibt es die typischen Fahrradboten mit ihren Messanger-Bags, die man mit einer kurzen Hose kombiniert. Die haben wieder diese Retro-Rennkapperl aus den 50er Jahren aufgegriffen. Die hat man damals in jedem Bikeladen verschenkt, dann kugelten sie tausendfach auf Flohmärkten herum. Das haben dann Marken aufgegriffen. Für uns war es noch cool, alte Kapperln zu erwischen. Jetzt wird das teuer in Flagshipstores für Londoner Architekten verkauft. Zu diesem Stil gehören auch diese geilen Renntrikots dazu, die so jucken, dass man sie eigentlich gar nicht anziehen kann. Aber die gibt es in geilen Farben mit französischen Rennstallschriftzügen.

Dann gibt es die Bike-Punk-Geschichte, das kommt wieder von woanders her, aus der autonomen Anarchieszene. Wie alle jugendkulturellen - naja, so jung sind wir auch nicht mehr, aber okay - Ausdrucksformen mit Badges, mit Sticker usw., die allen die Aussage, die man vertritt, so richtig schön auf’s Aug kleschen. Es gibt ja diesen Schriftzug ACAB (All Cops Are Bastards), ein klassisches Gang-Kürzel. Der moderne Bike-Punk und Fahrradbote hat ATAB tätowiert - All Taxis are Bastards.

Man kann sich aber auch vom Markenhändler heute das wieder aufgelegte Rennshirt und das passende Kapperl kaufen. Man kann in so einem Flagship Store in London indoor parken und in einem Velobuch schmökern und Organic Coffee dazu trinken. Dass ist das Ding, das jetzt der Mainstream für sich entdeckt hat.

ORF.at: Ist das auch noch cool?

Hager: Ich bin mir ganz sicher, dass das für viele Leute cool ist. Ich habe da keine Distinktionsgelüste. Das ist schon okay. Das ist der Lauf der Dinge. Im Endeffekt geht es aber doch um die Frage: Will man eine Art von Gesellschaftsänderung oder will man einfach kurz etwas aufschnappen, was einem gerade gefällt. Mein Antrieb ist es, zu erreichen, dass da draußen fast keine Autos mehr unterwegs sind, sondern nur noch Fahrräder. Ob mir jetzt ein Kapperl oder Rad gefällt, das ist höchstens der Zusatzkick.

ORF.at: Dann muss Ihnen der Mainstream-Boom zum Fahrrad, der auch etwa Mitte der Nullerjahre eingesetzt hat, gefallen - oder?

Hager: Absolut. Das hatte mit dem Ölpreis und dem Klimawandel zu tun. Vor allem aber mit dem Benzinpreis. Wie der so angezogen hat und die Leute das Gefühl hatten, das hört jetzt nicht mehr auf, sind plötzlich viel mehr Menschen auf das Fahrrad umgestiegen, als Du in den zehn Jahren davor durch Gut-Zureden erreichen konntest. Das ist kein politisches Verdienst. Die Politik greift das auf. Aber es hat sich von 2005 bis jetzt immens viel getan. Das hat jetzt auch die Politik mitgenommen. Aber umgestiegen sind die Leute von selbst.

ORF.at: Wurde das auch von der Werbung der Sporthäuser verstärkt? Man hat ja das Gefühl, täglich Flyer mit der Post zugesendet zu bekommen, in denen Fahrrad-Sonderangebote angepriesen werden.

Hager: Der Österreicher hat im Durchschnitt etwas mehr als ein Fahrrad. Die Versorgung ist nicht das Problem. Die stehen halt herum und werden höchstens am Wochenende genutzt. Der Österreicher lebt den Mythos des Mountainbikers, obwohl seine Fahrräder selten Gatsch sehen - vor allem in Wien. Dieser Switch ist noch nicht da, dass Leute gezielt Fahrräder kaufen, um damit Verkehr zu machen. Noch immer wollen die wenigsten Kotflügel und eine Lichtanlage haben. Erst wenn sie das erste Mal bei Regen in die Arbeit fahren, wissen sie, warum das eigentlich einen Sinn gehabt hätte.

Der Trend geht aber insgesamt jetzt zu mehr Individualität und mehr Mobilität. Die Menschen verstehen, dass Im-Stau-Stehen und Parkplatzsuchen nicht unbedingt das ist, womit man die erste Stunde des Tages vor dem Büro verbringen möchte.

ORF.at: Besteht die Gefahr, dass das eine Mode wie viele andere ist und plötzlich die Fahrräder wieder in den Kellern verschwinden? Vielleicht holt ja dann die Enkelgeneration diese Mountainbikes hervor und findet sie cool - so wie das heute mit alten Rennrädern passiert?

Hager: Die ästhetische Gefahr, dass auf einmal die 90er-Jahre-Mountainbikes aufpoppen, die ist bald gegeben. Aber die Verkehrsdynamik wird sich nicht umkehren. Wenn Du das Anfangszuckerl hast und mit einem coolen Rennrad fährst und dann draufkommst, dass das auch ein gutes Verkehrsmittel ist, das gibst Du nicht mehr auf. Das wird sich auch in der Stadtplanung und Verkehrspolitik niederschlagen. Der motorisierte Individualverkehr wird immer unerwünschter werden.

Es gibt keine Gründe dafür, warum das Auto seinen Siegeszug fortsetzen sollte. Das kann nicht sein. Dieser historisch gesehen kurze Wahnsinn von 30 Jahren, in denen man Städte umgestaltet hatte, damit jeder sein Auto parken und fahren kann, wird binnen kurzem als historischer Irrtum erkannt werden. Ich bin Optimist. Wobei „binnen kurzem“ wahrscheinlich noch einmal 50 Jahre bedeutet. Die ersten progressiven Anti-Auto-Standpunkte, vertreten von Literaten und Forschern, tauchten in den 70er Jahren auf. Fußgängerzonen und verkehrsberuhigende Maßnahmen werden seit 40 Jahren diskutiert - und jetzt langsam umgesetzt.

ORF.at: Ist da eine Lawine bereits am Rollen?

Hager: Ja - aber wir reden hier nicht von Wien, das passiert woanders.

ORF.at: Da gibt es wieder diese Verzögerung?

Hager: Wir haben da ein grobes kulturelles Problem - man vergöttert das Auto hierzulande mehr als anderswo. Es gibt Städte, die wo geplant werden, dass jeder, der ins Auto steigt, fünfmal so weit fahren muss als ein Fahrradfahrer, oder ganz sicher dort, wo er hinwill, keinen Parkplatz findet. Das wird gezielt eingesetzt, damit sich die Menschen keine Autos mehr kaufen. In Wien ist das noch undenkbar.

Unsere zentrale Forderung lautet: Mehr Raum fürs Rad. Nicht nur physisch, sondern auch in der Stadtplanung, in den Köpfen und in den Budgets. Rad muss Vorrang vor dem Auto haben, es müssen Anreize für den Umstieg geschaffen werden. Autofahren ist unbequem und zeitraubend und teuer und blöd. Aber es ist verlockend. Diesen Verlockungsmechanismus muss man etwas entgegenstellen. Große autofreie Zonen, Citymaut, reine Tiefgaragenlösungen - Parkräume sollten drastisch reduziert werden. Der Weg zum Auto soll länger sein als der zur Öffistation oder zum Fahrrad.

ORF.at: Was hat es mit der Debatte über Aggressionen zwischen Auto- und Radfahrern auf sich?

Hager: Das ist ein tägliches Erleben, dass man sich denkt: „Jetzt reicht es aber wirklich.“ Das Auto führt durch seine Abgeschlossenheit zu einer Grundaggression und einer fehlenden Kommunikation mit dem Außen und einer Unsensibilität. Und dann gibt es den kleinen, sensiblen, verletzbaren Fahrradfahrer, der aber bei jeder Lücke durchkann. Das führt zu Eifersuchtsszenen und zu Machtdemonstrationen. Wenn es den Autofahrer ärgert, dass der Radfahrer schon wieder nicht im Stau steht, dann fährt er so weit am Rand, dass der Radfahrer nicht vorbei kommt. Oder wenn er sieht, dass der Radfahrer bei Rot fährt, was niemanden stört, das selbst aber nie könnte - weil er sonst einen Unfall verursachen würde - dann hupt der Autofahrer: "Ich kann das jetzt nicht, also mach Du das auch nicht.

Autofahrer sind auch beim Überholen rücksichtslos und fahren ganz knapp an Radfahrern vorbei. Da ist es ganz klar, dass Du dem an der nächsten Kreuzung die Meinung sagen musst. Da muss man die Kommunikationshürde überwinden. Der Autofahrer ist sich manchmal nicht bewusst, welche Gefahr er darstellt.

ORF.at: Und umgekehrt - gibt es auch die Typbeschreibung für den rücksichtslosen Radfahrer?

Hager: Es gibt die Typbeschreibung des rücksichtslosen Menschen. Es ist nur die Frage, was Du diesem in die Hand gibst - eine Ein-Tonnen-Maschine oder ein leichtes Fahrrad. Trotzdem, es gibt auch rücksichtsloses Verhalten von Radfahrern gegen Fußgänger. Da sind die dann die Schwächeren.

Das Gespräch führte Simon Hadler, ORF.at

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