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Ein Leben ohne Auto

In der Bikekitchen wird man freundlich empfangen. Es herrscht produktives Chaos. Musik läuft, die unterschiedlichsten Menschen schrauben an Fahrrädern herum, man trinkt Bier, es wird viel gelacht. ORF.at hat mit Johannes Richter, einem der Gründer der Selbsthilfewerkstatt, über ein Leben ohne Autos und über freakige Fahrräder gesprochen.

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ORF.at: Muss ein Fahrrad nicht einfach nur fahren können?

Johannes Richter: Das Fahrrad ist nicht einfach Fortbewegungsmittel - die Beschäftigung damit macht Spaß! Mit einem Feuerwerks-Pyro-Bike wird man keine großen Reisen unternehmen - aber es schaut lustig aus, wenn man in der Nacht damit fährt. Beim Bike Film Festival war das voll mit Raketen und Leuchtfeuern bestückt.

Mit Tall-Bikes (Räder werden übereinandergeschweißt - so ergibt sich ein Hochradeffekt; Anm.) hingegen kann man Reisen unternehmen. Ein paar Leute von uns sind von Berlin über Prag und Wien nach Budapest gefahren.

ORF.at: Tall-Bike-Fahren macht sicher Spaß, aber ist es vor allem in der Stadt nicht total unpraktisch?

Richter: Für mich schon, weil ich es nicht gewöhnt bin. Aber es gibt durchaus ein paar Leute, die im Alltag damit fahren. Die haben ein gutes Auge, wo sie sich hinstellen und anhalten können. Einer, der in Wien herumfährt, kann mit dem Tall-Bike sogar Track Stand - also stehen, ohne sich anzuhalten oder abzustützen oder abzusteigen.

Tall-Bike-Fahren ist auch deshalb lustig, weil man sich damit ein bisschen in den Mittelpunkt stellt und protzen kann. Natürlich schauen immer noch viele Leute, obwohl diese Räder seit zwei, drei Jahren schon recht verbreitet sind.

ORF.at: Wenn man stürzt, tut es doppelt weh.

Richter: Ich bin schon oft mit dem normalen Fahrrad gestürzt, das tut auch weh.

ORF.at: Seit zwei, drei Jahren wird es mehr. Womit hat das zu tun?

Richter: Das erste Tall-Bike ist in Wien vor vier Jahren entstanden. Inzwischen gibt es schon zig davon. Viele davon sind hier entstanden. Viele andere auch im WUK. Der ganze Fahrradboom, auch in unserem Segment, hat nicht nur mit einem gestiegenen Umweltbewusstsein zu tun. Es macht ganz einfach Spaß und man kann lustige Dinge machen.

Eingang der Bikekitchen

ORF.at/Wolfgang Rieder

ORF.at: Ist Fahrradfahren für die Bikekitchen ein Lifestyle oder eine Philosophie?

Richter: Wir machen auch beim Bicycle Film Festival mit, und dort kann man, nicht zuletzt in den Filmen, sehen, dass es ganz stark um Effekte abseits des Umweltbewusstseins geht - eben um Spaß, die Leute machen tolle Sachen. Fahrradspiele, Radsportarten wie Radball, wo man den Ball mit dem Vorderreifen kickt. Oder auch Bike-Polo.

ORF.at: Da geht es um Gemeinschaft, Community und Spaß?

Richter: Es haben sich dadurch viele Freundschaften entwickelt. Dann bleibt man noch mehr und lieber und öfter in dem Kreis und lässt weitere abstruse Sachen entstehen.

ORF.at: Und so ist die Bikekitchen entstanden?

Richter: Ja, 2007 haben sich Leute getroffen und überlegt, dass sie von der Grundidee her so etwas machen wollen. Etwa die Idee einer Küche, die bei uns nicht nur im Namen vorkommt - hier wird tatsächlich gekocht. Wir haben im 15. Bezirk dieses Souterrainlokal gefunden und uns selbst die Einrichtung gezimmert, samt Küche und Bar. Die Werkbänke haben wir übrigens nicht mit dem Rad geführt, da war dann Autounterstützung doch willkommen. Ich weiß nicht, ob wir das heute noch akzeptieren würden. Es gibt jetzt deutlich mehr Lastenräder in Wien.

Es sind im aktiven Kreis hier viele Leute weggegangen und viele neue hinzugekommen. Man kann Dienste während der Öffnungszeiten schieben, die Küche putzen oder was auch immer so anfällt in einer Fahrradwerkstatt, die nicht nur Werkstatt ist.

ORF.at: Die Bikekitchen ist ein Verein und nicht gewinnorientiert?

Richter: Genau. Wir sind ein Verein samt Vorstand, Rechnungsprüfer und Kassier. Wir versuchen aber, das in der Praxis hierarchiefrei zu gestalten. Es gibt alle zwei, drei Wochen ein Plenum. Es kommen sicher nicht immer alle Aktiven, aber doch einige. Momentan überlegen wir etwa, noch einen Keller in der Umgebung anzumieten.

ORF.at: Normalerweise ist Fahrradfahren, wenn man sich ein gutes Rad kauft, ständig warten lässt und sich immer wieder neues Zubehör anschafft, gar nicht so billig. Der Bikekitchen-Ansatz ist ja eher ein antikapitalistischer.

Richter: Es geht unter anderem darum, dass man nicht alles, was ein bisschen kaputt ist, gleich wegschmeißt. Man kann probieren, es zu reparieren oder etwas anderes zu basteln. Das Pyro-Bike ist aus mehreren Rahmen zusammengeschweißt, von denen sicher kein einziger in Ordnung war.

Auch bei den Preisen machen wir nicht mit. Neue Ersatzteile geben wir zum Einkaufspreis weiter. Sonst gibt es bei Ersatzteilen freie Preise hier. Auf Wunsch geben wir eine Preisempfehlung ab. Wenn sich jemand etwas nicht leisten kann, geben wir es ihm billiger - oder er oder sie putzt stattdessen die Küche. Auch bei den Getränken haben wir freie Preise.

ORF.at: Sind die Menschen solidarisch genug? Zahlen sie faire Preise - oder strauchelt die Bikekitchen finanziell?

Richter: Es geht. Kaum jemand gibt so viel her, wie er oder sie in einem normalen Fahrradgeschäft bezahlen würde. Es gibt aber auch kaum jemand nichts her oder weniger, als wir selbst bezahlt haben. Im Großen und Ganzen kommen die Menschen nicht her, um sich gratis alle möglichen Teile zu holen. Bei den Fahrradteilen ist ja außerdem das meiste nicht neu. Normalerweise meldet sich jemand, bei dem im Hinterhof ausgemistet wird und dann holen wir die Räder oder einen Schrotthaufen, von dem wir vielleicht manches noch brauchen können.

ORF.at: In vielen Fahrradgeschäften wird man recht arrogant behandelt, wenn man sich als Laie herausstellt. Ist das in der Bikekitchen anders?

Richter: Das sollte nicht so sein. Auch diejenigen, die bei uns Werkstattdienst machen, sind nicht unbedingt Vollprofis. Wir haben ja selbst hier nicht die coolsten, neuesten Teile, sondern eher den alten „Dreck“. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich jemand bei uns wie ein Idiot fühlt.

ORF.at: Kommen auch Leute aus der Nachbarschaft, die keiner alternativen Szene angehören?

Richter: Ja, auch, sogar immer mehr. Wir versuchen ja, unsere Arbeit publik zu machen. Es gibt zum Beispiel einen aus der Nachbarschaft, von dem ich gar nicht weiß, ob er ein Fahrrad hat. Der trinkt hier eine Frucade oder ein Bier und plaudert ein bisschen mit uns. Es gibt auch einige Kids und Jugendliche, die irgendetwas wollen und dann auch eine Frucade bekommen.

ORF.at: Die Schere zwischen Arm und Reich geht ja laut Studien auseinander. Kommen viele Menschen in die Bikekitchen, die sich kein Auto leisten können und auf die billigen Fahrradersatzteile ganz einfach angewiesen sind?

Richter: Die meisten Leute, die hier herkommen, wollen gar kein Auto. Es kommt aber schon vor. Wir hatten vor einigen Wochen ein Gebrauchtrad da. Jemand ist vorbeigekommen und hat gesagt, er braucht dringend ein Fahrrad, hat aber nur zehn, zwanzig Euro. Wir haben es ihm gegeben, obwohl es schon einiges mehr wert gewesen wäre. Ich kann natürlich nicht prüfen, ob er wirklich nicht mehr hat. Einen drastischen Anstieg solcher Anfragen beobachte ich aber nicht. Ich glaube, beim Auto sparen viele Menschen als Letztes. Es erscheint ihnen sehr wichtig, sie opfern viel dafür.

ORF.at: Euch bedeuten Autos nichts?

Richter: Ich bin selbst in einer Familie ohne Autos aufgewachsen. In Wien braucht man sehr selten eines. Wenn wir hin und wieder doch einmal eines gebraucht haben, haben wir es uns ausgeborgt. Es ist einfach im Alltag nicht notwendig. Wenn meine Familie immer Autos gehabt hätte und ich zur Matura eins geschenkt bekommen hätte, hätte ich wahrscheinlich all die lieben Leute hier nicht kennengelernt.

ORF.at: Gibt es viele Konflikte mit Menschen, die die Anliegen der Bikekitchen nicht verstehen? Hier ist gerade eine ältere Frau vorbeigekommen, die geschimpft hat: „Ein bissl Platz müsst’s am Gehsteig schon noch lassen.“

Richter: Das war vollkommen berechtigt. Hier müssen Fußgänger durchgehen können. Das hat, glaube ich, nichts mit der Fahrradwerkstatt zu tun. Aber auch sonst kenne ich solche Ressentiments oder Stänkereien nicht.

ORF.at: Erlebt man viel Feindseligkeiten im Radverkehr?

Richter: Das gibt es natürlich. Autofahrer hätten gerne so viel Platz wie möglich, um schnell fahren zu können. Wenn eine Straße zu schmal ist, um einen Radfahrer in sicherem Abstand zu überholen, dann wird er noch schlechter drauf sein, als er überhaupt schon drauf ist - oder er ist ohnehin von Haus aus ein aggressiver Typ. So einer hupt, drängelt und schimpft.

Aber selbst, wenn man so etwas fast täglich erlebt: Die meisten Autofahrer sind vollkommen okay. Es gibt halt so viele von ihnen - daher ist es logisch, dass man oft auf blöde trifft. Gefährliche Situationen gibt es natürlich. Aber insgesamt fühle ich mich sicher auf der Straße. Ich versuche, im Verkehr selbstbewusst aufzutreten und mich nicht fünf Zentimeter neben die Autotüren an den Rand zu drängen.

ORF.at: Was würden Sie sich von der Stadt Wien wünschen?

Richter: Zum Beispiel eine Imagekampagne für das Radfahren, wie es sie zum Teil in Deutschland gab, wo man gute Erfahrungen damit gemacht hat. Wo man erfährt, dass Radfahren Spaß macht und gar nicht so gefährlich ist. Zielgruppe so einer Kampagne könnten Autofahrer und Radfahrer gleichermaßen sein.

Außerdem würde ich mir wünschen, dass Radfahrer immer auch die Straße benützen dürfen, auch wenn es Radwege gibt. Auf Radwegen lebt man oft gefährlicher, als wenn man gut sichtbar auf der Straße unterwegs ist. Auch die markierten Ministreifen auf den Fahrbahnen sind höchstens gut gemeint. Die sind fast immer zu schmal. Ich fahre da meistens ein gutes Stück links vom markierten Streifen. Mir ist es zwar noch nicht passiert, dass ich „gedoort“ (Kollision mit einer plötzlich geöffneten Autotür; Anm.) wurde, aber ein paar Bekannten von mir.

ORF.at: Gibt es einen Unterschied zwischen den Leuten, die ich hier in der Bikekitchen so sehe und den typischen Fixie-Bobos aus dem siebenten Bezirk?

Richter: Stylische Leute gibt es hier auch. Das überschneidet sich ein bisschen. Es sind bei uns auch die Fixie-Bobos herzlich willkommen. Wir haben hier halt nicht viele coole, schicke Teile, sondern eher den alten Ramsch. Hier kann man aber auch schöne Fixies reparieren. Ich persönlich mag Fixies nicht - das reizt mich nicht. Ich mag Freilauf und Gangschaltung.

Das Gespräch führte Simon Hadler, ORF.at

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