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„Auf jeden Fall ein Lebensstil“

Seit einigen Jahren erlebt Fahrradfahren in Österreich einen Boom - die Verkaufszahlen von Sporthäusern belegen das. Aber neben den Alltags- und Sportradlern ist auch eine Szene entstanden, für die ihr Bike weit mehr ist als ein Fortbewegungsmittel - es ist der Ausdruck einer Lebensphilosophie.

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Vor rund fünf Jahren hat in Österreich alles begonnen, erzählt Bike-Pionier Alec Hager, fünf Jahre später als in den USA. Den Anstoß gaben Radboten mit ihren selbst zusammengebastelten Fixies (Räder ohne Schaltung und Bremsen). Über Bike Film Festivals wurde vermittelt, was sich woanders abspielt: Bike Polo, Tall-Bike-Jousting, Bike Gangs. Alec Hager klinkte sich ein und zog zusammen mit Gleichgesinnten so ein Film-Festival in Wien auf. Parallel dazu entstand Critical Mass, eine regelmäßig stattfindende Fahrraddemo. Heute ist Hager Chefredakteur des Magazins „Velosophie“ und Lobbyist der IG Fahrrad.

Werkstatt der Bikekitchen

ORF.at/Wolfgang Rieder

Fahrradbastler in der Bikekitchen

„Mit allem, was dazugehört“

Mittlerweile schrauben sehr viele, vor allem junge Menschen, an ihren Rädern herum, sagt Gernot Frank vom Fahrradgeschäft Citybiker: „Wenn man ein schönes Fahrrad hat, das ist, wie wenn man früher einen aufgemotzten VW Polo hatte, nur halt für die Stadt angepasst. Fahrradfahren ist für mich auf jeden Fall ein Lebensstil, mit allem, was dazugehört.“ Am individuellen Style wird gefeilt, Accessoires wie Ledergriffe oder -sättel werden gekauft.

Damit man nicht alleine werkeln muss, gibt es Selbsthilfewerkstätten wie die Bikekitchen im 15. Wiener Gemeindebezirk. In einem Souterrainlokal kann jeden Donnerstag kommen, wer will, um sein Fahrrad zu reparieren. Jene, die sich besser auskennen, helfen den Anfängern. Für gebrauchte Ersatzteile und Räder gibt man, was man zu geben bereit ist. Freie Preise gelten auch für die Getränke und die Küche.

Wahre Freak-Bikes

In erster Linie, sagt Johannes Richter, einer der Gründer der Bikekitchen, geht es um Spaß und um Community. Freundschaften werden geschlossen und gemeinsam seltsame Gefährte zusammengebaut, von aberwitzigen Tall-Bikes (zwei Rahmen werden übereinandergeschweißt) über ein Feuerwerkskörper-Riesen-Pyro-Rad bis hin zu praktischen Lastenrädern, mit denen ganze Wohnungsumzüge bewerkstelligt werden.

Willkommen sind aber auch Menschen, denen es einfach nur ums Reparieren ihrer Räder geht. So kommen immer wieder Zeitungsausträger mit Migrationshintergrund, für die das Fahrrad zum täglichen Broterwerb unerlässlich ist. Und Menschen aus der Nachbarschaft schauen mitunter vorbei, um ein Bier zu trinken und zu plaudern.

Lobbyarbeit auf der Straße

Wichtig ist es den Freak-Bikern, Präsenz zu zeigen und zu vermitteln, dass Fahrradfahren richtig Spaß macht. „Tall-Bike-Fahren ist auch deshalb lustig, weil man sich damit ein bisschen in den Mittelpunkt stellt und protzen kann“, sagt Richter. Lobbyarbeit auf der Straße ist das. Die wird aber auch durch den Fahrradboom der breiten Masse unterstützt.

Pyrorad vor der Bikekitchen

ORF.at/Wolfgang Rieder

Dieses Pyro-Rad lässt sich mit Feuerwerkskörpern bestücken.

Alec Hager nennt die Bike-Community „eine relativ freakige Partie“. Nicht jeder, der Fahrrad fährt, will ihr angehören. Fahrradkultur, das sind auch Eltern, die ihre Kinder mit Kindersitz vor der Arbeit in den Kindergarten bringen. Abgrenzung zu Normalos ist für die Leute in der Bike-Szene aber kein Thema, darauf bestehen sowohl die Bastler in der Bikekitchen als auch Hager. Trotzdem, meint er: „Auch der 5.000-Euro-Karbonfahrrad-Typ lebt eine Art von Fahrradkultur, nur wird er halt niemals verstehen, was mit den Leuten abgeht, die das machen, was wir machen. Und umgekehrt wird man auch sagen: ‚Na hallo, Du bist ein Pseudo, hey!‘“

Die Mountainbike-Neurose der Österreicher

Insgesamt, meint Hager, hätten die Österreicher eine „Mountainbike-Neurose“: Jeder kaufe ein Mountainbike, obwohl die meisten davon kaum je „den Gatsch sehen“, vor allem in Wien nicht. Ästhetisch ortet er Gefahrenpotenzial: nämlich dass eine Retrowelle irgendwann die 90er-Jahre-Mountainbikes aus den Kellern wieder zum Vorschein bringt. Und Style ist definitiv ein Thema unter Fahrradfreunden. Am weitesten treiben es dabei die Fixie-Fanatiker.

Fixies, Fahrräder ohne Bremsen, ohne Gänge und ohne Freilauf (man kann also theoretisch rückwärts fahren) gelten als pure Essenz des Fahrraddesigns. Kein Schnickschnack stört. Der Trend kam in den 90er Jahren in den USA unter Fahrradkurieren auf. In Österreich gab es bis vor wenigen Jahren nur eine Handvoll Fixie-Fahrer. Seit heuer boomt das Segment. Auch von der Mode her sind die „Fixer“ oft urbane Styler in Perfektion.

„All Taxidrivers are Bastards“

Aber die verschiedenen Schulen der Fahrradmode überschneiden sich. Groß ist jedenfalls der Trend zu Retro. Fixies sind meist alte Rennräder, die neu gestaltet und umgebaut werden. Viele neue Räder, vor allem Stadträder, orientieren sich an klassischen Raddesigns, wie man sie sonst jahrzehntelang nur in den Niederlanden fabrizierte (das „Hollandrad“) - der Ledersattel darf nicht fehlen. Dazu passt Retromode, alte Fahrradkapperl von Flohmärkten, T-Shirts mit Fahrradaufdrucken.

Nicholas Platzer von der Galerie Inoperable mit seinem Fixie

ORF.at/Simon Hadler

Nicholas Platzer von der Galerie „Inoperable“ mit seinem Fixie.

Vom Fahrradbotenlook inspiriert werden Umhängetaschen getragen. Mittlerweile sind in der Szene auch Tätowierungen, etwa das klassische „Kranzl“, verbreitet. Bike-Punks sind radikaler, bei Ihnen findet man mitunter in Anlehnung an ACAB („All Cops Are Bastards“) den Schriftzug ATAB („All Taxidrivers are Bastards“) auf Stickern, Aufnähern, Badges oder sogar tätowiert.

Die Helden der Szene

Die Trends, von der Mode bis zum Tall-Bike-Basteln, werden nicht selten durch Bike Film Festivals wie jenes in Wien verbreitet. Diese Festivals sind neben diversen Foren im Internet und Fanzines das internationale Bindeglied der Szene. In den Filmen geht es nicht nur um Phänomene wie Bike Gangs oder spektakuläre Stunts. Es werden auch Heroes der Szene abgefeiert, sagt Hager. So etwa Ryan Doyle, der ungeschlagene Held des Tall-Bike-Jousting - einer Art mittelalterlicher Turnierkampf vom Tall-Bike aus - und der Filmer Lucas Brunelle, ganz zu schweigen vom legendären Black Label Bike Club.

Der Kommerz lauert schon

Aber wie jeder anderen Subkultur geht es auch den neuen Fahrradfahrern: Der Kommerz lauert von Anfang an, auf der Suche nach Stoff für die Coolnessproduktion im Massenverkauf. Die Radler kommen in Musikvideos vor, Firmen wie Nike oder Carhartt arbeiten mit der Bike-Kultur, in Flagship-Stores von Modeketten kann man um viel Geld Retro-Radmode kaufen, für Smartphones gibt es ein Black-Label-Bike-Club-Tall-Bike-Spiel.

Mehrfach erwähnt wurde von Radlern im Zuge der Recherchen für diesen Artikel ihr kleiner Schock angesichts der diesjährigen New Yorker Fashion Week. Bike-Polo ist eigentlich die jüngste Funsportart der Radler, mit abgefuckten Bikes und selbst gebastelten Schlägern. Und dort wurden Models, als Bike-Polo-Spieler verkleidet, über den Laufsteg geschickt, samt einer echten Bike-Polo-Show daneben.

Die Masse macht’s

Aber egal ob Mountainbiker, Downhiller, klassischer Rennradler, Freak-Bike-Bastler, Fahrradbote, Hollandrad-Fahrer, Alltagsradler, Fixie-Styler, Tourenrad-Urlauber, Fahrradbote oder Bike-Punk: Je mehr das Fahrrad in das tägliche Leben der Menschen integriert wird, desto weniger CO2 wird in die Umwelt geblasen - und desto eher wird die Politik dem Fahrrad jenen Stellenwert einräumen, den es längst haben sollte: als wichtigstes Fortbewegungsmittel, dem alle anderen untergeordnet werden sollten. Fahrradfahren ist übrigens auch leise - und hält fit.

Johannes Richter von der Bikekitchen hat einen Wunsch an die Politik. Er will keine neuen Radwege, die findet er eher unnötig. Er würde sich aber eine Imagekampagne wünschen, damit sich Autofahrer gegenüber Radfahrern rücksichtsvoller verhalten. Man muss in Wien kein Freak sein, um ständig Aggressionen ausgesetzt zu sein. Mit dem Fahrradboom und dem neuen Coolnessfaktor könnte sich das bessern. Bis dahin hilft nur eines: Fakten schaffen - aufsteigen und radeln. Dafür braucht man nicht einmal viel Geld, wie die Leute in der Bikekitchen beweisen.

Simon Hadler, ORF.at

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