Angst vor Gewalt: Böll-Stiftung sagt Lendvai-Lesung ab

Die deutsche Heinrich-Böll-Stiftung hat eine Veranstaltung mit dem ungarischstämmigen österreichischen Publizisten Paul Lendvai aus Angst vor Gewalttätigkeiten abgesagt.

Wie die Stiftung in einer Aussendung mitteilte, habe man angesichts der „ungeheuer aggressiven Kampagne“ vonseiten „rechtsnationalistischer und antisemitischer Kräfte“ in Ungarn gegen Lendvai und sein neues Buch „Mein verspieltes Land“ nicht mehr für die Sicherheit des 81-jährigen Autors garantieren können.

Lendvai selbst habe die Böll-Stiftung über seine Besorgnis wegen möglicher Demonstrationen und Gewalttaten informiert und um Polizeischutz gebeten, sagte eine Sprecherin der Stiftung. Eine weitere Person aus dem Medienbereich habe ebenfalls auf die „Mobilisierung“ in Ungarn gegen Lendvai aufmerksam gemacht und die Stiftung vor Zwischenfällen gewarnt.

„Schwierige Abwägungsfrage“

Es sei eine „schwierige Abwägungsfrage“ gewesen, sagte die Sprecherin. Letztlich habe man sich aber „schweren Herzens“ entschlossen, die für gestern in Frankfurt am Main geplante Veranstaltung „Vom Schrittmacher zum Krisenherd. Ungarn im Wandel“ abzusagen.

Zuvor war es in Zürich, wo Lendvai sein Mitte Oktober erschienenes Buch präsentiert hatte, zu Demonstrationen gekommen. Anfang Oktober hatte die österreichische Botschaft in Berlin eine Präsentation des Bandes aus Angst vor einer Verschlechterung der Beziehungen mit Ungarn abgesagt.

Die regierungsnahe ungarische Wochenzeitung „Heti Valasz“ bezichtigte zuletzt in ihrer jüngsten Ausgabe den Exilungarn Lendvai, ein „freiwilliger Informant“ des kommunistischen Regimes gewesen zu sein. Der Autor hatte in „Mein verspieltes Land“ die Politik des rechtskonservativen ungarischen Regierungschefs Viktor Orban kritisiert.