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„Werden nicht lange draußen bleiben“

Nach der Erstürmung des von Drogengangs beherrschten Elendsviertels Vila Cruzeiro in Rio de Janeiro haben brasilianische Sicherheitskräfte eine weitere Bandenhochburg abgeriegelt. Hundertschaften von Militär und Polizei belagern die Favela Alemao.

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Die Drogenbanden hätten „nicht die kleinste Chance, diesen Krieg in Alemao zu gewinnen“, erklärte Militärpolizeichef Sergio Duarte am Samstag. Man könne „die Invasion von Alemao jederzeit beginnen. Es ist besser, sie stellen sich jetzt und bringen ihre Waffen, wenn noch Zeit dafür ist. Wenn wir angreifen, wird es schwieriger.“

„Aufgabezone“ festgelegt

Die Militärpolizei legte ein Areal in der Elendssiedlung fest, wo sich Gangmitglieder - mit über den Kopf gehaltenen Waffen - ergeben können. Es gab keine Berichte darüber, dass auch nur ein Einziger der Kriminellen die Möglichkeit wahrgenommen hätte. Die Erstürmung von Alemao schien somit nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Alemao, eigentlich eine Ansammlung aus 15 Favelas, in denen insgesamt 400.000 Menschen leben, gilt als eines der gefährlichsten Slums Rios. Im Einsatz stehen 200 Ordnungskräfte und 800 Fallschirmjäger mit Kampferfahrung aus Einsätzen auf Haiti. Unterstützt werden sie von Panzereinheiten und Kampfhubschraubern. 1.600 Mann stehen zusätzlich zur Verstärkung bereit.

Heftige Schusswechsel

„Lange werden wir nicht draußen bleiben“, warnte Duarte. Verteidigungsminister Nelson Jobim erklärte: „Das ist nicht der Augenblick, um Risiken zu vermeiden, sondern sich ihnen zu stellen.“ In Alemao werden 200 der gefährlichsten Drogenkriminellen von Rio vermutet. Immer wieder wurden die Sicherheitskräfte aus der auf einem Berghang gelegenen Siedlung unter Beschuss genommen.

Militärsprecher Enio Zanan sagte, das Feuer werde zum Schutz von Unbeteiligten nicht erwidert, die Soldaten seien in Konfliktvermeidung geschult. Im Laufe des Samstags kam es jedoch mehrmals zu teils heftigen Schusswechseln. Bei der Erstürmung von Vila Cruzeiro am Donnerstag war eine unbeteiligte 14-Jährige zu Tode gekommen. Insgesamt forderte die Aktion 30 Tote.

Einsatz sinnlos?

Der Einsatz der Sicherheitskräfte ist Teil der Regierungsbemühungen, Rio auch mit Blick auf die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 sicherer zu machen. Anlass für die nunmehrige Offensive war ein Ausbruch von Bandengewalt mit Dutzenden Toten vor einer Woche. 200 Menschen wurden festgenommen, mehr als 96 Busse und Autos wurden während der Auseinandersetzungen in Brand gesteckt.

Ob der Großeinsatz überhaupt etwas bringt, ist allerdings umstritten. Der Einsatz gegen Alemao war nur deshalb nötig geworden, weil mehr oder weniger alle gesuchten Kriminellen dorthin geflüchtet waren, als die Ordnungskräfte in Vila Cruzeiro einmarschierten. Auch nun wird vermutet, dass die meisten Gangmitglieder den Behörden in dem ewigen Katz-und-Maus-Spiel wieder entwischen können.

Das einzig messbare Resultat

Das einzig offensichtliche Resultat der Offensive ist, dass das öffentliche Leben fast vollständig zum Erliegen gekommen ist. Aus Sicherheitsbedenken ließen Linienbusunternehmen ihre Fahrzeuge in den Depots, Post wurde nicht ausgeliefert und Geschäfte blieben geschlossen, da die Angestellten nicht zur Arbeit erschienen. Die Müllabfuhr setzte ihre Arbeit in der Gefahrenzone aus, in vielen Haushalten gab es nach wie vor keinen Strom.

Bei den Gefechten zwischen Polizei und Bandenmitgliedern waren Stromleitungen beschädigt worden. In den meisten Schulen am nördlichen Stadtrand, wo es viele Elendsviertel gibt, fiel der Unterricht aus. Die brasilianische Bahngesellschaft SuperVia zählte am Freitag 10.000 weniger Pendler in ihren Vorortzügen. Auch Bars und Restaurants in der ganzen Stadt blieben leer. Offiziellen Angaben zufolge gab es 60 Prozent weniger Gaststättenbesucher.

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