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Fall wurde nie abgeschlossen

Was wusste Wladimir Putin vom Giftmord an dem russischen Ex-Geheimdienstler Alexander Litwinenko? US-Diplomaten sind sich sicher, dass so ein Vorgang nie an dem „detailverliebten“ damaligen russischen Präsidenten hätte vorbeilaufen können, wie die britische Zeitung „Guardian“ am Donnerstag aus kürzlich veröffentlichten WikiLeaks-Dokumenten zitiert.

Demnach erklärte der ranghohe US-Diplomat Daniel Fried kurz nach der Vergiftung Litwinenkos mit der radioaktiven Substanz Polonium 210, Putin habe von den Plänen wissen müssen. Die Idee, dass einfache Kriminelle hinter dieser Tat stehen könnten, schloss Fried in seiner Stellungnahme aus. Die Russen würden ein „übersteigertes Selbstbewusstsein bis hin zur Arroganz“ an den Tag legen, fügte er in seiner Diplomatendepesche hinzu.

Radioaktives Gift im Tee

Die aufgetauchten Diplomaten-Einschätzungen zu dem Mordfall Litwinenko sind vor allem deshalb so brisant, weil der Fall bis heute nicht geklärt ist und die Beziehungen zwischen Russland und Großbritannien dadurch noch immer belastet sind. Der Ex-Agent lebte damals in London. Im November 2006 traf er sich mit dem früheren Geheimdienstler Andrej Lugowoi und dem Geschäftsmann Dimitri Kowtun in einem Londoner Hotel.

Ex-russischer Geheimdienstler Alexander Litwinenko

APA/EPA/Litvinenko Family Handout

Alexander Litwinenko war jahrelang KGB-Agent. Später wurde er zu einem der größten Putin-Kritiker. Vor seinem Tod soll er brisantes Material zur Zerschlagung des Ölkonzerns Jukos gesammelt haben.

Dort soll ihm das radioaktive Gift Polonium 210 im Tee verabreicht worden sein. Er starb wenig später. Auf dem Totenbett hatte er gesagt, der frühere Geheimdienstchef und damalige Präsident Putin habe ihn vergiftet. Russland wies stets zurück, in das Verbrechen verwickelt gewesen zu sein.

Russland soll Ermittlungen behindert haben

Der „Guardian“ zitierte auch aus einigen Dokumenten des US-Konsulats in Hamburg, denen zufolge Russland die Ermittlungen nach dem Mord blockiert haben soll. Kowtun hatte vor seinem Treffen mit Litwinenko einen Zwischenstopp in Hamburg eingelegt, wo ebenfalls Spuren von Polonium 210 gefunden worden waren. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hatte die Ermittlungen gegen den Geschäftsmann im November 2009 aus Mangel an Beweisen eingestellt.

Die britischen Ermittler hatten immer wieder von Russland die Auslieferung des mutmaßlichen Täters Lugowoi gefordert, was Moskau aber stets ablehnte. Wegen des Streits hatte erst London russische Diplomaten ausgewiesen, dann zog auch Moskau mit dem gleichen Schritt nach. Russland hatte erst zum Jahrestag des Mordes unlängst Vorwürfe zurückgewiesen, das Todesgift stamme aus eigener Produktion.

Litwinenkos Witwe erleichtert

Litwinenkos Witwe Marina zeigte sich erleichtert über die aufgetauchten Dokumente. In einem Schreiben an den „Guardian“-Bericht erklärte sie, dass sie immer sicher gewesen sei, dass es sich bei dem Mord um eine vom Kreml autorisierte Aktion gehandelt haben müsse. „Seit Jahren versuchen wir schon die westlichen Behörden dazu zu bewegen, den Fall meines Mannes als einen staatlich angeordneten Mord zu sehen“, schrieb Litwinenko. „Nun sieht es so aus, als hätten sie es schon die ganze Zeit gewusst.“

Kreml erstaunt über US-Einschätzungen

Putins Pressesprecher Dimitri Peskov erklärte am Donnerstag in einer ersten Reaktion, die US-Diplomaten hätten eine „verdrehte Sicht der Realität“. Damit bezog er sich aber nicht allein auf den Fall Litwinenko, sondern auch auf Einschätzungen des US-Diplomaten, Russland sei ein korrupter Staat. „Die Ignoranz von US-Diplomaten ist oft nicht zu verstehen“, sagte er gegenüber dem TV-Sender BBC. Im russischen Fernsehen fand dieses Thema übrigens keine Erwähnung. Es ging wohl im Freudentaumel über die Auslosung für die Fußball-WM 2018 unter.

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