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Loser im Kampf um Aufmerksamkeit

Das meistgesehene YouTube-Video zum Jahresende zu verkünden, ist schon eine liebgewonnene Tradition geworden. Man kann sich wundern darüber, was für Schwachsinn die anderen so im Netz anschauen und diesen Schwachsinn dann selbst anschauen und über dieselben blöden Witze schmunzeln.

Aber nicht nur lustige Zufallstreffer werden viral. Einige YouTuber sind geniale Selbstvermarkter. Ester Brym hat einen Film „Butterflies“ über sie gedreht. Die Gewinner von YouTube sind also ein gut beackertes Feld.

Aber was ist mit den Losern, deren Videos sich nicht viral verbreiten, weil sie niemand sehen will? Um die kümmert sich die Website zeroviews.biz. Die Betreiber des Blogs posten Videos, die bis zu ihrer Entdeckung keinen einzigen Zugriff hatten. Hämische Kommentare werden gepostet. Nicht selten werden die Videos durch ihre Publikmachung bei zeroviews.biz erst recht viral - oder zumindest ein paar Tausend Mal angeklickt. Schadenfreude und die Lust am Fremdschämen sind schließlich eine großartige Motivation für einen Klick im Netz.

Übergewicht und Weihnachtsmannmütze

Aber der Idee der Website liegt ein Gedankenfehler zugrunde. Wenn ein Video nicht angeklickt wird, heißt das noch lange nicht, dass es schlecht sein muss. Möglich ist, dass jemand uninteressante Schlüsselworte eingegeben und einen langweiligen oder nichtssagenden Titel gewählt hat. Wenn dieser jemand dann über kein privates Netzwerk verfügt, etwa Facebook-Freunde, denen man den Link aufnötigen kann, kommt kein Traffic auf das Video. So kommen die null Klicks zustande.

Zum „Loser“-Kult wird ein Beitrag erst dann, wenn Websites wie zeroviews.biz eine lohnende Verarsche wittern. Dazu eignet sich ein Video wie jenes von Hatchdaddy19 hervorragend. Er ist jung, er ist schwer übergewichtig, covert ein Lied über Weihnachten von einer christlichen Punkrockband und begleitet sich dabei auf der akustischen Gitarre. Was man bei zeroviews.biz sieht, ist das pixelige Foto von Hatchdaddy19, wie er eine Weihnachtsmannmütze trägt. Aber der Scherz funktioniert nur bis zum Klick.

Gebrochene Herzen

Denn, Überraschung: Hatchdaddy19 kann singen, und er interpretiert den Song „I hate Christmas Parties“ von Reliant K. überzeugend und gefühlvoll. Er strahlt Würde aus, fast schon ein bisschen Charisma. Das spiegeln auch die Postings unter dem YouTube-Video wieder. Zwischen Verwunderung und Enttäuschung schreibt einer, der über zeroviews.biz zu dem Clip gelangt ist: „Eigentlich habe ich ein Video gesucht, mit dem ich meine Freunde nerven wollte. Aber Deine Sachen sind ja richtig gut.“ Hatchdaddy spielt sogar gut Gitarre, er lebt seinen Song: „‚Cause it’s a broken heart, you’re giving me.“

Aber der Typ versucht sich nicht zu verkaufen, er lächelt kaum jemals richtig, ja, schaut nicht einmal in die Kamera. Kein Wunder also, dass er in der Aufmerksamkeitsökonomie des Internets gnadenlos untergeht. Das Versprechen vor fünfzehn Jahren lautete: „Jeder kann sich und seine Ideen im Web präsentieren - egalitär, demokratisch.“ Das stimmt auch, aber das Credo der Netzpioniere hat einen Zusatz erhalten: „Nur interessiert es keinen Menschen. Gehört wird, wer am klügsten netzwerkt und die Sprachcodes der digitalen Gesellschaft in Wort und Bild beherrscht.“

Am digitalen Pranger

Wer in der Schule Klassentrottel war, findet mit einiger Wahrscheinlichkeit auch auf Facebook keine Freunde. Onlinemobbing ist weit verbreitet. Böse Kommentare auf Facebook und YouTube sind eher Regel als Ausnahme. Offline gelten dabei zwar dieselben Gesetze wie online. Wenn man Pech hat, gerät man jedoch auf die ganz große Bühne und wird richtig böse verarscht, von Millionen Usern. Antoine Dodson ist das passiert. Er äußerte sich auf aparte Weise wutentbrannt im Fernsehen, nachdem ein Unbekannter versucht hatte, seine Schwester zu vergewaltigen. Aus der seltsamen Tirade wurde der YouTube-Hit 2010. In Interviews freut sich Dodson noch darüber.

Das ist freilich nicht mit den Null-Klick-YouTubern vergleichbar. Für sie gilt: Wer etwas sagt, sollte auch etwas zu sagen haben. Und wer mit Absurdem ein virales Video landen will, muss kreativ sein, zumindest ist die Sache sonst nicht planbar. Ein Jugendlicher etwa, der auf wirklich peinliche Weise einen geistig behinderten Menschen imitiert, stellt sich selbst ins Off. Und macht alles noch schlimmer, wenn er dann unter das Video postet: „Ich weiß gar nicht, was ihr habt. Ich bin dafür bezahlt worden.“ Mhm. Bestimmt.

Roh und menschlich

Die Faszination des Webs macht mitunter nicht aus, dass es das Potenzial zur Rettung der Welt hat, sondern dass es roh ist und menschlich. Man kann in Abgründe blicken, ohne jemandem Face to Face zu begegnen. YouTube ist wie ein Zoo. Den meisten Tieren geht es schlecht, aber die Besucher gaffen trotzdem gerne. Fremdschämen hat etwas Lustvolles, das lässt sich nicht leugnen.

Simon Hadler, ORF.at

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