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Zwischen Qualität und Quantität

Während sich die Wikipedia-Erfinder zu Beginn darum sorgten, dass zu wenige Beiträge Eingang in ihr Enzyklopädieprojekt finden würden, stellte sich Gegenteiliges heraus. Das rasante Artikelwachstum aus den Anfangszeiten bringt heute ganz andere Probleme mit sich, so Kurt Kulac, Mitbegründer und Obmann von Wikimedia Österreich gegenüber ORF.at.

„Unsere größte Herausforderung heute ist, was vor ein paar Jahren als unser größter Segen galt: das starke Artikelwachstum“, so Kulac. In den Anfangszeiten seien vor allem viele, sehr einfache und kurz gehaltene Artikel entstanden, im Stil von „Wien ist die Hauptstadt der Republik Österreich“. Heute habe das Ergänzen dieser „alten Beiträge“ um Detailinformationen Priorität, geht es nach Kulac.

„Unser Ziel ist es, diese noch besser zu machen.“ In vielen Bereichen seien die Beiträge bereits qualitativ sehr hochwertig und am aktuellsten Stand der Wissenschaft, doch vielen Artikeln aus den Anfangszeiten würden die Details fehlen. „Das heißt, wir wollen den Umfang dieser einzelnen Artikel ausbauen und anstatt zehn Sätzen 100 zu einem Thema schreiben.“

Wikipedia feiert seinen zehnten Geburtstag weltweit, auch in einigen österreichischen Städten. Anlässlich des zehnjährigen Bestehens ist auch ein Buch geplant.

3,5 Millionen Beiträge zählt die englischsprachige Wikipedia heute, 1,2 Millionen sind es in der deutschsprachigen Version, die weltweit die zweitgrößte ist. Nach den US-Amerikanern haben die Deutschen die erste – von heute 25 weltweit - nationale Schwesterorganisation gegründet. „Deshalb ist sie so dominant“, erklärte Kulac.

2008: Wikimedia Österreich entsteht

Im Mai 2008 habe sich schließlich auch in Österreich eine Gruppe von etwa zehn Wikipedia-Autoren gefunden und beschlossen, sich selbst zu organisieren. Der Österreich-Ableger des Wikipedia-Fördervereins Wikimedia wurde gegründet. Unter den Gründern war auch der Grazer Rechtsanwaltsanwärter Kulac. Er wurde erst vergangenen November als Obmann von Wikimedia Österreich wiedergewählt.

Gekannt habe sich die Gruppe von persönlichen Treffen, aber auch aus dem Internet, so Kulac. Ihr gemeinsames Ziel: das Projekt mit der Schnittstellenfunktion des Vereins zu den Usern zu unterstützen und vor allem auch Spenden zu akquirieren. Das scheint auch gut zu gelingen: beim aktuellen Spendenaufruf, der im November 2010 startete, konnte Wikimedia Österreich 88.000 Dollar (rund 66.000 Euro) beitragen. Im Durchschnitt seien es etwa zehn Euro pro Person gewesen.

Mit wenig Mitteln viel erreichen

Etwa 70 Prozent der Einnahmen gehen an die Foundation erklärte Kulac, 30 Prozent würden im jeweiligen Land verbleiben. Damit würden zu einem sehr geringen Teil die Kosten für die Verwaltung, etwa Büromaterial, gedeckt. Der Großteil gehe an nationale Projekte, wie etwa das Literaturstipendium, welches Wikimedia Österreich an Autoren mit Literatur mit Österreich-Bezug vergebe.

„2010 war das erste Jahr, wo Wikipedia mehr Hardware zur Verfügung stand, als es notwendig hatte“, erläuterte Kulac. Während die Site früher ständig mit dem „Hamstersterben“, also Ausfällen aufgrund überlasteter Server, zu kämpfen hatte, habe sich dieses Phänomen im vergangenen Jahr auf gerade zwei Vorfälle reduziert, so Kulac.

Das Projekt habe derzeit 300 Server weltweit laufen, „das ist dafür, dass wir eine der Top-Sieben-Websites weltweit sind, sehr wenig“, meinte Kulac. 300 Millionen Abfragen gebe es täglich zu bewältigen, damit könne sich Wikipedia mit Google & Co. messen, wobei das Projekt wesentlich weniger Geld zur Verfügung habe.

Software zur Qualitätssicherung

„Die deutschsprachige Wikipedia wird als eine der besten dargestellt“, meinte Kulac. Grund seien die Regeln, die in diesem Sprachraum strenger sein sollen, als sonst üblich. Etwa 300 Administratoren gebe es in diesem Sprachraum, 15 bis 20 davon seien aus Österreich, schätzt Kulac. Bis dato würden Autoren freiwillig Themengebiete beobachten und über neue Einträge in ihrer Beobachtungsliste informiert. Damit werde jedoch auch die Arbeit mehrmals parallel gemacht.

In Österreich arbeiten die Wikipedianer derzeit an einer Software, die sämtliche Veränderungen auf der deutschsprachigen Site registrieren und managen soll. Damit müsse die Sichtung oder Kontrolle von Neueinträgen nicht von vielen verschiedenen Autoren gleichzeitig getätigt werden, sondern könne von der ersten Person getätigt und als erledigt markiert werden. Derzeit befindet sich die Software noch in der Testphase, bis 2012 soll sie voll einsatzbereit sein, schätzt Kulac.

Mehr Unterstützung vom Staat

Wie viele Beiträge mit „Österreich-Bezug“ es unter den 1,2 Millionen deutschsprachigen Beiträgen gebe, kann der Obmann nicht genau sagen. „Aber alles, was Rang und Namen hat, bis in die dritte Generation hinein, ist zu finden.“ Darunter etwa alle 2.400 österreichischen Gemeinden sowie nahezu sämtliche Nationalrats- und Landtagsabgeordneten, die es hierzulande je gab. Grob geschätzt seien es alleine etwa 7.000 bis 9.000 politische und dezidiert österreichische Artikel, so Kulac.

„Ein künftiger Meilenstein“ wäre für Kulac, wenn es mehr Akzeptanz seitens der „öffentlichen Stellen“ gebe. „Man wird von der öffentlichen Hand genutzt, so gibt es bereits zahlreiche Höchstgerichte, die auf Wikipedia verweisen“, jedoch gebe es keine Unterstützung für das Projekt. Als Beispiel nennt Kulac gescheiterte Gespräche mit der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) über gemeinfreie digitalisierte Medien.

Wikipedia habe kein Geld herzugeben und habe etwas geschenkt gewollt. „Das ist gescheitert am grundsätzlichen österreichischen Denken“, bedauerte Kulac. Kurz nach Beendigung der Gespräche sei bekanntgeworden, dass die ÖNB gemeinsam mit Google zahlreiche gemeinfreie Bücher digitalisiere.

Wikipedia weiß schon viel

Zu der stagnierenden oder gar sinkenden Anzahl an Wikipedia-Autoren - etwas, das immer wieder in den Medien auftaucht - sagte Kulac, dies habe damit zu tun, dass bereits „sehr viel geschrieben wurde. Die meisten Autoren fanden ihren Einstieg damit, dass sie über ihre Heimatgemeinde geschrieben haben.“ Mittlerweile gebe es bereits jede österreichische Gemeinde in Wikipedia.

Auch Kulac selbst, der Grazer hat sich auf Biologiethemen spezialisiert, merkt diese Grenzen persönlich. „Mittlerweile muss ich mir drei bis vier Fachbücher ausborgen, um über etwas schreiben bzw. ergänzen zu können. Das heißt, die Schnittmenge wird immer kleiner.“ Überprüfen ließe sich das, indem zufällige Wikipedia-Artikel aufgerufen würden. „Über die meisten Themen würden die Leute gar nichts wissen“, wettet Kulac.

Claudia Glechner, ORF.at

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