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Täter mit „geistigen Problemen“

Der Schütze von Arizona, der am Samstag vor einem Supermarkt in Tucson US-Abgeordnete Gabrielle Giffords bei einer Fragestunde mit der Politikerin mit einem Kopfschuss aus nächster Nähe schwerst verletzt und sechs Menschen getötet hat, hat vermutlich nicht allein gehandelt. Es wird nach einem Mann „in den Fünfzigern“ gefahndet.

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Wie der zuständige Sheriff Clarence Dupnik Samstagabend (Ortszeit) mitteilte, suchen die Behörden nach dem möglichen Komplizen, der mit dem Schützen zum Tatort gekommen sei, aber keine Schüsse abgegeben habe. Dupnik sagte vor Journalisten weiter, dass die 40-jährige demokratische Kongressabgeordnete Giffords eindeutig das Ziel des Anschlags gewesen sei.

Neunjährige stirbt

Nach Angaben des Sheriffs schoss der Täter, der als der 22-jährige Jared Lee L. identifiziert wurde, aus einer halbautomatischen Pistole. Unter den Toten ist aber neben einem neunjährigen Mädchen, das am 11. September 2001 geboren wurde, auch ein Bundesrichter aus Arizona. 13 Personen wurden laut Dupnik verletzt.

Nach Angaben der Ärzte verbesserte sich der Zustand der Verletzten. Giffords Zustand bleibt weiterhin kritisch. Die Ärzte geben sich aber „vorsichtig optimistisch“. Sie konnte bereits auf einfache Weise mit den Ärzten kommunizieren.

Nach Angaben des Sheriffs hätte die Opferbilanz des politisch motivierten Amoklaufs zudem noch weit dramatischer ausfallen können: Überwältigt wurde der Täter demnach von zwei zufällig anwesenden „mutigen Personen“. Angeblich wurde auch der Täter selbst unbestimmten Grades verletzt.

Rettjngskräfte versorgen Opfer des Attentats in Arizona

Reuters

Verdächtiges Paket kein Sprengsatz

Nach der Schießerei hatten die Behörden auch ein verdächtiges Päckchen unter der Post in Giffords’ Büro entdeckt. Entgegen ersten Vermutungen hatte es sich dabei nicht um einen Sprengsatz gehandelt. Das Paket habe „einer Kaffeedose geähnelt“ und eine nicht näher bezeichnete verdächtige „Beschriftung“ getragen, gaben sich die Behörden zu dem Fund wortkarg.

Auch sonst wollen die Behörden vorerst nichts Näheres über den Fall bekanntgeben. Der Täter selbst schweigt angeblich in den Polizeiverhören. Giffords könnte das Attentat laut jüngsten Aussagen überleben, die Ärzte geben allerdings zu bedenken, dass es sich um eine „verheerende Wunde“ handle. L. schoss ihr aus etwa einem Meter Entfernung in den Kopf. Die Ärzte sprachen von einem glatten Kopfdurchschuss. Die Kugel sei wieder ausgetreten.

Spuren im Internet hinterlassen

Dupnik bestätigte, dass der Schütze „geistige Probleme“, einen „kriminellen Hintergrund“ und eine „problematische Vergangenheit“ habe. Einzelheiten wollte er nicht mitteilen, nur, dass es Probleme während seiner College-Zeit und von seiner Seite auch Morddrohungen gegeben habe, allerdings nicht gegen die Abgeordnete. Auch im Internet hinterließ L. offenbar entsprechende Spuren.

Auf der mittlerweile entfernten „MySpace“-Seite des Täters verabschiedete er sich offenbar vor dem Anschlag bei seinen Freunden: „Auf Wiedersehen, meine Freunde“, soll er sich auf „MySpace“ verabschiedet haben. Und: „Bitte seid mir nicht böse.“ Die Seite wurde mittlerweile entfernt. Außerdem existieren YouTube-Videos mit krausen Verschwörungstheorien, die L. zugeschrieben werden. Wie weiter bekanntwurde, hatte er sich in der Vergangenheit beim Militär beworben, war aber abgewiesen worden. In der Schule sei er ein Einzelgänger gewesen, so Dupnik.

Im Internet soll er über die US-Regierung gewettert und die hohe Analphabetenrate im Kongressbezirk der Abgeordneten Giffords angeprangert haben.

Von Palin als „Ziel“ ausgerufen

Tatsache ist jedoch, dass es sich nicht nur um die Tat eines verwirrten Einzelnen handelte, sondern dass es geradezu nur eine Frage der Zeit war, bis die politische Auseinandersetzung in Arizona gewalttätig wird. Giffords’ Haus war bereits Ziel von Vandalismus gewesen, bei einer ihrer letzten öffentlichen Auftritte war ein Mann mit einer Waffe aufgetaucht. Immer wieder gab es konkrete Drohungen gegen Giffords.

Die Zuspitzung des Konflikts lag daran, dass Arizona ein Gebiet ist, in dem die ultrakonservative republikanische „Tea-Party“-Bewegung zuletzt nur knapp gegen Giffords den Kürzeren gezogen hatte. Mit ihrem kompromisslosen Eintreten für die Gesundheitsreform von US-Präsident Barack Obama hatte sie sich - so die „Tea-Party“-Galionsfigur Sarah Palin noch vor kurzem wörtlich - zum „Ziel“ gemacht.

„Mekka des Hasses“

Als wäre die politische Brandstiftung damit noch nicht schlimm genug, hatte Palin bis zuletzt auf ihrer Website ein Bild der Karte von Arizona, über die ein Fadenkreuz gelegt war. Das Bild wurde unmittelbar nach dem Attentat entfernt und Palin erklärte auf ihrer „Facebook“-Webpräsenz ihre Anteilnahme mit den Opfern und deren Angehörigen. Auch Dupnik sprach von einem hassvollen Klima in Arizona, das instabile Menschen beeinflussen könne. Wörtlich sagte er: „Wir sind zu einem Mekka des Hasses und der Vorurteile geworden.“

Als Reaktion auf das Attentat verschiebt das US-Repräsentantenhaus nun alle für kommende Woche angesetzten Abstimmungen. Darunter ist auch ein republikanischer Gesetzesentwurf, der die US-Gesundheitsreform rückgängig machen würde.

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