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Mit dem Bus und zu Fuß

Wegen der Unruhen aus dem von Gewalt und Chaos erschütterten Libyen fliehen Tausende Menschen in die Nachbarländer Ägypten und Tunesien. Teils sind die Grenzübergänge bereits in der Hand der Oppositionellen, wie Medien berichteten.

Die EU befürchtet nun einen Flüchtlingsansturm. Am ägyptisch-libyschen Grenzübergang Sollum trafen ununterbrochen neue Konvois mit Ägyptern ein, die den Landweg zur Flucht nutzten. Aber auch Libyer nahmen teilweise kilometerlange Fußmärsche durch Sand und Hitze in Kauf, um Schutz in Ägypten zu suchen.

Die ägyptische Armee hatte zuvor mitgeteilt, die Grenze zu Libyen sei für jeden geöffnet, der aus dem Nachbarland fliehen wolle. Rund 20.000 Menschen sollen allein in der letzten Nacht die Grenze bei Sallum passiert haben. Die ägyptischen Behörden reagierten auf den Ansturm laut al-Jazeera mit Kontrollen zumindest auf der ägyptischen Seite der Grenze, so der TV-Sender. Nach Libyen würden die Soldaten nur noch medizinische Versorgung durchlassen.

Zur Unterstützung der knapp 1,5 Millionen Ägypter, die vor Beginn der blutigen Unruhen in Libyen lebten, schickte Kairo am Dienstag auch mehrere Sonderflüge - sowohl Passagiermaschinen der Egyptair als auch Transportflugzeuge der Luftwaffe.

Alle Häfen geschlossen

Wegen der Unruhen wurden bereits sämtliche Häfen des Landes geschlossen. Sie seien „vorübergehend geschlossen“, teilte die französische Großreederei CMA CGM am Mittwoch in Paris mit. Die Schließung der Häfen könnte auch die Ausreise von Tausenden Ausländern behindern: Die Türkei versucht derzeit, rund 25.000 Landsleute auf dem Seeweg in Sicherheit zu bringen, nachdem sie am Montag für ein Flugzeug keine Landeerlaubnis bekommen hatte. Auch Griechenland charterte ein Schiff, um seine Staatsbürger aus Libyen herauszuholen; mehrere asiatische Länder wie China und Indien haben ebenfalls Tausende Gastarbeiter dort.

Frattini warnt: 300.000 Flüchtlinge

Angesichts der dramatischen Entwicklungen befürchtet die italienische Regierung einen Massenansturm von Flüchtlingen in Richtung Süditalien. „Wir wissen, was auf uns zukommt, wenn das libysche System zusammenbricht: eine Welle von 300.000 Migranten. Und das sind noch vorsichtige Schätzungen“, sagte Außenminister Franco Frattini in einem Interview mit der Mailänder Tageszeitung „Corriere della Sera“ (Mittwoch-Ausgabe). Schon nach dem Sturz des Regimes in Tunesien landeten innerhalb weniger Tage mehr als 5.000 Flüchtlinge auf Lampedusa. Würde die Grenzsicherung in Libyen zusammenbrechen, könnte das nur das Vorspiel eines Dammbruchs gewesen sein, so die Befürchtung in Rom.

Flüchtlinge an lybisch-ägyptischer Grenze

AP/Hussein Malla

Menschen auf der Flucht nach Ägypten

„Wenn die libysche Regierung zusammenbricht, bleiben zweieinhalb Millionen Menschen ohne Arbeit zurück und werden flüchten. Natürlich werden nicht alle nach Italien fliehen, Griechenland ist näher, doch wir müssen uns auf einen biblischen Exodus vorbereiten. Das ist ein Problem, das kein Italiener unterschätzen kann“, sagte Frattini.

Al-Gaddafi als „Wachhund“ der EU

Ein möglicher Sturz des Machthabers Muammar al-Gaddafi wird in Teilen der Europäischen Union mit gemischten Gefühlen gesehen. Denn Libyen ist für afrikanische Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa ein wichtiges Durchgangsland. Und bisher hat Al-Gaddafi den „Wachhund“ vor der Tür Europas gespielt. Wenn Libyen seine Küsten nicht mehr kontrolliere, stehe Europa „eine Welle illegal Einwandernder bevor, die es weder aufhalten noch stoppen können wird“, sagte ein EU-Diplomat.

Über Libyen versuchen jährlich geschätzt zwei Millionen Menschen, nach Europa zu gelangen. Die Küste des Landes ist 2.000 Kilometer lang, mit sechs Nachbarstaaten teilt Libyen außerdem Grenzen von rund 4.000 Kilometer Länge. Die Außengrenzen sind schwer zu kontrollieren. Viele Flüchtlinge hoffen daher, dass sie über Libyen ins Mittelmeer und schließlich nach Europa gelangen.

UNHCR: Flüchtlinge aufnehmen

Das UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) appelliert angesichts der blutigen Unruhen in Libyen an die Weltgemeinschaft, Flüchtlinge aufzunehmen. „Alle Staaten müssen die Bedürfnisse der Menschen anerkennen, die gezielter Gewalt, Bedrohung und anderen Menschenrechtsverletzungen in Libyen zu entkommen versuchen“, sagte eine UNHCR-Sprecherin am Dienstag in Genf. Das Hilfswerk selbst hat nach eigenen Angaben derzeit keinen Zugang zu Flüchtlingen in dem Land.

Flüchtlinge an lybisch-ägyptischer Grenze

AP/Hussein Malla

Die Flüchtlinge sehen einer ungewissen Zukunft entgegen.

Ausländer werden ausgeflogen

Unterdessen fliehen Tausende Ausländer angesichts der zunehmenden Gewalt mit Unterstützung ihrer jeweiligen Regierungen aus Libyen. Passagierflugzeuge, Militärmaschinen und Schiffe nahmen am Dienstag und am Mittwoch aus allen Richtungen Kurs auf das Land, um möglichst viele Ausländer vor der Gewalt in Sicherheit zu bringen.

Länder, denen das nicht möglich ist, rufen zumindest die libyschen Behörden zu Vernunft auf oder empfehlen ihren Landsleuten, möglichst rasch auf dem Landweg auszureisen. Österreichische Konzerne wie OMV, STRABAG und Porr haben ihre Mitarbeiter bereits ausfliegen lassen.

Spindelegger: 20 Österreicher warten auf Ausreise

In Libyen befinden sich nach Angaben des Außenministeriums noch rund 70 ausreisewillige Österreicher. Nachdem die AUA ihre Flüge bis Sonntag vorerst eingestellt hat, wird versucht, den 30 Ausreisewilligen in Tripolis die Ausreise über den Landweg zu ermöglichen. Für die 40 bis 45 Österreicher in anderen Landesregionen wird eine Evakuierung über den Seeweg versucht. Rund 15 Österreicher wollten im Land bleiben.

Laut Außenamt habe die Botschaft in Tripolis die Österreicher über die Ausflugmöglichkeit informiert, aber geraten, nur zu versuchen, den Flughafen zu erreichen, wenn das die Sicherheitslage zulasse. Weitere Evakuierungswege waren bereits geplant.

Zuvor hatte Außenminister Michael Spindelegger (ÖVP) von nur mehr 20 ausreisewilligen Österreichern gesprochen und eine Ausreise über den Landweg vorgeschlagen. Während Österreich schon den „Großteil“ seiner Staatsbürger in Sicherheit bringen habe können, stünden andere Staaten diesbezüglich vor größeren Problemen. Deutschland und Frankreich würden sich bisher vergebens um Anlegegenehmigungen für Schiffe bemühen, berichtete Spindelegger. „Das ist alles Wahnsinn“, übte Spindelegger scharfe Kritik an den Handlungen des Regimes.

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