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Immer mehr „befreite“ Städte

Der libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi steht mit dem Rücken zur Wand. Nach Diplomaten, Regierungsmitgliedern und Soldaten wenden sich auch immer mehr Stämme von dem seit über 40 Jahren regierenden Herrscher ab. Al-Gaddafi, der nicht kampflos aufgeben will, soll sich am Mittwoch mit vier Brigaden in einem Stützpunkt in Tripolis verschanzt haben.

Während sich Al-Gaddafi an der Macht festkrallt, wird in Teilen des Landes schon gejubelt. Die Bewohner mehrerer Städte im Osten Libyens feierten am Mittwoch die „Befreiung“ ihrer Region. Augenzeugen berichteten, in den östlichen Städten Bengasi und Tobruk seien die Vertreter der Staatsmacht entweder verschwunden oder hätten sich den Aufständischen angeschlossen.

Kaum mehr Städte unter Kontrolle Al-Gaddafis

In Bengasi trafen indes erste westliche Journalisten ein. Ein „Guardian“-Reporter verglich eine zerstörte Militärbasis in der Stadt mit einem „Schlachthaus“. Die Hafenstadt mit 700.000 Einwohnern wird nun von „Volkskomitees“ geleitet.

Nach einem Bericht der libyschen Zeitung „Kurina“ sollte ein Kampfflugzeug Bengasi bombardieren. Die Besatzung habe aber den Befehl verweigert und sich mit Schleudersitzen in Sicherheit gebracht, berichtete das Blatt unter Berufung auf Militärkreise. Das Flugzeug sei abgestürzt.

Auch viele Städte rund um Tripolis, darunter Slitan und Misrata, sind indes in den Händen der Aufständischen. Klar vom Regime kontrolliert werden noch Al-Gaddafis Geburtsstadt Surte, Sabha im Zentrum Libyens und eben Tripolis.

Gespenstische Stille in Tripolis

In der Hauptstadt, die anscheinend noch unter der Kontrolle der Al-Gaddafi-Gefolgsleute steht, war es am Mittwoch gespenstisch ruhig. Sonst volle Straßen waren leer. „Viele Menschen in Tripolis haben Angst, ihre Häuser zu verlassen“, sagte ein Augenzeuge. Bewaffnete Anhänger von Al-Gaddafi würden umherziehen und alle bedrohen, die sich in Gruppen zusammenstellten. Allerdings folgten auch nicht viele der Aufforderung Al-Gaddafis, sich zu einer Massendemonstration im Stadtzentrum einzufinden, um Solidarität mit seiner Regierung zu bekunden. Auf dem Grünen Platz in Tripolis kamen nur etwa 150 Leute zusammen.

Al-Gaddafis Sohn: „Alles normal“

Das Regime Al-Gaddafis zeigt sich indes weiter uneinsichtig. „Das Leben läuft normal, die Häfen, Schulen und Flughäfen sind alle offen. Das Problem liegt nur in den Regionen im Osten“, sagte Sohn Said al-Islam dem libyschen Staatsfernsehen.

Sein Bruder, der ehemalige Profifußballer Al-Saadi deutete gegenüber den „Financial Times“ politische Veränderungen an, sein Vater werde auch aber in Zukunft eine wichtige Rolle im Land spielen, egal wie es dann regiert wird.

Es sei „frisches Blut“ an der Spitze für Reformen nötig, sagte er wörtlich. Sein Bruder Saif al-Islam würde gerade an einer neuen Verfassung arbeiten und demnächst etwas dazu verlautbaren, meinte Al-Saadi. In 85 Prozent des Landes sei es „sehr ruhig" und sehr sicher“. Das Militär sei noch immer sehr stark und die Lage im Osten werde sich „früher oder später" beruhigen“.

Erste Fluchtversuche des Al-Gaddafi-Clans

Nach blutigen Kämpfen mit bis zu 1.000 Toten, wie es in Berichten am Mittwoch hieß, rechnet Italien mit einem Exodus Zehntausender Migranten aus Libyen. Tausende Europäer, Amerikaner und Asiaten flüchten aus Libyen. Ganze Konvois reisen Richtung Osten, um die Grenze nach Ägypten zu überqueren.

Einzelne Mitglieder des Clans wollten sich laut Medienmeldungen bereits ins Ausland absetzen. Die libanesischen Flugbehörden weigerten sich am Dienstag, eine Landegenehmigung für eine Maschine aus Libyen in Beirut zu erteilen, nachdem Libyen die Identität der Insassen nicht preisgeben wollte. Die Behörden in Beirut sollen daraufhin den Piloten aufgefordert haben, seine Maschine in ein angrenzendes Land zu fliegen, entweder Syrien oder Zypern.

Am Mittwoch verweigerte Malta einem Flugzeug der libyschen Fluggesellschaft „Libyan Arab Airlines“ die Landeerlaubnis und verstärkte den Airport mit Soldaten. Die Behörden des kleinsten EU-Staats dementierten Gerüchte, wonach sich die Tochter Al-Gaddafis an Bord befunden haben soll.

Lockerbie-Anschlag von „Al-Gaddafi befohlen“

Libysche Politiker, die die Seite gewechselt haben, erheben indes schwere Vorwürfe gegen Al-Gaddafi: Der zurückgetretene Justizminister Mustafa Abdel Dschalil behauptete, Al-Gaddafi persönlich habe das Attentat von Lockerbie im Jahr 1988 angeordnet. „Ich kann beweisen, dass Al-Gaddafi den Befehl für Lockerbie gegeben hat“, sagte er der schwedischen Zeitung „Expressen“ am Mittwoch.

Bei dem Anschlag auf ein US-Linienflugzeug über dem schottischen Lockerbie waren im Dezember 1988 insgesamt 270 Menschen getötet worden, die meisten von ihnen waren US-Bürger. Der als einziger Attentäter des Anschlags verurteilte krebskranke Libyer Abdelbasset Ali Mohammed al-Megrahi war im August 2009 von der schottischen Regionalregierung wegen seines Gesundheitszustands begnadigt worden.

„Zu allem fähig“

Der ehemalige Botschafter Libyens bei der Arabischen Liga in Kairo, Abdulmoneim al-Honi sagte in einem Interview der Zeitung „Al-Hayat“ (Mittwoch), der Sturz des Regimes von Al-Gaddafi sei nur noch eine Frage von Tagen. Er rechne dennoch mit weiterem Blutvergießen, „denn dieser Mann ist zu allem fähig“.

Der von Al-Gaddafi für tot erklärte Ex-Innenminister Abdulfattah Junis schloss sich den Aufständischen an. In einem Telefoninterview des Senders al-Arabija sagte er, ein Anhänger Al-Gaddafis habe versucht, ihn zu erschießen. Er sei nun kein Minister mehr, sondern ein Soldat im Dienste des Volkes.

Stämme verweigern Gefolgschaft

Die Oppositionswebsite Libya al-Youm meldete, Ahmed Gaddaf al-Dam, ein Verwandter Al-Gaddafis, habe in Ägypten versucht, den Volksstamm der Awlad Ali mit Geld für den Kampf gegen die Aufständischen zu ködern. Der inzwischen vor allem an der ägyptischen Mittelmeer-Küste und in der Oase Fajjum beheimatete Stamm, der seine Wurzeln in Libyen hat, soll dieses Ansinnen jedoch abgelehnt haben. Die wichtigsten Stämme des Landes, allen voran die Warfalla, haben Al-Gaddafi die Gefolgschaft aufgekündigt.

Appell der UNO

Die wüsten Drohungen Al-Gaddafis gegen das eigene Volk bei seiner Rede am Dienstag alarmierten die Staatengemeinschaft. Die Vereinten Nationen riefen Al-Gaddafi auf, die Gewalt sofort zu stoppen. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon, der Al-Gaddafi bei einem 40 Minuten langen Telefonat ins Gewissen redete, sagte, einige der Ereignisse in Libyen „scheinen klare Verstöße gegen das Internationale Recht und die Menschenrechte zu sein“. Die Gewalt gegen Zivilisten dürfe nicht ungestraft bleiben.

Libyens UNO-Vizebotschafter Ibrahim Dabbaschi, der sich tags zuvor von Al-Gaddafi losgesagt hatte, sprach im UNO-Sicherheitsrat von einem „beginnenden Völkermord“. Der Machthaber setze auch Söldner „aus vielen afrikanischen Ländern“ ein. Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn sprach unverhohlen von Genozid. „Was in Libyen geschieht, ist Völkermord in höchster Potenz“, sagte Asselborn im Deutschlandfunk.

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