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Schwierige Lage für USA

Der jemenitische Präsident Ali Abdullah Saleh will nicht weichen. Doch Saleh hat nun einen vernichtenden Rückschlag erlitten: Sein eigener Stamm hat ihm die Gefolgschaft aufgekündigt und ihn zum Rücktritt aufgefordert.

„Wir begrüßen mit allem Respekt die Position des Volkes auf dem Platz (der Universität von Sanaa, Anm.)“, sagte Scheich Sadik al-Ahmar, der Chef von Salehs Haschid-Stamm, in einer gemeinsamen Erklärung mit anderen Stammesführern und religiösen Führern des Landes.

Laut Angaben von Beobachtern hat Saleh damit den letzten Rückhalt mit Ausnahme des Militärs verloren. Der Jemen-Experte Ibrahim Sharqieh vom Brookings Doha Center sieht nun zwei Szenarien: Entweder Saleh tritt zurück, oder er geht noch blutiger gegen die Demonstranten vor. „Wir reden hier von einer Entwicklung des Konflikts, in der es entweder zur Aufgabe Salehs kommt oder einem sehr ernsthaften Zusammenstoß zwischen beiden Seiten.“ Sharqieh rief die USA auf, Saleh zu einem geordneten Übergang zu drängen.

Wichtiger General desertiert

Am Montag kehrte zudem der hochrangige General Ali Mohsen al-Ahmar, eine der wichtigsten Stützen des Regimes, Saleh den Rücken. „Wir erklären unsere friedliche Unterstützung für die friedliche Revolution der Jugend“, sagte Mohsen in einer von al-Jazeera verbreiteten Erklärung. Er werde seine Pflicht bei der Sicherung und Stabilisierung der Hauptstadt Sanaa erfüllen. Der General, der in den vergangenen Jahren mehrere Offensiven gegen die schiitischen Huthi-Rebellen im Nordwesten des Jemen befehligt hatte, soll gute Kontakte zum Herrscherhaus des Nachbarlandes Saudi-Arabien haben.

Darüber hinaus entschied eine Gruppe von 60 Offizieren aus der Provinz Hadramut im Südosten des Landes, sich den Protesten anzuschließen, wie General Nasser Ali Schuaibi erklärte. Zudem hätten sich 50 Beamte des Innenministeriums entschlossen, die Revolution der Jugendlichen zu unterstützen, sagte Schuaibi.

Regierung entlassen

Saleh entließ zudem die gesamte Regierung, nachdem drei Minister sowie mehrere Diplomaten und Parlamentarier seiner Partei aus Protest gegen seine Politik der eisernen Faust ihren Rücktritt eingereicht hatten.

Die staatliche Nachrichtenagentur Saba meldete, die Minister sollten aber noch die Amtsgeschäfte führen, bis ihre Nachfolger gefunden seien. Unabhängige Beobachter gehen nicht davon aus, dass Saleh mit der Entlassung der Regierung von Ministerpräsident Ali Mohammed Megawer seinen Kopf noch aus der Schlinge ziehen kann. Denn die Proteste, die durch den Einsatz von Gewalt gegen die Demonstranten eskaliert waren, richten sich in erster Linie gegen den seit 1978 regierenden Präsidenten selbst.

„USA dürfen den Jemen nicht verlieren“

„Die USA können es sich nicht leisten, den Jemen zu verlieren“, betonte Sharqieh. In dem Land ist die Terrorgruppe Al-Kaida aktiv. Sie beschränkt ihre Tätigkeit dabei nicht auf die Region, sondern entsandte etwa auch einen Selbstmordattentäter, der es beinahe geschafft hätte, ein Flugzeug, das in die USA unterwegs war, mit in die Unterhose eingenähtem Sprengstoff in die Luft zu jagen.

Das verarmte Nachbarland Saudi-Arabiens wird seit Wochen von Protesten gegen die Herrschaft Salehs erschüttert. Scharfschützen in Zivil hatten am Freitag in der Hauptstadt Sanaa von Dächern aus auf Demonstranten geschossen und 52 Menschen getötet. Saleh, der nach dem Blutbad den Ausnahmezustand verhängte, hatte zwar dementiert, dass sie im Auftrag der Regierung handelten. Die Opposition ist jedoch fest vom Gegenteil überzeugt.

Sorge vor Zerfall des Landes

Auch am Wochenende hatten sich in Sanaa wieder Zehntausende Regimegegner versammelt, um den Rücktritt des Staatschefs zu fordern. Am Sonntag folgten große Menschenmengen dem Trauerzug zum Gedenken an die Opfer des Blutbads vom Freitag.

Experten warnen vor einem Zerfall des Staates. Sie sagen dem Jemen eine ähnliche Entwicklung wie in Somalia voraus. Schon jetzt hat die Staatsmacht in vielen ländlichen Gegenden die Kontrolle verloren. Viele Jemeniten haben Waffen zu Hause. Das Land ist einer der wichtigsten Rückzugsorte für Terroristen des Al-Kaida-Netzwerks.

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