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„Stunden, vielleicht Tage“ bis zum Sturz

Der monatelange Machtkampf in dem westafrikanischen Staat Elfenbeinküste (Cote d’Ivoire) steht offenbar vor einer Entscheidung. In der Nacht auf Freitag lieferten einander Anhänger des im November gewählten Präsidenten Alassane Ouattara und Gefolgsleute des abgewählten Präsidenten Laurent Gbagbo Gefechte, berichteten Augenzeugen.

Truppen von Ouattara hätten in der Wirtschaftsmetropole Abidjan die Residenz von Gbagbo angegriffen, sagte ein Sprecher Ouattaras dem US-Nachrichtensender CNN Freitagfrüh. Ein AFP-Reporter berichtete von Gefechten mit schweren Waffen in der Nähe des Präsidentenpalastes im Stadtteil Plateau. Das staatliche Fernsehen sei unter Kontrolle. Tags davor hatten die Streitkräfte bereits die Hauptstadt Yamoussoukro eingenommen. Ouattaras Sprecher Patrick Achi sagte CNN, es werde nur noch „Stunden, vielleicht Tage“ dauern, bis Gbagbo stürzen werde. Die Armee will nicht für Gbagbo kämpfen.

Der Botschafter der Elfenbeinküste in Frankreich, Ally Coulibaly, sagte gegenüber dem französischen TV-Sender BFM, die Streitkräfte Ouattaras hätten Abidjan umzingelt. „Es geht jetzt darum, ein Blutbad zu vermeiden“, sagte Coulibaly. Gbagbo, der Jugendliche bewaffnet habe, müsse sich schleunigst ergeben.

Schwedische UNO-Mitarbeiterin getötet

Bei den Kämpfen wurde offenbar auch eine schwedische Mitarbeiterin der Vereinten Nationen getötet. Wie das schwedische Außenministerium am Freitag in Stockholm mitteilte, wurde die rund 30-jährige Frau in der Nacht auf Freitag von einer möglicherweise fehlgeleiteten Kugel getroffen und getötet. Sie war demnach in ihrem Haus in der Metropole Abidjan, als sie erschossen wurde. Das Ministerium gab keine weiteren Details bekannt.

„Scheint Palast verlassen zu haben“

Gbagbo selbst sei jedoch möglicherweise bereits untergetaucht, sagte der französische Botschafter in Abidjan, Jean-Marc Simon, am Freitag dem Sender France-Info. In seiner Residenz sei er jedenfalls nicht, denn die sei in der Nachbarschaft der Botschafterresidenz. „Gbagbo scheint in der Nacht den Präsidentenpalast verlassen zu haben“, berichtete die Zeitung „Le Monde“ am Freitag online. Sein Aufenthaltsort sei unbekannt. Eine Flucht ins Ausland wäre nur schwer möglich, da Ouattara die Grenzen hatte schließen lassen.

Großteil der Sicherheitskräfte desertiert?

Alain Leroy von der UNO-Mission in der Elfenbeinküste (UNOCI) sagte dem französischen Fernsehsender France 24, seiner Einschätzung nach hätten die meisten Sicherheitskräfte Gbagbo im Stich gelassen. Der Chef der UNOCI, Choi Young Jin, sagte dem Sender France Info, Gbagbo könne nur noch auf die Republikanische Garde und seine Spezialeinheiten zählen. 50.000 Polizisten und Gendarmen seien desertiert.

Gbagbo weigert sich trotz der Wahlniederlage im November 2010, die Macht dem international anerkannten Wahlsieger Ouattara zu übergeben. Gbagbo geht dabei seit Monaten mit Waffengewalt gegen seine Widersacher vor und attackiert auch immer wieder die mittlerweile etwa 10.000 UNO-Friedenssoldaten im Land.

Gbagbo ließ Ultimatum verstreichen

Ungeachtet des Vormarsches der Truppen Ouattaras ließ Gbagbo am Donnerstagabend ein Ultimatum verstreichen. Ouattaras Regierungschef Guillaume Soro forderte, bis 21.00 Uhr müsse Gbagbo zurückzutreten: „Andernfalls werden wir ihn leider dort holen, wo er sich befindet“, sagte Soro AFP am Telefon.

Flüchtlinge warten auf Ausreise

Reuters/Luc Gnago

Amnesty International warnt vor einer „humanitären Katastrophe“.

Gbagbo müsse sich ergeben, „damit ein Blutbad verhindert“ werde. Wenn er zurücktrete, sei es gut, wenn nicht, werde er „der internationalen Justiz überstellt“. Gbagbos Vertrauter Alain Toussaint sagte France 24, Gbagbo werde nicht zurücktreten und sich auch nicht einigen Rebellen ergeben.

Grenzen geschlossen

Ouattaras Anhänger hatten zuvor den weltweit größten Kakaoexporthafen San Pedro eingenommen. Die Regierung Ouattaras ordnete die Schließung aller Land-, Luft- und Seegrenzen des Landes an, wie CNN berichtete. Außerdem wurde eine nächtliche Ausgangssperre über Abidjan verhängt. Die im Land stationierten UNO-Truppen übernahmen die Kontrolle über den Flughafen Abidjans, der größten Stadt des Landes.

Eine Korrespondentin des TV-Senders BFM berichtete am Donnerstag, dass in Abidjan französische Soldaten patrouillierten. Sie seien an strategischen Punkten der Stadt positioniert. Der französische Generalstab in Paris gab dazu zunächst keine Stellungnahme ab.

Ouattara ruft zu Gewaltverzicht auf

Auch Ouattara rief die Armee in einer Fernsehansprache auf, die Waffen niederzulegen und einen Bürgerkrieg zu vermeiden. Die Republikanischen Truppen (FRCI) hätten Abidjan erreicht, ein weiteres Blutvergießen sei sinnlos. „Ich rufe Sie auf, sich Ihrem Land zur Verfügung zu stellen und zur Legalität zurückzukehren“, sagte Ouattara im Fernsehsender TCI, der von seiner Partei RHDP kontrolliert wird.

Fast eine Million auf der Flucht

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International warnte vor einer „humanitären Katastrophe“ in Abidjan. „Die Konfliktparteien müssen sofort damit aufhören, die Zivilbevölkerung ins Visier zu nehmen“, forderte die Organisation. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen haben die Kämpfe zwischen den Anhängern von Gbagbo und Ouattara bisher etwa 500 Todesopfer gefordert. Etwa eine Million Menschen seien auf der Flucht.

USA: Gbagbo wird zur Rechenschaft gezogen

Die US-Regierung warnte Gbagbo vor den Konsequenzen seiner Uneinsichtigkeit. Gbagbo werde für alles, was in Abidjan geschehe, zur Rechenschaft gezogen, wenn er nicht zurücktrete. Noch habe er die Gelegenheit dazu, sagte der Abteilungsleiter für Afrika im US-Außenamt, Johnnie Carson. Auch die Südafrikanische Entwicklungsgemeinschaft (SADC) forderte bei ihrem Gipfel in Sambia Gbagbo zum Rücktritt und zur Anerkennung des Wahlergebnisses auf.

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