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Im Namen Gottes gegen Homosexuelle

Sie säen Hass, beschimpfen die USA, Soldaten und Homosexuelle und machen selbst vor Prominenten nicht halt. Die Mitglieder der Westboro-Baptistenkirche sorgen seit Jahren mit ihren Demonstrationen bei Beerdigungen für Entsetzen. Doch die meistgehasste Familie Amerikas zahlt dafür auch einen hohen Preis.

Bei über 600 Militärbegräbnissen im ganzen Staat tauchten sie schon auf - mit ihren bunten Tafeln und ihren bizarren Sprüchen wie „Gott hasst Amerika“, „Soldaten sind Schwuchteln“, „Schwuchteln kommen in die Hölle“. Sie riefen unter den Trauernden Leid, Verständnislosigkeit und vor allem Zorn hervor. 43 US-Bundesstaaten erließen bereits Verbotszonen gegen die Hassprediger, doch nicht einmal das Höchstgericht konnte sie bisher stoppen.

Ein Mitglied der Westboro Baptistenkirche hält Schilder mit der Aufschrift "Thank God for dead Soldiers" und "God hates your tears".

AP/Christopher Berkey

Mitglieder der Westboro-Baptistenkirche bei einer ihrer Mahnwachen.

40.000 Mahnwachen in 500 Städten

Kopf der sektenartigen Gemeinschaft ist Fred Phelps. Seit Jahren führt der mittlerweile über 80-Jährige mit seinen 13 Kindern und rund 60 Enkeln und Urenkeln einen regelrechten Kreuzzug gegen Homosexuelle, US-Soldaten und Aids-Kranke. Bis zu sechs Mahnwachen werden täglich abgehalten, an Sonntagen sind es doppelt so viele. Über 40.000 Demonstrationen in 50 US-Staaten und über 500 Städten will die Gemeinschaft nach eigenen Angaben bis 2009 bereits abgehalten haben.

Dabei werden selbst weite Anfahrtswege nicht gescheut. Bis zu 200.000 Dollar an Reisekosten bezahlt die Kirche jedes Jahr. Die Orte für diese Mahnwachen sind vielfältig: Meist versammeln sie sich vor Kirchen, Behörden und Friedhöfen. Auch Geschäfte gerieten schon ins Visier der Kirche.

Mit Schildern Beerdigung gestört

In ihrer Heimatstadt Topeka im Bundesstaat Kansas ist die streitbare Familie Phelps seit Anfang der 90er Jahre bestens bekannt. Sie gewannen bereits eine ganze Reihe an Prozessen gegen die Stadt und die Region Shawnee Countey, die bisher erfolglos versucht hatte, die Mahnwachen zu verbieten. Über die Stadtgrenzen hinaus bekannt wurde die Familie 1998, als sie die Beerdigung des jungen Studenten Matthew Shepard störten.

Shepard wurde gefoltert und getötet, weil er homosexuell war. Phelps und seine Familie erschienen auf der Trauerfeier mit Schildern, auf denen stand: „Shepard, verrotte in der Hölle!“

Millionenklage eingereicht

2006 überspannte die Westboro-Baptistenkirche dann den Bogen. Als sie auf einer Beerdigung des getöteten Marine-Soldaten Matthew Snyder mit „Danke Gott für tote Soldaten“-Schildern auftauchten und US-Soldaten als „Schwuchteln“ beschimpften, reichte Snyders Vater Albert Klage ein. In erster Instanz wurde die Kirche zu einem Bußgeld von elf Millionen Dollar verurteilt.

Fred Phelps (Leiter der Westboro Baptistenkirche)

AP/Charlie Riedel

Der 82-jährige Fred Phelps führt ein strenges Regiment in seiner Kirche.

Unterstützt wurde Snyder von Vertretern aus 48 US-Bundesstaaten, 42 Senatoren und zahlreichen Veteranengruppen. Doch Phelps widerrief, und das Urteil ging vor das Höchstgericht. Damit wurde die Familie mit einem Schlag international bekannt. Auch der BBC-Dokumentarfilmer Louis Theroux wurde auf den Phelps-Clan aufmerksam. 2007 besuchte er die Familie für drei Wochen und drehte den vielbeachteten Film „Die meistgehasste Familie Amerikas“.

Leben zwischen Hass und Gehorsam

Seine Aufnahmen zeigen auf der einen Seite eine fanatische Sekte, die von ihrem Oberhaupt - liebevoll Gramps (Opa) genannt - einer ständigen Gehirnwäsche unterzogen wird. Diskussionen sind ebenso wenig erlaubt wie Kritik. Die Familie ist streng hierarchisch organisiert, Platz für eigene Ideen gibt es nicht. Selbst die Jüngsten müssen mit zu den Mahnwachen. Theroux wurde auch Zeuge, als eines der Kinder von wutentbrannten Passanten angegriffen wurde.

Doch während die Botschaften, die die Kirche nach außen trägt, voller Hass und Zorn sind, ist das Verhältnis der Familienmitglieder untereinander sehr liebevoll und fürsorglich. Freundschaften nach außen gibt es keine, selbst die Kinder wachsen völlig isoliert von ihren Mitschülern und Altersgenossen auf.

Auftritt bei Jackson-Beerdigung

Doch selbst die unerwartete Berühmtheit und die drohende Millionenklage schreckte die Mitglieder nicht davon ab, weiterhin bei Beerdigungen aufzutauchen. 2009 sangen sie auf dem Begräbnis von Michael Jackson „God hates the World“, im selben Jahr tauchten sie bei verschiedenen Holocaust-Mahnmalen mit Schildern auf, auf denen „Juden töteten Jesus“ stand.

Als sie im Jänner 2011 ankündigten, auch auf dem Begräbnis der neunjährigen Christina Green erscheinen zu wollen, die bei der Schießerei in Tucson ums Leben kam, formierte sich so heftiger Widerstand in der Bevölkerung, dass die Westboro-Baptistenkirche diesen Plan wieder aufgeben musste.

Wandel innerhalb der Kirche

Auch wenn sich nach außen hin trotz des massiven Widerstands gegen die Kirche scheinbar nichts an der Sturheit und Verbohrtheit der einzelnen Mitglieder geändert hat, findet hinter den Kulissen offenbar doch ein leiser Wandel statt. So erfuhr Theroux, dass offenbar einige Familienmitglieder, die er in seiner Dokumentation interviewt hat, aus der Gemeinschaft ausgetreten sind. Er entschied sich daher für einen zweiten Besuch.

Übersiedlung nach Israel

Er fand die Familie in einem Zustand völliger Überdrehtheit vor. Die weltweite Berühmtheit ließ auch die frommen Gläubigen nicht kalt. Und ein neuer Plan ist innerhalb der Kirche entstanden: Man werde den Fall vor dem Obersten Gerichtshof gewinnen, wurde Theroux erklärt. Daraufhin werde der Clan aber gezwungen sein, Amerika zu verlassen. Man werde nach Jerusalem übersiedeln und 144.000 Juden zum Christentum bekehren. Und dann würde Jesus wieder auf der Erde erscheinen.

Angesprochen auf die große Zahl an „Abtrünnigen“, auch aus dem engsten Familienkreis, zeigte man sich betont gelassen. Auch das sei nur ein weiteres Zeichen für die baldige Rückkehr von Jesus Christus, erfuhr Theroux. Denn schon die Bibel würde einen „Sensenschlag unter den Gläubigen“ am letzten der letzten Tage beschreiben, wie ihm Steve Drain, ein Mitglied der Kirche, versicherte. Doch er wisse, wie sehr die Eltern unter dem Austritt ihrer Kinder leiden, schreibt Theroux in seinem Artikel auf BBC Online.

Klage vom Höchstgericht abgewiesen

Zumindest eine der Vorhersagen ist bereits eingetreten. Am 11. März entschied das Höchstgericht, dass die Demonstrationen der Westboro-Baptistenkirche vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt sind. Die Klage von Snyder auf Entschädigung wurde abgewiesen. Im Gegenteil, er muss der Kirche sogar Prozesskosten von 100.000 Dollar erstatten. Jetzt bleibt nur abzuwarten, ob die Familie tatsächlich nach Israel umzieht.

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