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Dichter, Spötter, Märtyrer

Vor den Scouts und Goldgräbern des Wilden Westens dozierte er über die englische Renaissance, vor Lords und Ladies trieb er seinen Spott mit der englischen Oberschicht. Immer lauschte das Publikum gebannt. Der große, korpulente Herr mit dem schulterlangen, welligen Haar, Frackjackett, Samthosen und Schnallenschuhen war der Star seiner Zeit - bis zum tiefen Fall.

Am 16. Oktober 1854 wurde Oscar Wilde in Dublin geboren. Sein schriftstellerisches Talent hatte Wilde von der Mutter geerbt, die deutsche Literatur übersetzte. Als Student in Oxford war er dafür bekannt, einen dreibändigen Roman in einer halben Stunde überfliegen und anschließend die Handlung wiedergeben zu können. In London wurde er schnell zum Liebling der Salons. Der Dichter William Butler Yeats sagte über ihn: „Ich habe noch nie zuvor einen Menschen in so vollkommenen Sätzen sprechen hören, als ob er alle des Nachts geschrieben hätte, doch wirkten sie ganz spontan.“

Außer seinem Genie „nichts zu verzollen“

Kurz nachdem 1881 seine erste Gedichtsammlung erschienen war, unternahm Wilde eine ausgedehnte Vortragsreise durch die USA. Bei der Einreise gab der Erzähler und Dramatiker sein wohl bekanntestes Bonmot von sich: „Ich habe nichts zu verzollen außer meinem Genie.“

1884 heiratete er, doch schon nach zwei Jahren wusch er sich vor Ekel nach jedem Kuss den Mund. 1891 kam es zur schicksalhaften Begegnung mit Bosie, dem 20 Jahre alten Lord Alfred Douglas, einem „Mann von außergewöhnlicher Schönheit“, aber verwöhnt, egoistisch und rachsüchtig.

Doppelleben in London

Bald führte Wilde ein Doppelleben: Er war der Mittelpunkt der Londoner Gesellschaft und gefeierter Bühnenautor. In schneller Folge schrieb er nun seine großen Werke wie den Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“, die Gesellschaftssatire „Das Gespenst von Canterville“ und vor allem die erfolgreichen Gesellschaftskomödien mit geschliffenen Dialogen und geistreichem Witz. Nachts aber suchte er mit Bosie erotische Abenteuer in Bordellen oder ließ sich Strichjungen auf sein Hotelzimmer kommen.

Am 14. Februar 1895 erlebte der extravagante Autor mit der umjubelten Premiere seines Meisterwerks „The Importance of Being Earnest“ den Höhepunkt seines schwindelerregenden Aufstiegs. Gut drei Monate später saß er im Gefängnis. Bosies Vater, der Marquess of Queensberry, hatte Wilde der Homosexualität bezichtigt. Obwohl ihn seine Freunde eindringlich warnten, verklagte Wilde auf Drängen Bosies dessen Vater wegen Verleumdung. Der Prozess kehrte sich rasch gegen ihn: Queensberry wies ihm Kontakte mit männlichen Prostituierten nach, so dass ihn der Richter wegen „unsittlicher Handlungen“ zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurteilen konnte.

Körperliche Überanstrengung im Gefängnis

In Sträflingsuniform und mit Handschellen stand Wilde auf einem Bahnsteig und wurde von einer johlenden Menge verspottet und angespuckt. Im Zuchthaus musste er jeden Tag sechs Stunden in die Tretmühle. Als er 1897 entlassen wurde, sagte der Gefängnisdirektor: „Wie alle Männer, die körperliche Arbeit nicht gewohnt sind und eine solche Strafe bekommen, wird er in zwei Jahren tot sein.“ Es wurden drei.

Diese Zeit verbrachte Wilde unter falschem Namen im Exil. Frau und Kinder sah er nie wieder, auch Bosie zog sich zurück. Das Einzige, was er noch schrieb, war die „Ballade vom Zuchthaus zu Reading“, in der er die Zustände in englischen Gefängnissen anprangerte. Am 30. November 1900 starb er mit 46 Jahren in Paris.

In England totgeschwiegen, in Deutschland gefeiert

Die meisten englischen Zeitungen verschwiegen seinen Tod. Seine Stücke wurden nirgends auf der Insel mehr gespielt, seine Bücher nicht mehr verlegt. Es war Deutschland, das ihn wiederentdeckte: In den ersten 33 Jahren nach seinem Tod bis zum Beginn der NS-Diktatur wurden seine Werke dort 250-mal aufgelegt, öfter als die irgendeines anderen englischsprachigen Autors. Heute ist nicht nur sein literarischer Rang unbestritten, er ist auch Märtyrer und Ikone der Homosexuellen.

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