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DNA-Probe bestätigt Identität

Der seit Jahren wegen Völkermordes und anderer Kriegsverbrechen in Bosnien-Herzegowina gesuchte einstige Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic, ist in Serbien festgenommen worden. Der serbische Präsident Boris Tadic bestätigte Donnerstagmittag eine Meldung des Belgrader Senders B92.

Bei einer Pressekonferenz in Belgrad sagte Tadic, die Identität des im Norden des Landes unter dem Namen Milorad Komadic festgenommenen Mannes sei zweifelsfrei festgestellt. B92 meldete, die Festnahme sei in dem Dorf Lazarevo bei Zrenjanin erfolgt. Das Dorf mit etwa 3.500 Einwohnern befindet sich etwa zwölf Kilometer östlich der Vojvodina-Stadt Zrenjanin. In der Region leben viele Familien aus Bosnien-Herzegowina und Montenegro, die dort nach dem Zweiten Weltkrieg angesiedelt worden waren.

Tadic: Schwierigen Abschnitt abschließen

Der Bürgermeister von Lazarevo, Radmilo Stanisic, zeigte sich überrascht. Er habe nicht gewusst, um wen es sich bei dem Festgenommenen handeln sollte, sagte Stanisic B92. Dass es dabei um Mladic gehe, habe er erst später bei einem Treffen in der zwölf Kilometer entfernten Stadt Zrenjanin erfahren. Stanisic bestätigte, dass er in den Morgenstunden von der polizeilichen Durchsuchung von drei Häusern in seinem Dorf erfahren habe, eines im engsten Zentrum der Ortschaft. In welchem Haus genau sich Mladic versteckte, konnte er nicht sagen.

Nach Darstellung der größten serbischen Zeitung „Blic“ wurde Mladic am Donnerstag um 9.00 Uhr im Haus eines Verwandten verhaftet. Polizei und Geheimdienst hätten die Operation bereits um 6.00 Uhr begonnen, teilte der Bürgermeister der Gemeinde mit.

Mit der Festnahme Mladics sei erneut bestätigt worden, dass Serbien mit allen Mitteln nach dem flüchtigen Haager Angeklagten gefahndet habe, um diesen „schwierigen Abschnitt“ in der Geschichte Serbiens abzuschließen, so Tadic. Die Verantwortlichen für die jahrelange Flucht von Mladic würden gesucht und gefunden, kündigte Tadic an. Noch unter dem Mandat dieser Regierung (also bis Frühjahr nächsten Jahres, Anm.) müssten die wichtigsten Kriminellen mit ihrer Verhaftung rechnen.

TV: Mladic auf dem Weg nach Den Haag

Mladic war wenige Stunden nach seiner Festnahme am Donnerstag bereits im Flugzeug auf dem Weg nach Den Haag. Das berichtete das serbische Staatsfernsehen. Das UNO-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien begrüßte die Verhaftung. „Mit Mladics Festnahme hat Serbien eine seiner internationalen Verpflichtungen erfüllt“, sagte der Chefankläger des Tribunals, Serge Brammertz, am Donnerstag während eines Besuchs in Kroatien telefonisch.

Die Ermittler des UNO-Kriegsverbrechertribunals hatten Belgrad in der Vergangenheit immer wieder kritisiert, nicht genug für eine Festnahme von Mladic und anderen flüchtigen Kriegsverbrechern zu unternehmen. In einem am Donnerstag bekanntgewordenen Bericht heißt es, die Anstrengungen Serbiens seien „unzureichend“. Das untergrabe die „Glaubwürdigkeit und die Stärke“ des Engagements Belgrads, vollständig mit dem Tribunal zu kooperieren.

„Offene Türen“ für EU-Beitritt?

Die wiederholt geforderte Festnahme von Mladic galt als eines der größten Hindernisse bei den Bemühungen Belgrads um eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Entsprechend stellte Tadic klar, dass Belgrad nun als Gegenleistung für die Verhaftung von Mladic einen zügigen EU-Beitritt erwarte. „Ich hoffe, dass jetzt die Türen offen stehen“, sagte der Präsident.

EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Durao Barroso begrüßte die Verhaftung Mladics. „Das ist ein wichtiger Schritt nach vorne für Serbien und die internationale Justiz“, sagte Barroso am Donnerstag am Rande des G-8-Gipfels in Deauville dem britischen Sender BBC. „Die Verhaftung Mladics ist ein gutes Signal in Richtung der EU und Serbiens Nachbarn“, sagte Barroso. Er habe bei einem Besuch in Serbien in der vergangenen Woche die europäische Perspektive des Landes bekräftigt.

Außenminister Michael Spindelegger (ÖVP) sieht nach der Verhaftung den Status Serbiens als EU-Beitrittskandidat „in greifbare Nähe“ gerückt. „Serbien hat damit eine schwere Hypothek auf seinem Weg in die EU beseitigt“, so der Vizekanzler am Donnerstagnachmittag in einer Aussendung.

Auch Fall Hadzic auf der Agenda

Tadic drückte seine Überzeugung aus, dass auch der Fall des flüchtigen früheren politischen Chefs der kroatischen Serben, Goran Hadzic, gelöst werde. Größere Proteste nach der Festnahme von Mladic erwartet Tadic nicht, auch wenn die jüngsten Meinungsumfragen gezeigt hätten, dass sich die Serben ihr mehrheitlich widersetzten. Er befürchte nicht, dass Serbien wegen der Einhaltung internationaler Verpflichtungen in politische Instabilität verfalle. Serbien habe mit der Festnahme Mladics sein Ansehen und seine Glaubwürdigkeit in der internationalen Staatengemeinschaft erhöht.

16 Jahre auf der Flucht

Der seit 1995 untergetauchte frühere Kommandeur der bosnischen Serben wurde vom UNO-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien gesucht. Dort ist er wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnien-Krieges (1992 bis 1995) angeklagt. Das Tribunal in Den Haag legt ihm vor allem die 44-monatige Belagerung Sarajevos mit rund 10.000 Toten und das Massaker von Srebrenica mit etwa 8.000 Toten zur Last. Mladics ehemaliger Vorgesetzter, Serben-Führer Radovan Karadzic, wurde bereits 2008 gefasst und steht seitdem vor dem UNO-Tribunal in Den Haag.

NATO: Gerechtigkeit kann ihren Lauf nehmen

Großbritanniens Außenminister William Hague bezeichnete die Festnahme als „historischen Moment“. NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen begrüßte die Verhaftung. Mladic habe „eine Schlüsselrolle in einigen der dunkelsten Kapitel der Geschichte des Balkans und Europas gespielt“, hieß es in einer am Donnerstag in Brüssel veröffentlichten Erklärung Rasmussens. Dazu gehörten die Belagerung Sarajevos und das Massaker von Tausenden Bosniern in Srebrenica. 16 Jahre nach der Anklage gegen ihn „bietet seine Verhaftung endlich eine Chance dafür, dass die Gerechtigkeit ihren Lauf nimmt“.

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