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Immer mehr Kinder betroffen

Gerade einmal zwei Seiten lang ist der Fachartikel vom 5. Juni 1981. Er erschien im wöchentlichen Erkrankungs- und Sterbereport des US-Zentrums für Krankheitskontrolle und Vorbeugung (CDC). Darin beschreiben Michael Gottlieb von der medizinischen Fakultät der Universität von Kalifornien in Los Angeles und seine Kollegen fünf junge homosexuelle Männer.

Sie litten an einer extrem seltenen Lungenentzündung. Sie wurden in drei Krankenhäusern der Stadt behandelt. Zwei der Patienten waren beim Erscheinen des Reports bereits tot. Noch wusste niemand, dass ein bisher unbekanntes Virus die Ursache war.

Die Literaturstelle „MMWR, 30(21); 1-3“ („Morbidity and Mortality Weekly Report“, Band 30, Nr. 21, Seiten 1 bis 3) ist der erste wissenschaftliche Bericht über die unheilbare Immunschwäche. Weil unter Forschern das Datum der Publikation gilt, ist der 5. Juni 2011 damit so etwas wie der 30. Jahrestag von Aids - ein trauriges Datum. Auf den Menschen übergegangen war der Erreger allerdings bereits Jahrzehnte zuvor. Inzwischen infizierte das Virus mehr als 60 Millionen Menschen, berichten die Vereinten Nationen (UNO), mehr als 25 Millionen Patienten starben in der Folge. Derzeit infizieren sich täglich etwa 7.000 Menschen neu, darunter 1.000 Kinder.

Hoffnung nur in reichen Ländern

In den reichen Ländern nehmen teure Pillen der Immunkrankheit einen Teil ihres Schreckens, weil sie die Vermehrung des Virus im Körper über lange Zeit bremsen. Damit gelangt Aids bei den Wohlhabenden in die Nähe einer chronischen Krankheit. In den armen Ländern sterben aber viele Menschen, weil Geld oder Pillen oder beides fehlen.

Immerhin: Zwischen den Jahren 2001 und 2009 sank die Rate neuer HIV-Infektionen in 33 Ländern um mindestens ein Viertel, berichtet das Aids-Programm der Vereinten Nationen (UNAIDS). Mehr als sechs Millionen Menschen in Ländern mit geringem oder mittlerem Einkommen bekamen Ende 2010 eine Aids-Therapie.

„Außergewöhnliche Herausforderung“

Anders als gegen Masern oder Röteln kann man Menschen derzeit nicht gegen HIV impfen. Die Erbsubstanz von HIV verändert sich im Laufe einer Infektion sehr schnell. Damit kursieren im Blut viele leicht unterschiedliche Erreger. Das Immunsystem muss sich gegen diese Vielfalt wehren. Mit dieser Aufgabe ist es überfordert. Gleichzeitig vermehrt sich HIV ausgerechnet in jenen Immunzellen, die Abwehr koordinieren sollen. Diese Zellen kommen dabei um. Die meisten Infizierten sterben schließlich an Tuberkulose.

„Die Entwicklung eines Impfstoffes gegen HIV stellt eine außergewöhnliche Herausforderung dar“, schreibt ein Team um den obersten US-Infektionsforscher Anthony Fauci von den National Institutes of Health in Bethesda. Und die Gruppe ergänzte kürzlich im Journal „Science Translational Medicine“, dass die in den vergangenen zwölf Jahren unternommenen vier großen Impfstoffversuche immerhin „einige Einsichten in den Immunschutz“ gebracht hätten. Demnach scheine es nach wie vor möglich zu sein, eines Tages zu einem Impfschutz zu kommen. Der Prozess sei „schmerzhaft langsam“.

„Training“ für Immunsystem

Viele Mediziner versprechen sich Fortschritte von neuartigen Impfstoffen, zu denen es erste Studien gibt. Unter anderem sollen die Gedächtniszellen des Immunsystems einige Proteine von HIV „kennenlernen“, damit der Körper bei einer Infektion sofort losschlagen kann. Es gibt Hinweise aus Studien mit Menschen und an Affen, dass ein solches „Training“ funktionieren kann.

Ansonsten konzentriert sich der Kampf gegen HIV eher an anderen Fronten. 2010 hatte sich nach 20 Jahren Forschung zum ersten Mal ein Vaginalgel als bedingt wirksames Mittel gegen eine HIV-Ansteckung gezeigt. Dieses „chemische Kondom“, dem ein Aids-Mittel beigemischt ist, wird vor dem Sex in die Scheide gespritzt. In einer südafrikanischen Pilotstudie mit rund 900 Frauen sank dadurch das Ansteckungsrisiko mit HIV um knapp 40 Prozent.

Viele Versäumnisse

Die sozialen Ursachen der weltweiten Ausbreitung von HIV sind weitgehend bekannt. Viele ließen sich leicht abstellen. Drogenabhängige könnten mit sterilen Nadeln versorgt werden. Neugeborene ließen sich bei der Geburt vor einer Ansteckung durch die infizierte Mutter bewahren. In ihren Rechten gestärkte Mädchen und Frauen wären weniger abhängig von infizierten Freiern oder anderen Männern, die sie zu ungeschütztem Sex zwingen. Offener Umgang und ehrliche Aufklärung würden die Stigmatisierung im Zusammenhang mit Aids bremsen. Das alles - und vieles mehr - sind soziale und politische Aufgaben, keine der langwierigen medizinischen Grundlagenforschung.

Thilo Resenhoeft, dpa

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