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Rolle Österreichs bleibt offen

Innerhalb weniger Stunden wurden in der Nacht auf den 12. Juni 1961 in Südtirol Dutzende Strommasten in die Luft gejagt. Zwar hatte sich bereits zuvor eine Eskalation der Lage in Südtirol abgezeichnet - durch Anschläge auf ein Duce-Reiterstandbild und eine Finanzkaserne. Von der „Feuernacht“ wurde aber nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die italienische Staatsmacht weitgehend überrascht.

Mit einem Schlag geriet die Südtirol-Problematik in Italien ins Rampenlicht. Auch international richtete sich der Blick auf den neuen Brandherd mitten im Europa der Nachkriegszeit.

Einer der in der Feuernacht gesprengten Strommasten

ORF/Pammerfilm/Verlagsarchiv Tyrolia/G. Alberti

Ein während der „Feuernacht“ gesprengter Strommast

Italien reagierte mit Härte auf die Vorgänge in seiner nördlichsten Provinz: Zehntausende Soldaten und Polizisten wurden zum Anti-Terror-Einsatz nach Südtirol verlegt. Weit über hundert Aktivisten des für die Anschlagsserie verantwortlichen Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) wurden verhaftet, Dutzende in den Gefängnissen gefoltert, wobei mehrere starben.

Die folgenden Jahre waren von zunehmender Radikalisierung auf beiden Seiten geprägt. Auf Anschläge folgten Gegenanschläge, wobei auch das anfängliche Credo, keine Menschenleben zu gefährden, zunehmend aus dem Blickfeld geriet. Ungeachtet dessen, dass Südtirols Bombenjahre auch einen langen Schatten über das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen Österreich und Italien legten, liefen die diplomatischen Bestrebungen zur Konfliktlösung auf Hochtouren.

Langer Weg bis zur Autonomie

Noch im selben Jahr brachte Österreich die Causa erneut vor die UNO, nachdem die Vereinten Nationen im Jahr zuvor - offenbar vergeblich - versucht hatten, Italien per Resolution zur Umsetzung der 1948 zugesicherten Autonomie zu zwingen. 1971 folgte nach mühsamen Verhandlungen die Einigung auf ein zweites Autonomiestatut, das als Paket die Grundlage der heutigen Südtiroler Autonomie bildet. Obwohl seit 1972 in Kraft, wurde das Gesetzeswerk erst 1992 vollständig umgesetzt und Österreichs Klage von der UNO zurückgezogen.

Freiheitskampf vs. Terror

Ähnlich zäh gestalteten sich die historische Aufarbeitung der mittlerweile ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Ereignisse und deren unmittelbare Folgen. Vom Autor der Jubiläumsneuauflage, Hans Karl Peterlini, als „Initialzündung“ bezeichnet, gilt „Feuernacht. Südtirols Bombenjahre“ aus dem Jahr 1992 als eine der ersten breitenwirksamen Publikationen zur Thematik und bis heute als ein Standardwerk. Mit Blick auf die im Juni erschienene und umfangreich aktualisierte „neue ‚Feuernacht‘“ wird allerdings deutlich, dass das Thema weiterhin kaum an Brisanz verloren hat.

Buchhinweise

  • Hans Karl Peterlini: Feuernacht. Südtirols Bombenjahre, Edition Raetia, 512 Seiten, 48,40 Euro.
  • Birgit Mosser-Schuöcker, Gerhard Jelinek: Herz Jesu Feuernacht, Tyrolia Verlag, 240 Seiten, 24,95 Euro.
  • Rolf Steininger: Südtirol zwischen Diplomatie und Terror 1947-1969, Athesia Verlag, 2.540 Seiten, 112,99 Euro.

Zentraler Streitpunkt bleibt die Frage, welche Rolle die Bomben bei der Umsetzung der Autonomie spielten. Entgegen der weitläufigen Meinung, dass es ohne die „Bumser“ heute keine Autonomie gebe, sorgte der Historiker Rolf Steininger bereits 1999 für einen „Anschlag auf den Mythos Feuernacht“ (Südtiroler Wochenzeitung „ff“ vom 21.10.1999, Anm.). Grund dafür war die in seinem Monumentalwerk „Südtirol zwischen Diplomatie und Terror 1947-1969“ veröffentlichte These, dass die von Italien bis heute als Terroristen bezeichneten Bombenleger dem Land weit mehr geschadet als genützt haben.

Während das offizielle Südtirol offen von Freiheitskämpfern spricht, gestand auch Landeshauptmann Luis Durnwalder ein, dass das Kapitel „Feuernacht“ noch „entsprechend aufgearbeitet werden muss“. Dennoch zeigte er sich Ende Mai im ORF-„Report“ überzeugt, dass die Anschläge die Autonomieverhandlungen durchaus beschleunigt haben. Die Meinung, dass man die Autonomie den Attentaten zu verdanken habe, teile er allerdings nicht.

„Nicht wegen ein paar Masten wehleidig sein“

Ähnlich kryptisch erweist sich auch der Zugang Österreichs. Geht es nach dem früheren österreichischen Staatssekretär Ludwig Steiner (ÖVP), könne zwar nicht geleugnet werden, dass man es mit Terrorakten zu tun habe. „Die innere Einstellung“ der Täter sei aber „nicht verbrecherisch“ gewesen, wie Steiner in dem ebenfalls im Juni erschienen Buch „Herz Jesu Feuernacht“ zitiert wird.

Für Aufsehen sorgen darin aber nicht zuletzt Spekulationen über eine mögliche Mitwisserschaft höchster politischer Kreise. Selbst der damalige Außenminister und spätere Kanzler Bruno Kreisky (SPÖ), der nach Ansicht von Historikern schon frühzeitig auf den wachsenden Extremismus unter den Südtirol-Aktivisten aufmerksam gemacht wurde, soll unter vorgehaltener Hand bemerkt haben, dass man „wegen ein paar Masten und ein paar Brücken (...) nicht wehleidig sein“ werde.

Peter Prantner, ORF.at

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