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Schwester als Trumpf

Seit Jahren ist Thailand, eine der beliebtesten asiatischen Urlaubsdestinationen, politisch und sozial tief gespalten. Spätestens seitdem der damalige, bei der Landbevölkerung des Nordens besonders beliebte Premier Thaksin Shinawatra zunächst entmachtet und 2006 wegen Korruption verurteilt wurde, läuft ein tiefer Graben durch das Land.

Auf der einen Seite, die eng mit Armee und Königshaus verbundene wirtschaftliche Elite, die überwiegend in Bangkok angesiedelt ist, auf der anderen Seite die meist ärmliche Landbevölkerung: Zwischen März und Mai 2010 entluden sich die Spannungen in einer wochenlangen Belagerung des Geschäftsviertels von Bangkok, bei der es wiederholt zu blutigen Auseinandersetzungen der „Rothemden“ genannten Thaksin-Unterstützer und den Sicherheitskräften kam. Schließlich beendete die Regierung die Revolte, die das Land an den Rand eines Bürgerkriegs brachte, gewaltsam.

Thailands Premierminister Abhisit Vejjajiva

Reuters/Sukree Sukplang

Der abgewählte Premier Vejjajiva repräsentiert das Bangkoker Establishment

Worum es bei der Wahl geht

Die Parlamentswahl galt nun als Voraussetzung für eine Rückkehr zu Stabilität nach fünf Jahren politischer Turbulenzen. Im Vorfeld war jedoch befürchtet worden, dass der Urnengang ebenso zu einer Verlängerung der Krise mit neuen blutigen Ausschreitungen führen könnte. Die klaren Verhältnisse, die die Bevölkerung mit ihrem Stimmverhalten schuf, dürften dies aber zunächst verhindern. Bereits Wochen vor dem Urnengang zogen ausländische Investoren Gelder aus der zweitgrößten Volkswirtschaft Südostasiens ab.

Thaksin hatte nach dem Verbot seiner People’s Power Party diese unter dem Namen Pheu Thai neu gegründet. Obwohl der wegen Korruption verurteilte Ex-Premier - der mit seinem unorthodoxen, kompromisslosen Politstil und ebensolchen Sozialmaßnahmen vor 2006 für Aufsehen gesorgt hatte - in Dubai im selbstgewählten Exil lebt, hat er weiterhin de facto das alleinige Sagen. So setzte er - trotz Bedenken mancher Parteifunktionäre - auch durch, dass seine politisch völlig unerfahrene 44-jährige Schwester Yingluck als Spitzenkandidatin nominiert wird.

Flucht vor Strafverfolgung

Thaksin Shinawatra wurde 2006 in einem Militärcoup aus dem Amt gejagt. Ihm wurde Korruption und illoyales Verhalten gegenüber dem Königshaus vorgeworfen. Thaksin flüchtete ins Ausland und wurde in Abwesenheit zu einer Haftstrafe wegen Korruption verurteilt.

Nicht nur Stellvertreterin

Binnen weniger Wochen erwies sich das als Glücksgriff. Denn trotz der geballten Front von Regierung sowie der mächtigen Armee lag die in Thailand als „hot“ geltende, stets mit einem breiten Lächeln auftretende Businessfrau in den Umfragen weit voran.

Ihr half natürlich, dass die Pheu-Thai-Anhänger sie sofort als „Stellvertreterin“ des von ihnen weiterhin hochgeschätzten Thaksin verstanden. Dazu verleiht ihr der Familienname Prominenz auch über das eigene Lager hinaus. Laut dem Asien-Korrespondenten des Wirtschaftsmagazins „Economist“ gelang es Yingluck zudem, Frauen für sich zu gewinnen. Yingluck war die erste Frau, die sich in Thailand um den Posten des Regierungschefs bewarb.

Außerdem sei die 44-Jährige politisch wohl erfahrener, als es ihr Lebenslauf vermuten lasse. Immerhin studierte sie Politikwissenschaften und wuchs in einer Familie von Politikern auf. Neben ihrem Bruder saß auch ihr Vater als Abgeordneter für die nordwestliche Stadt Chang Mai im Parlament.

Armee warnt

Vor allem so der „Economist“-Korrespondent sei die junge Yingluck von einem Team erfahrener Politiker und Wahlkampfmanager umgeben, die eine wohlchoreografierte Kampagne aufzogen. Viele ihrer Mitarbeiter waren bereits für ihren Bruder erfolgreich tätig gewesen. Dieser hatte seine Schwester unmittelbar nach ihrer Nominierung öffentlich abwertend als seinen „Klon“ bezeichnet. Mit ihrer Hilfe will er offenbar auch sicherstellen, die alleinige Kontrolle über die Partei zu bewahren.

Schwere Vorwürfe gegen Thaksin

Gegen Thaksin wurden unterdessen kurz vor der Wahl neue Vorwürfe laut: Wie der britische „Independent“ unter Berufung auf vertrauliche Diplomatendepeschen berichtet, habe sich Thaksin während seiner Amtszeit persönlich bereichert und die Politik in Thailand dominiert „wie niemals zuvor gesehen“. Um gegen Aufrührer im Süden des Landes vorzugehen, peitschte er etwa eine Notverordnung durch, die Sicherheitskräften laut Aktivisten eine „Lizenz zum Töten“ gab.

Thailand bleibe eine Demokratie, aber eine in der das Verhältnis zwischen den politischen und gesellschaftlichen Kräften aus dem Gleichgewicht geraten ist, schrieb laut Independent der damalige US-Botschafter Ralph „Skip“ Boyce in einer Depesche nach Washington.

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