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Ein bewegtes Leben

Als Otto Habsurg am 20. November 1912 in Reichenau an der Rax das Licht der Welt erblickte, ahnte niemand, welches Schicksal dem Habsburger-Spross, Sohn von Erzherzog Karl und Zita von Bourbon-Parma, beschieden sein würde. Infolge der Todesschüsse von Sarajevo am 28. Juni 1914 wurde Ottos Vater Thronfolger und bestieg nach dem Tod von Kaiser Franz Joseph mitten im Ersten Weltkrieg den Thron.

Am 11. November 1918 unterzeichnete der später seliggesprochene letzte Habsburger-Kaiser Karl I. eine Verzichtserklärung, die er später widerrufen sollte, dankte aber nicht formell ab. Einen Tag darauf wurde die Republik Österreich ausgerufen. Die Donaumonarchie brach auseinander.

Jahre im Exil

Ottos frühe Kindheitserinnerungen waren geprägt vom Ersten Weltkrieg und den Exiljahren. Er war sechs Jahre alt, als seine Eltern 1919 ins Schweizer Exil reisten. 1921 fand die kaiserliche Familie Zuflucht auf Madeira. Als der Ex-Kaiser dort 1922 starb, hinterließ er eine 30-jährige Witwe mit sieben Kindern. Die Wanderjahre der Familie gingen weiter; bis 1929 lebte sie in Lequeitio im spanischen Baskenland, später im belgischen Steenokkerzeel.

Otto genoss eine europäische Erziehung. Als Kind wurde er in Ungarisch, Tschechisch und Deutsch unterrichtet und lernte kroatische Gebete. Seine Matura legte er nach österreichischem und ungarischem Lehrplan in Spanien ab. An der Universität von Löwen in Belgien erwarb er 1935 ein Doktorat in Politik- und Sozialwissenschaft.

Zunächst kein Verzicht auf Thron

Eine Rückkehr nach Österreich war Otto vorerst durch die Habsburger-Gesetze verwehrt. Am 3. April 1919 hob dieses Verfassungsgesetz alle Herrscherrechte des Hauses Habsburg auf, verbot die Adelstitel und verwies alle Habsburger, die nicht auf ihre Vorrechte verzichteten, des Landes. Weder Ex-Kaiser Karl noch Zita verzichteten jemals auf ihre Thronansprüche.

Zita wurde 1982 vom SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky nach Intervention des spanischen Königs Juan Carlos dennoch nach 63 Exiljahren die Heimkehr ermöglicht. Nach ihrem Tod wurde die Ex-Kaiserin 1989 in der Kapuzinergruft nach alter Tradition bestattet.

Geheimtreffen mit Schuschnigg

1935 wurden die Habsburger-Gesetze im Ständestaat aufgehoben. Nach einem Geheimtreffen in der Schweiz mit Bundeskanzler Kurt Schuschnigg verzichtete der Sohn des letzten Kaisers vorerst auf eine Rückkehr nach Österreich, da Hitler das als „Casus Belli“ betrachtet hätte.

Im Frühjahr 1938 lehnte Schuschnigg Forderungen Otto Habsburgs ab, die jener in einem Briefwechsel erhob: Annäherung an die Westmächte, Ausgleich mit den Sozialdemokraten und angesichts des Drucks Hitlers die Übertragung der Kanzlerschaft.

Haftbefehl der Nazis

Der Einmarsch in Österreich am 11. März 1938 vollzog sich unter dem Codenamen „Otto“. Die Nazis verfügten neuerlich Enteignung und Landesverweisung der Habsburger. Gegen den Chef des Hauses Habsburg wurde Haftbefehl wegen Hochverrats erlassen, da er in Frankreich zum Widerstand gegen den Anschluss durch Nazi-Deutschland aufrief.

Über Spanien und Portugal floh Otto mit seinem Bruder Carl Ludwig in die USA, wo er die Kriegsjahre 1940-44 verbrachte. Er gewann das Vertrauen von Präsident Franklin D. Roosevelt und betrieb im US-Kongress Lobbying für ein selbstständiges Österreich.

Wirbel um Verzichtserklärung

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Habsburger-Gesetze wieder in Kraft gesetzt. Österreichischen Boden betrat Otto erstmals in Tirol 1945 - doch nur für wenige Stunden, da ihm die Ausweisung drohte. Am 31. Mai 1961 gab er seine Verzichtserklärung ab.

Turbulente Ereignisse folgten: Im Ministerrat der Großen Koalition kam keine Einigung zustande, der Verfassungsgerichtshof erklärte sich unzuständig. Für den Verwaltungsgerichtshof war Ottos Erklärung ausreichend, doch am 4. Juli 1963 erklärte der Nationalrat ihn mit den Stimmen von SPÖ und FPÖ für unerwünscht.

Handschlag mit Kreisky

Erst am 1. Juni 1966 erhielt Otto Habsburg einen österreichischen Reisepass ohne Einschränkungen. Seine erste Kurzreise nach Tirol am 31. Oktober 1966 führte zu Protesten. Im Mai 1972 schließlich, beim 50. Jubiläum der Paneuropa-Union, erfolgte in Wien der historische Handschlag zwischen dem Chef des Hauses Habsburg und Bundeskanzler Kreisky.

Protest gegen Habsburger-Gesetze

Die Aufrechterhaltung der Habsburger-Gesetze hat Otto wiederholt als „diskriminierend“ und menschenrechtswidrig bezeichnet. Schließlich setzten sich alle Parlamentsparteien, auch FPÖ, Liberale und Grüne, für die Aufhebung der Gesetze ein.

Dass die SPÖ weiter daran festhielt, brachte ihr seitens der ÖVP den Vorwurf des „Habsburger-Kannibalismus“ ein. Der Passus über das Einreiseverbot nach Österreich ist seit 1996 erloschen, seit Ottos Brüder Felix und Carl Ludwig entsprechende Erklärungen abgaben.

20 Jahre im EU-Parlament

1978 erhielt Otto auch die deutsche Staatsbürgerschaft, die ihm eine politische Tätigkeit für die bayrische CSU gestattete. Seit 1979 saß er als CSU-Abgeordneter dann 20 Jahre lang im Straßburger EU-Parlament.

Die zweite Achse seiner politischen Tätigkeit war die Paneuropa-Bewegung: 1936 fand seine erste Begegnung mit dem Paneuropa-Gründer Richard von Coudenhove-Kalergi statt, dem er selbst an der Spitze der Bewegung nachfolgen sollte. Otto Habsburg wurde schließlich zum Ehrenpräsidenten der Internationalen Paneuropa-Union ernannt.

40 Bücher und unzählige Auszeichnungen

Fast 40 Bücher und unzählige Auszeichnungen zeugen vom emsigen Schaffen des polyglotten Aristokraten. 1951 hatte der Doppelstaatsbürger Otto Habsburg - in Deutschland durfte er das „von“ behalten - in Nancy die deutsche Prinzessin Regina von Sachsen-Meiningen geheiratet. Seit 1954 lebte die Familie in Pöcking am Starnberger See. Der Ehe entstammen zwei Söhne und fünf Töchter.

Einige der Nachkommen sind ebenfalls politisch aktiv, wie Tochter Walburga in Schweden und Sohn Georg in Ungarn. Sohn Karl war in Österreich und im EU-Parlament nicht so erfolgreich wie sein Vater. Mehr als symbolische Nähe zu den ehemaligen Kronländern der k. u. k. Monarchie spiegelt sich auch im kulturellen Engagement von Habsburgs Tochter Gabriela und seiner Schwiegertochter Francesca.

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