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Besorgniserregende Synergieeffekte

„Die Ergebnisse sind schockierend“: Mit diesen Worten hat der Leiter des Internationalen Ozeanprogramms (IPSO), Alex Rogers, kürzlich die Erkenntnisse einer aktuellen Studie zum Zustand der Weltmeere zusammengefasst. Die Besorgnis scheint berechtigt zu sein, da die an der Studie beteiligten Experten offen vor einem beispiellosen Artensterben warnen.

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Grund dafür sei die Wechselwirkung von Überfischung, Umweltverschmutzung und Klimawandel, die bisher in diesem Ausmaß nicht wahrgenommen worden sei. Angesichts von Entwicklungen, die man bisher „selbst in hundert Jahren nicht erwartet“ hätte, bestehe nun ein „hohes Risiko“, dass für das Leben in den Ozeanen nun eine Phase des Massensterbens beginne, wird Rogers von der britischen BBC zitiert.

Zeit zum Handeln „ist jetzt“

Allein die Kohlendioxidkonzentration in den Ozeanen sei derzeit bereits höher als beim letzten großen Artensterben vor 55 Millionen Jahren, als fast die Hälfte der Tiefseetiere verschwand.

Dazu kommen weitere Auswirkungen der Umweltverschmutzung - darunter etwa riesige Mengen an Plastikmüll, die nicht nur im Wasser, sondern nun auch auf dem Meeresgrund zu finden seien. Bestimmte Stoffe wie künstlicher Moschus aus Reinigungsmitteln könne mittlerweile sogar im Polarmeer und in den Fischen selbst nachgewiesen werden. Auch weitere chemische Substanzen, darunter etwa Rückstände von Düngemitteln aus der Landwirtschaft, bedrohen das ökologische Gleichgewicht der Meere. „Der Ozean ist das größte Ökosystem der Erde, das unsere Welt bewohnbar macht“, sagten die Forscher. Vor allem die Hochsee müsse daher besser geschützt werden. Die Zeit zum Handeln sei jetzt.

Meeresspiegel steigt in Rekordtempo

Zentrales Thema dürfte dort auch die Gefahr steigender Meeresspiegel sein, vor denen nicht nur in der IPSO-Studie gewarnt wird. Auch eine in der US-Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ („PNAS“) publizierte Studie kam zuletzt zum Schluss, dass der Pegel der Weltmeere derzeit weit schneller steigt als je zuvor in den vergangenen 2.000 Jahren.

Seit Beginn der Industrialisierung gehe die Kurve „steil nach oben“, erklärte das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Insgesamt stieg der Meeresspiegel seit Ende des 19. Jahrhunderts um rund 20 Zentimeter.

Die Wissenschaftler untersuchten Ablagerungen an der Atlantikküste der USA und rekonstruierten die Veränderungen des Meeresspiegels. Zumindest in den vergangenen 1.000 Jahren könne das Auf und Ab der globalen Durchschnittstemperatur das Verhalten des Meeresspiegels erklären, schreiben die Forscher. Bisher war der enge Zusammenhang zwischen Lufttemperatur und Meeresspiegelanstieg nur für die vergangenen 130 belegt worden. Die neuen Daten erhärten demnach die Annahme, dass der Meeresspiegel umso rascher steigt, je wärmer das globale Klima wird.

„Desaströse Folgen des Klimawandels“

Das zeitliche Zusammentreffen des beschleunigten Meeresspiegelanstiegs mit dem Beginn der Industrialisierung werten die Wissenschaftler als deutlichen Hinweis darauf, dass der Mensch mit seinen Treibhausgasen das Klima immer weiter aufheizt. „Der Anstieg des Meeresspiegels ist eine potenziell desaströse Folge des Klimawandels, weil steigende Temperaturen das Eis an Land schmelzen lassen und das Wasser der Ozeane erwärmen“, erklärte Benjamin Horton von der University of Pennsylvania, einer der Autoren.

Wird Wasser erwärmt, dehnt es sich aus, und der Meeresspiegel steigt. Die zweite wesentliche Ursache sei das Abschmelzen von Gebirgsgletschern und großer Eismassen in Grönland und der Antarktis, wodurch zusätzliches Wasser ins Meer gelangt.

Vier Phasen

Die Forscher untersuchten in Bohrkernen aus Salzwiesen an der nordamerikanischen Küste fossile Kalkschalen von Einzellern, die ein natürliches Archiv der Pegelstände des Ozeans sind. Menge und Art dieser Kalkschalen zeigen den Wasserstand vergangener Jahrhunderte an, weil die Arten jeweils in einer ganz bestimmten Höhe im Gezeitenbereich leben.

Die Daten zeigen demnach vier Phasen: Von 200 vor Christus bis zum Jahr 1000 nach Christus war der Meeresspiegel stabil. Ab dem 11. Jahrhundert stieg er 400 Jahre lang um etwa fünf Zentimeter pro Jahrhundert. Diesen Anstieg konnten die Forscher in Modellrechnungen mit der mittelalterlichen Warmperiode erklären. Es folgte eine weitere stabile Periode mit kühlerem Klima, die bis ins späte 19. Jahrhundert reichte. Seither ist der Meeresspiegel im Zuge der globalen Erwärmung um rund 20 Zentimeter gestiegen.

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