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Vom „Pisswinkel“ ins MOCA und retour

Vor ein, zwei Jahren wurde bereits gemunkelt, jetzt verdichten sich die Hinweise: Street-Art könnte das „Next Big Thing“ werden, auch auf dem Kunstmarkt. Die Straße und die Populärkultur sind ohnehin längst erobert. Jean-Michel Basquiat und Keith Haring bekommen eine junge Generation an würdigen Nachfolgern zur Seite gestellt. Einer davon ist der belgische Künstler Roa.

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Er ist derzeit für einen Monat Artist in Residence im Wiener MuseumsQuartier (MQ), stellt in der Galerie Inoperable im siebenten Bezirk seine Bilder aus und malt auf legalen Flächen in der Stadt seine riesenhaften, gespenstisch anmutenden Tierfiguren. Die auf ein Monat ausgelegte Kooperation war längst ausgemacht und erwies sich als Glücksfall. Vor allem für die Galerie Inoperable hat sich ihr langjähriges Engagement im Bereich Street-Art ausgezahlt.

Skizze des Streetart-Künstlers ROA zeigt ein Gürteltier

ORF.at/Dominique Hammer

Werk von Roa in der Galerie Inoperable

Nicht nur die Starparade

Denn Roa war heuer im Frühsommer einer der interessantesten Künstler in der ersten großen Sammelausstellung für „Art In The Streets“ in einem international anerkannten Haus - im Museum of Contemporary Art (MOCA) in Los Angeles. Dort wurde einem internationalen Publikum neben den beiden Superstars Banksy (mittlerweile in der Szene verhasst) und Shepard Fairey (er ist für das ikonische Obama-Bild verantwortlich) einige Künstler vorgestellt, die nicht minder spannende Werke abliefern - darunter Know Hope, RAMM:ELL:ZEE, Os Gemeos und eben Roa.

Werke von Roa sind in Wien in der Siebensterngasse zu sehen, in der Bandgasse gleich ums Eck von der Westbahnstraße (über das Tor in den Innenhof blicken), am Naschmarkt und auf dem Liftturm der „Street Art Passage Vienna“ im MQ. Zwei Riesenbilder sollen nächsten Frühling in der Nähe von Wien entstehen. Genaueres wird noch nicht verraten.

Ausstellungshinweis

Roa Decomposition, noch bis 29. Oktober, Galerie Inoperable, Burggasse 24, 1070 Wien, dienstags bis freitags von 13.00 bis 18.00, samstags von 13.00 bis 17.00 Uhr.

Nicht mehr herumwurschteln müssen

Anhand seiner Biografie lässt sich die Geschichte der Street-Art rekonstruieren. Der 1976 geborene Künstler hat als 13-Jähriger Graffiti kennengelernt, die Hip-Hop-Variante von Street-Art mit den fetten, bunten Schriftzügen. Er und seine Freunde fuhren Skateboard und hätten anfangs nicht einmal gewusst, dass der Witz bei Graffiti sein hätte sollen, immer wieder den eigenen Künstlernamen an die Wände zu sprühen, erzählte Roa im Interview mit ORF.at. Sie hätten eben irgendwelche Ausdrücke an die Wand gesprayed, die sie gerade cool gefunden hätten, in bunten Farben, mit Blasen drumherum.

Den klassischen Style der von New York ausgehenden Graffiti-Szene perfektionierte er im Lauf der Jahre - und verdiente erstmals auch Geld damit, nicht so sehr mit Aufträgen für Wände, sondern mit Graffiti-Workshops für Kinder. Das reichte noch nicht zum Leben, weitere Nebenjobs mussten her - und irgendwann war Roa frustriert, von Belgien, der Kunst und seinem Leben. Knapp dreißig und noch immer herumwurschteln, zwar mit Kunst Geld verdienen - aber auf welche Weise? Es musste sich etwas ändern. Und was sich änderte, war sein Stil.

Skizze des Streetart-Künstlers ROA zeigt eine Ratte

ORF.at/Dominique Hammer

Häufiges Motiv: Hängende Kadaver

Fressen und gefressen werden

Schon als Kind war Roa von Tieren fasziniert gewesen und hatte Skelettteile mit nach Hause genommen, oder junge, aus dem Nest gefallene Vögel, die dann leider doch nie durchkamen. Die Faszination blieb, immer wieder malte er für sich selbst Tiere. Nun sollten sie sein großes Thema werden und das Graffiti-Writing ablösen. Es sind archaische, rohe, riesige Bilder in Schwarz-Weiß, die Roa malt - verrottende Tiere, Tiere, denen die Haut abgezogen wurde, Tiere, die kurz davor sind, gefressen zu werden. Je nachdem, wie viel Platz ist, können die Bilder bis zu dreißig Meter hoch werden.

Roa malt an jedem Ort genau die Tiere, die es früher dort gegeben hat oder immer noch gibt. Die Menschen, sagt er, hätten die Natur reguliert und kontrolliert, so weit, dass viele Arten ausgerottet worden seien oder aus ihren Territorien verdrängt wurden. Er bringt sie zurück, riesenhaft und gespenstisch und zwingt Passanten dazu, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. In unterschiedlichen Ländern hätten Tiere außerdem unterschiedliche Bedeutungen - der Interpretationsspielraum sei unermesslich. Oft ist der Künstler, der im Interview leise und bedacht spricht, überrascht, welche Wirkung er mit seinen Bildern im Straßenraum erzielt und welche Bedeutung ihnen zugemessen wird.

An den Rand gedrängt

Die Tiere sind wegreguliert worden - und dasselbe versucht man auch mit Graffiti und mit „Problemvierteln“ in großen Städten. Bei Roa trifft sich das alles - die Straße, die schwierigen Gegenden, die „Pisswinkel“, wie er das nennt, und die Tiere. Das Konzept hatte von Anfang an Erfolg, durch das Internet verbreiteten sich seine Bilder rasant und vor zwei, drei Jahren begann seine Karriere durchzustarten. Angebote kamen aus aller Welt, und Roa nahm sie gerne an. Die Ausstellung im MOCA war der jüngste Höhepunkt.

Skizze des Streetart-Künstlers ROA zeigt einen gehäuteten Hasen

ORF.at/Dominique Hammer

Das Prinzip Gunther von Hagens

Krawatten statt Kapuzenpullis

In der Galerie Inoperable waren die Werke in der Ausstellung bereits am Eröffnungsabend so gut wie ausverkauft. Wie bei Street-Art mittlerweile häufig, war auch diesmal mehr klassisches Kunst- als Graffiti-Publikum anwesend. Man sah mehr Krawatten als Hoodies. Auch die Werke um einige Tausend Euro pro Stück gingen weg, Sammler waren auf Einkaufstour. Dreht man da nicht durch, wenn man sich gerade noch mit Kinderworkshops durchgeboxt hat?

Roa sitzt im siebenten Bezirk in Wien in einem Innenhof zwischen zwei Häusern, die demnächst abgerissen werden sollen, dreht sich eine Zigarette und lässt seinen Blick vom gerade eben vollendeten Riesenfuchs hin zu seinem verbeulten, uralten VW Polo schweifen. Er brauche keine Limousine und keinen Pool. Aber die Perspektive, sein Leben lang so Kunst machen zu können, wie er das will, weiterhin herumreisen und dabei viele Menschen abseits von Touristenpfaden kennenlernen zu können, die mache ihn glücklich.

Kommerzfalle zugeschnappt?

Die Debatte innerhalb der Street-Art-Szene, ob es verwerflich sei, neben den unverkäuflichen Bildern an Wänden im urbanen Raum auch verkäufliche Bilder für Galerien und Museen zu malen, läuft seiner Meinung nach in die falsche Richtung. Wer einfach nur seine Straßenbilder auf Leinwand sprühe, produziere meist langweilige Kunst.

Wer sich aber auf andere Medien einlasse und mit ihnen spiele, dem würden sich hingegen neue kreative Möglichkeiten eröffnen. Das sieht man auch den Werken in der Galerie an - die sich mit dem Raumkonzept und dem Medium Papier auseinandersetzen.

„Heat-seeking missile“

Die Ausstellung im kalifornischen MOCA mit Street-Art war übrigens ein Volltreffer von dessen neuem Direktor Jeffrey Deitch. Die Show war so erfolgreich, dass sie nicht nur die bei weitem meistbesuchte in der Geschichte des Hauses war, sondern sogar dafür gesorgt haben dürfte, dass sich der Besucherstrom des MOCA im Vergleich zum Vorjahr verdoppeln wird. Wie sangen Chicks on Speed 2007 im Lied „Art rules“? „Always in the front row, it’s Jeffrey Deitch, the heat-seeking missile.“ Und in der Hitze der Stadt ist Street-Art am heißesten, zumindest bis zum nächsten Hype.

Simon Hadler, ORF.at

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