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Viel Schatten, wenig Licht

In seiner Dokumentation „Bulb Fiction“ will Regisseur Christoph Mayr die Mechanismen transparent machen, die zum „Glühbirnenverbot“ der EU geführt haben. Nicht den gesamten Film über gelingt ihm das auf gleichbleibendem Niveau.

Ein bisschen spät ist es schon dafür, das Glühlampenverbot - die EU-Verordnung 244/2009 - wieder rückgängig zu machen, doch Widerstand ist machbar, darauf verweist grafisch sehr gelungen das Plakat zu „Bulb Fiction“: eine Glühbirne (englisch: „bulb“), deren Glühdraht zur wütend, wenn nicht gar siegessicher erhobenen Faust umgeformt ist.

„Bulb Fiction“, der neue Dokumentarfilm des 40-jährigen Tirolers Christoph Mayr („Die letzten Zöglinge“), will aber gar nicht in erster Linie ein Loblied auf die gute alte Thomas-Alva-Edison-Birne singen. Es geht Mayr darum, zu zeigen, wie es kam, dass die EU am 17. Februar 2009 das Verbot der Glühbirne beschloss - über die Köpfe der Verbraucher hinweg.

Filmszene von "Bulb Fiction"

Thimfilm

Das Problem mit der Endlagerung

Das anstrengende Flackern

Auch wenn so mancher EU-Bürger durch immer neue Brüsseler Verordnungen und Gesetze mittlerweile abgestumpft oder verdrossen geworden sein mag - für den interessierten Kinogänger ist es gleichwohl befriedigend, von seinem bequemen Sessel aus zu verfolgen, welche Strapazen ein couragierter Mann mit Baseballmütze - der Regisseur auf Recherchetour - auf der Leinwand da auf sich nimmt.

Das nimmt der Regisseur auf sich, um zu beweisen, dass die Energiesparlampe erstens gefährliche Schwermetalle wie Quecksilber enthält, zweitens beim Betrieb ein wenig ausgewogenes Farbspektrum und ein für das menschliche Auge unsichtbares, doch für den Organismus anstrengendes Flackern verursacht, drittens auf den Sondermüll gehört - und dann noch nicht einmal etwas zum Wohle des Weltklimas beiträgt.

Parallelen zu „Plastic Planet“

„Bulb Fiction“ ist ein filmisches Pamphlet, das von denselben Produzenten wie „Plastic Planet“ finanziert wurde. Tatsächlich ähnelt die Machart der erhellenden Energiesparlampendoku in mancher Hinsicht dem kunststoffkritischen Film von Werner Boote. Unermüdlich ist auch Mayr von Pontius zu Pilatus gefahren, um vor Augen des (mutmaßlich) glühbirnenaffinen Publikums alle Facetten der Energiesparlampenlegende, die von der Industrie mit Erfolg in die Welt gesetzt wurde, zu demontieren.

Filmszene von "Bulb Fiction"

Thimfilm

Arbeit unter gesundheitsgefährdenden Bedingungen

Doch mitunter ist er dabei übers Ziel hinausgeschossen. Verwirrung und ein Overkill an Informationen stellen sich während Mayrs Suche nach der Wahrheit ein. Denn was tragen etwa die Bilder aus Schanghai und den Energiesparlampen-recycelnden Werkstätten Indiens dazu bei, die Mechanismen zu zeigen, die zum Glühbirnenverbot führten? Im Sinne dieser seiner Absicht und der dramaturgischen Stringenz hätte sich Mayr manchen Ausflug in die weite Welt sparen und sich aufs Epizentrum des Problems konzentrieren können - auf Brüssel.

Zweiter Wermutstropfen: Wie Boote in „Plastic Planet“ verlässt sich auch Mayr zur Verdeutlichung technischer, politischer und ökonomischer Prozeduren auf animierte Sequenzen - bloß, dass sie in „Bulb Fiction“ weniger originell gestaltet sind und an einen biederen Schulungsfilm erinnern.

Quecksilberanalyse im Prater-Reaktor

Das tut dem investigativen Antrieb des Filmemachers freilich keinen Abbruch: Mayr ist tief in die Materie eingestiegen, hat eine Familie gefunden, deren Kind vom Quecksilber einer zerbrochenen Energiesparlampe Schädigungen erlitten hat. Er hat mit Baubiologen gesprochen, die die Lichtqualität dieser umgebauten Leuchtstoffröhre untersuchen. Er war im Forschungsreaktor im Wiener Prater, um analysieren zu lassen, wie viel Quecksilber eine Energiesparlampe wirklich enthält. Und er führt die Zuschauer in die Ikea-Zentrale, wo der Nachhaltigkeitsbeauftragte so schlecht vorbereitet zum Interview erscheint, als nähme er den Fragesteller gar nicht ernst.

Baseballschläger gegen Glühbirnen

Die komischste (nachgedrehte) Episode in „Bulb Fiction“ spielt freilich auf Kuba und zeigt ein Zweimannteam mit Baseballschlägern, das im Auftrag der Regierung von Tür zu Tür geht, alle vorhandenen Glühbirnen aus den Fassungen dreht und kurz und klein schlägt. Wer hätte gedacht, dass Kuba das weltweit erste Land ist, das sich vorgenommen hat, 100-prozentig glühbirnenfrei zu sein?

Brüssel und besonders Greenpeace kommen in „Bulb Fiction“ übrigens ziemlich schlecht weg. Die EU erscheint wie ein DDR-Politbüro, wo Entscheidungen der Spitze einfach hinzunehmen sind und kritische Journalisten-Nachfragen lediglich Pseudostatements schmallippiger Pressedamen auslösen. Christoph Mayr sagt im Interview mit ORF.at, dass er kein EU-Gegner ist - sein Film jedoch legt das Gegenteil nahe.

Ein Denkmal für die Glühbirne

Lob gebührt dem Filmemacher jedenfalls dafür, dass er auch eine sich stets als Ultima Ratio gerierende Organisation wie Greenpeace kritisch hinterfragt. Denn Greenpeace, zeigt der Film, hat sich schon ganz früh publikumswirksam darauf eingeschossen, die Energiesparlampe zu pushen - und ist dabei geblieben, auch nachdem eine unabhängige Studie zu einer ganz anderen Umweltbilanz für die Lampe gekommen ist als der bejubelten Kohlendioxid-Einsparung.

Und: Es ist Mayr zu danken, dass er mit „Bulb Fiction“ der Edison-Glühbirne ein Denkmal gesetzt hat - bevor sie ganz verlöscht. Die Österreichische Filmkommission zeichnete den Film mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ aus.

Alexander Musik, ORF.at

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