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Am stärksten wachsender Bezirk

Der 16. Wiener Gemeindebezirk hat sich zur Gegenwart hin stark gewandelt. Einst der Arbeiterbezirk schlechthin, bezeichnete die „Zeit“ Ottakring kürzlich als „neue Republik Bionade“ und zielte dabei auf das Schickwerden von Neulerchenfeld bei einer jungen Generation, die in einem Viertel heimisch wurde, wo sonst türkische Lokale und Haushaltswarengeschäfte das Straßenbild geprägt haben.

Ottakring ist, wie ein Blick in die Geburtenstatistik zeigt, der Bezirk, der sich am stärksten vermehrt (auf 94.736 Einwohner kamen 2009 1.105 Neugeborene). Wo heute die Familie Yilmaz aus Anatolien lebt, stellten einst Familien mit den Namen Czerny, Prohaska und Co. den größten Anteil der Zugezogenen. Nur in Favoriten wohnten im 19. Jahrhundert mehr Tschechen als in Ottakring. Im Jahr 1900 war Ottakring mit 148.652 Einwohnern der bevölkerungsreichste Bezirk der Hauptstadt und schon damals ein Zentrum der Arbeiterbewegung.

Traditionell „rot“

Politisch ist der einstige Arbeiter- und Handwerkerbezirk Ottakring traditionell ein „roter“ Bezirk, wobei die KPÖ unter Theobald Wiesinger 1945 und 1946 den ersten Bezirksvorsteher der Stadt stellte. Ottakring lag damals in der französischen Besatzungszone.

Legendär als Bildungseinrichtung ist das Volksheim Ottakring, das heute die Volkshochschule Ottakring beheimatet: Die Anfang des 20. Jahrhunderts von Ludo Moritz Hartmann und Emil Reich gegründete Erwachsenenbildungseinrichtung war in der Zwischenkriegszeit von großer kultureller und politischer Bedeutung. In ihr bildeten sich Autodidakten wie Fritz Hochwälder und Alfons Petzold. Unter Viktor Matejka war das Volksheim ein Zentrum oppositionellen Denkens gegen den autoritären Ständestaat.

Synonym für Integration?

Heute ist Ottakring, konkreter das Viertel Neulerchenfeld, auch dank medialer Unterstützung fast schon zum Synonym für Integration in Wien geworden. Veranstaltungen ohne Ende zwischen Kunst, Yoga-Gruppe und politischer Debatte fördern die Dauerselbstthematisierung des Lebens in 1160 Wien. Dabei sagt ein nüchterner Blick in die Statistik: Ottakring ist mitnichten der Wiener Bezirk mit dem höchsten Anteil an Ausländern oder Österreichern mit Migrationshintergrund. Ottakring rangiert bei der Ausländerquote auf Platz fünf. Am höchsten ist sie im benachbarten Rudolfsheim-Fünfhaus.

Karte von Ottakring und dem Viertel Neulerchenfeld

Wikipedia/Eknuf

Ein Bezirk und seine zwei ungleich großen Teile: viel Ottakring und ein bisschen Neulerchenfeld

Einst gefährlich, heute hip

Die Aspekte zwischen zuziehender Bevölkerung und dem schon eigentlich als eingesessen zu bezeichnenden Mix an verschiedenen Kulturen zwischen Thalia- und Ottakringer Straße nimmt der nun erscheinende „Reiseführer“ „Balkanmeile Ottakringer Straße“ in den Blick, der nicht nur am Beispiel der einst als „gefährlichste Straße Wiens“ verschrieenen Ottakringer Straße zeigen will, dass Stadtentwicklung, wie die Mitherausgeberin Elke Krasny schreibt, „nicht nur eine physisch-technische Angelegenheit, sondern in hohem Maß auch eine kulturelle ist“.

Im Zentrum der Untersuchung zu den Entwicklungen im Bezirk steht das Stadtforschungsprojekt „Reisebüro Ottakringer Straße“, das im Rahmen der letzten SOHO-in-Ottakring-Aktion ins Leben gerufen wurde und verschiedene Diskussionsveranstaltungen zum Thema kulturelle und vor allem soziale Wandlungsprozesse im Bezirk angestoßen hat. Eng gekoppelt sind die Aktivitäten des „Reisebüros“ an die Gebietsbetreuungen für den 16. sowie für den 17. und 18. Bezirk.

„Idyll für eklektische Besserverdiener“

Von einem „Idyll für eklektische Besserverdiener“ schrieb „Die Zeit“ überspitzt. Und auch wenn Neulerchenfeld nicht der Prenzlauer Berg ist, so scheint das Steigen von Wohnungs- und Mietpreisen weiter unaufhaltsam. Im Schnitt beträgt der Bruttomietzins für eine Kategorie-A-Wohnung in Gürtelnähe zwölf Euro pro Quadratmeter. In Wien-Neubau sind es 13 Euro, in der noblen Josefstadt 14 Euro pro Quadratmeter.

Für eine sanierte Eigentumswohnung im Dachgeschoß in der Nähe des Yppenplatzes treibt das knappe Angebot im Moment die Kaufpreise ohnedies weiter in die Höhe. Wo man noch vor zwei Jahren für 100 Quadratmeter mit 300.000 Euro Kaufpreis dabei war, sind heute schon deutlich höhere Finanzmittel nötig.

Investitionen gegen soziale Kluft

Von der Gefahr, dass das Viertel gerade um den Brunnenmarkt sozial weiter auseinanderdriftet, schrieb der „Standard“ schon vor zwei Jahren. Die Stadt investiert seit Jahren in die Sanierung von Substandardwohnungen und ganzen Straßenzügen. Allein in die Erneuerung des Brunnenmarkts, der mit wöchentlich 59.000 Besuchern laut stadtinterner Zählung mehr Besucher als der Naschmarkt aufweist, wurden fünf Millionen Euro gesteckt.

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